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       # taz.de -- Kinotipp der Woche: Klang im Detail
       
       > Nick Cave bevor er Nick Cave war: Mit Dokus wie „Mutiny in Heaven“ folgt
       > das Soundwatch Festival der Musikgeschichte bis in die feinsten
       > Nerd-Ecken.
       
   IMG Bild: Berlin-Premiere am 11. November im Lichtblick-Kino: „Mutiny in Heaven“ (R: Ian White, AUS 2023)
       
       Es ist ja nicht so, dass Leben und Wirken von Nick Cave im Genre
       Dokumentarfilm bislang unterbelichtet geblieben wäre. Ganz im Gegenteil,
       Nick Cave als Goth-Ikone, als Buddy von Kylie Minogue, als Schmerzensmann,
       all das ist in gleich mehreren Portraits gut dokumentiert.
       
       Aber bei einer derart schillernden und faszinierenden Figur kann es
       lohnenswert sein, immer noch mehr Details herauszuarbeiten. Und so dreht
       sich die Dokumentation „Mutiny in Heaven: The Birthday Party“ von Ian White
       nur um die Zeit, bevor Cave unter eigenem Namen zum [1][Indie-Rockstar]
       schlechthin wurde.
       
       Erst war er der Kopf der Boys Next Door, die Ende der Siebziger eine Platte
       aufnahmen und dann ging es weiter als The Birthday Party, die heute als
       eine der einflussreichsten Postpunkbands überhaupt gelten.
       
       Um wirklich etwas zu erreichen, zogen sie von Australien nach London,
       [2][dem damaligen Zentrum der Bewegung]. Der extrem schroffe Gitarrensound,
       Caves außergewöhnliche Live-Darbietungen, bei denen er sich die Seele aus
       dem Leib schrie und wie unter Elektroschocks auf dem Boden wälzte,
       verschafften ihnen schnell den Status einer Kultband.
       
       „Mutiny in Heaven“ zeigt, dass diese nicht bloß von der Präsenz ihres
       Sängers zehrte, sondern vor allem auch von Rowland S. Howards einzigartig
       kaputten Riffs auf seinem Instrument. Es ist schön, dass der Gitarrist, der
       vor 14 Jahren gestorben ist, in Archivaufnahmen auftaucht und
       verdientermaßen als ebenso wichtiger Faktor für die Band beschrieben wird,
       wie Cave.
       
       Die Doku zeigt den wilden Ritt der Combo, die immer mehr im Drogensumpf
       versank, dann nach Berlin zog, wo das Kokain billiger war als in London.
       Man befreundete sich mit den [3][Einstürzenden Neubauten], war weiterhin
       kreativ und gleichzeitig kurz vor dem totalen Absturz. Und dann endet die
       Dokumentation und weist im Abspann darauf hin, was danach kommt. Und das
       kann man sich dann in all den anderen Filmen über Nick Cave ansehen.
       
       Zu sehen ist „Mutiny in Heaven“ bei der siebten Ausgabe von
       [4][Soundwatch], dem „Music Film Festival Berlin“, das im November im
       [5][Lichtblick-Kino] sowie im fsk Kino, im Kino Krokodil und in der Panke
       Gallery läuft. Rein auf das musikalische Spektrum bezogen, hat man sich bei
       diesem wieder ziemlich breit aufgestellt. Die Grande Dame des folkigen
       Protestsongs Joan Baez bekommt mit „I Am a Noise“ ein ihr gewidmetes
       Portrait.
       
       Max Roach, der als stilprägender Be-Bop-Drummer nur sehr unzureichend
       beschrieben wäre, weil er auch ein großer Avantgardist und außergewöhnlich
       politischer Musiker war, wird mit „The Drum Also Waltzes“ gewürdigt.
       Parallel zum offiziellen Kinostart läuft auch „Tastenarbeiter“, eine
       überfällige Liebeserklärung an einen ganz Großen des europäischen Free
       Jazz, den 85-jährigen und in Berlin lebenden Alexander von Schlippenbach.
       
       Wo „Mutiny in Heaven“ bereits belegt, wie man mit Musikdokus immer noch
       kleinteiliger und nischiger werden kann, beweist „What You Could Not
       Visualise“, dass das noch gar nichts ist. Wer bitte kennt Rema-Rema, um die
       sich dieser Film dreht? Die existierten gerade mal ein paar Monate und für
       mehr als eine EP, die 1980 erschienen ist, hat es nicht gereicht. Die Doku
       aber legt nahe: Rema-Rema sind trotzdem nicht vergessen.
       
       Den Vogel aber bei der Spezialisierung und dem Herausarbeiten von nerdigem
       Wissen schießt „Crass: The Sound of Free Speech“ von Brandon Spivey ab. Wie
       der Titel bereits andeutet, geht es hier um die englischen Anarcho-Punks
       Crass. Im Vordergrund steht aber die genaue Analyse nicht etwa ihres ersten
       Albums, sondern ihrer Debütsingle „Reality Asylum“. Was belegt: Zumindest
       im Bereich Punk ist für die Form der Musikdoku an Aufarbeitung noch so
       einiges vorstellbar.
       
       9 Nov 2023
       
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