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       # taz.de -- Kinotipp der Woche: Ständig neuer Krach
       
       > Mit scharfen Blick auf absurde Verhältnisse schuf Vĕra Chytilová Filme
       > voller Satire und Sprengkraft. Die Reihe „Die Sprengmeisterin“ würdigt
       > ihr Werk.
       
   IMG Bild: „Sedmikrásky“ (Tausendschönchen), ČSSR 1966
       
       Ein Lärm, der sich kaum aushalten lässt, ständig neuer Krach, es wird
       gebohrt, gehämmert, geschrien. Vĕra Chytilovás „Panelstory aneb jak se rodí
       sídlištĕ“ („Geschichte der Wände oder wie eine Siedlung entsteht“) von 1979
       zelebriert den permanenten Wahnsinn und mit ihm die Leute, die sich durch
       diese Zustände einen Alltag bahnen.
       
       Sie alle dachten, dass sich hier, wo die neuen, modernen Plattenbauten
       entstehen, ein Dasein in Komfort einstellen würde. Einmal spricht eine
       junge Mutter gar von sich als „Prinzessin“, die Normwohnung mit den bunten
       Tapeten gerät zum Prinzessinnenturm.
       
       Doch der Ausblick ist trist: grauer Himmel, gelbe Baufahrzeuge, brauner
       Matsch. „Panelstory“ ist der Auftakt einer [1][Reihe im Zeughauskino], die
       sich ab November bald einen Monat lang den Werken der tschechischen
       [2][Filmemacherin Vĕra Chytilová] (1929-2014) widmen wird. Und mit ihr
       einer Regisseurin, die man aufgrund ihres surreal-anarchischen
       „Sedmikrásky“ („Tausendschönchen“) zwar zu kennen meint – deren, zumeist
       selten vorgeführte, Filme aber einen Zeitraum von nahezu fünfzig Jahren
       umspannen.
       
       Dabei macht das von Mathias Barkhausen zusammengestellte Programm, das den
       schönen Titel „Sprengmeisterin – Die eigensinnigen Filme von Vĕra
       Chytilová“ trägt, gleich zu Beginn einen klugen Zug. Barkhausen nämlich
       verzichtet auf eine chronologische Abfolge, „Sedmikrásky“ (1966), Klassiker
       der tschechoslowakischen „Neuen Welle“, erwartet Interessierte und
       Eingeweihte erst ganz zum Schluss.
       
       Hingegen beweisen die ersten drei Tage der Reihe direkt Chytilovás immenses
       Spektrum: Auf die Sozialsatire „Panelstory“, die einen mit ihrem schnellen
       Cinéma vérité-Stil und der expressiven Sound-Montage auf sehr unterhaltsame
       Art um den Verstand bringt, folgt mit dem Dokumentar-Hybrid „O nĕčem jiném“
       („Von etwas anderem“) eine ihrer frühesten Arbeiten.
       
       „Pasti, pasti, pastičky“ (1998) dann katapultiert in die schrillen,
       oberflächlichen Neunzigerjahre, wo ein schönlingshafter Werbetexter, der
       eine Vergewaltigung begangen hat, von seinem Opfer, einer
       Veterinärmedizinerin, kastriert wird.
       
       Allen Filmen gemein ist ein scharfer, auf die gesellschaftlichen
       Absurditäten und Sexismen gerichteter Blick. Vĕra Chytilová war eine genaue
       Beobachterin, die ihre Erkenntnisse ungemein frei und innovativ
       verarbeitete.
       
       „O nĕčem jiném“ gibt davon eindrücklich Zeugnis, indem er das Leben zweier
       sehr unterschiedlicher Frauen abwechselnd erzählt, zwischen Dokumentarfilm
       und Fiktion changiert: Hier das Porträt der Turn-Weltmeisterin Eva
       Bosáková, die Chytilová während hochkonzentrierter und eintöniger
       Trainingswochen zeigt, da die gelangweilte und zugleich erschöpfte Hausfrau
       Vĕra, die hinter dem Rücken ihres Mannes eine Affäre eingeht, aber in einen
       Abgrund stürzt, als dieser ihr Ähnliches gesteht.
       
       „O nĕčem jiném“ vermittelt Gewalt, Frust und Gefühle des Eingesperrtseins
       unbeschwert und selbstverständlich, er wirkt wie ein Radschlag über einen
       stets präsenten, doch unsichtbar gemachten Riss. Eine Übung, die Chytilová
       meisterlich beherrschte – und die nun in ganzer Breite zu sehen ist.
       
       1 Nov 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.dhm.de/zeughauskino/filmreihe/sprengmeisterin/
   DIR [2] /Nachruf-auf-Vera-Chytilova/!5046559
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Carolin Weidner
       
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