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       # taz.de -- Der Platz der Berliner Plätze: H wie Hermannplatz, H wie Hass
       
       > Der Hermannplatz nervt! Mit seinem Gewimmel, seinem Gesabbel, seinem
       > Gedränge und dem Gestank ist er eine einzige Zumutung, meint unser
       > Kolumnist.
       
   IMG Bild: Promi unter den Berliner Plätzen: der Hermannplatz
       
       Ey, Hermannplatz, du kleine Drecksau! Alter, gehst du mir auf den Senkel!
       Mein Hass ist so groß, ich weiß gar nicht, wohin damit. Dein Gewimmel, dein
       Gesabbel, dein Gedränge und Gestank …
       
       Du bist der Profi unter den Zumutungen dieser Stadt! Perfekt für jemanden,
       der in Menschenmassen zu einer, sagen wir mal, gewissen sozialen Skepsis
       neigt und das Ende der Pandemie für einen miesen Verschwörungsmythos hält.
       Also wie für mich gemacht. Seit zwanzig Jahren kommst du mir in die
       Neuköllner Quere. Gehe ich zur Arbeit, in den Baumarkt oder treffe Freunde,
       kreuzen sich unsere Wege, fast jeden Tag. Herrje!
       
       Bereits beim Überqueren der Sonnenallee lautet das Motto: Vollkontakt. Tobt
       auf deiner zu klein geratenen Mittelinsel der Wochenmarkt, lautet die
       Devise: Rangeln für Fortgeschrittene. Stoßweise fallen hier Menschenmassen
       vom Himmel, drängen gleichzeitig in alle Richtungen und zurück.
       
       Auf dem Asphalt das gleiche Bild: Überfüllte Doppeldecker rollen erschöpft
       an ihre Endhaltestelle, dicht beladene Gelenkbusse fräsen sich keuchend
       durch den Verkehr. Alda, was für ein Verkehr! Wie ein Bulle, der ständig
       mit den Hufen scharrt. Chillt mal, ey!
       
       ## Testosteron und reichlich Galle
       
       Von Testosteron angetriebenes Blech, das mehr schlecht als recht um
       Aufmerksamkeit buhlt. Deinen Platz und die Kreuzung säumen Herden
       diabolischer Drahtesel, mit Galle machen sie den Vierrädern Konkurrenz.
       Dazwischen das wichtigtuerische Gedränge von uns Fußgänger:innen. Auf dem
       Boden Bettelnde, die im nervösen Treiben ein weiteres Mal unterzugehen
       drohen. Die Straßen scheinen zu schmal, die Gehwege zu kurz.
       
       Ob überirdisch oder auf den Bahnsteigen in deinem Untergrund, alle paar
       Meter ätzen geladene Teilchen auf der Suche nach Gelegenheiten zum
       Entladen: Aggro Berlin.
       
       Und allenthalben diese Leute, die der Kleidung nach dem Hipstertum
       zugehörig scheinen. Manche wähne ich unter ihren Mänteln und Jacken in
       diesem einst trendigen „Eure Armut kotzt mich an“-Shirt. Der Schein trügt.
       Die wenigsten sind als Voyeure deines Social Porns hier. Sie sind da, um zu
       nerven und genervt zu werden. So wie ich, so wie du, so wie jede* und
       jeder* hier.
       
       [1][Du lumpiges Stück Neukölln] bist der perfekte Ort für den berüchtigten
       letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Du bist wie gemacht
       für die spontane geistige Selbstentzündung, für die Instant-Mutation zum
       Rassisten, zum homophoben Arsch, zum Sexisten, zum Deutschlandfeind. Zum
       Neoliberalen. Widerling. Eldorado der Misanthropie.
       
       Sozialer Brennpunkt? Ja, aber anders. Sozial brennt hier deutlich weniger,
       als es das Klischee suggeriert. Die meisten Menschen haben starke
       Bindungen, familiäre Bande und solide Freundschaften. Den eigentlichen
       Brennpunkt machen andere Umstände aus: prekäre und elendige
       Lebensverhältnisse, Kriegstraumata, unsichere Aufenthaltstitel,
       Perspektivlosigkeit und fehlende soziale Gerechtigkeit. Aber darum scheren
       sich die wenigsten Schlagzeilen.
       
       Wer etwas auf sich hält, der geht geschickter mit dir um. Der denkt beim
       Anblick der Massen an den Einzelnen dahinter. Wer etwas auf sich hält, der
       kollektiviert nicht über Merkmale von Hautfarbe und Klamotte, der
       anonymisiert nicht über den Grad der Verwahrlosung, über die Sprache, die
       Karre oder die Musik.
       
       Wer etwas von sich hält, der stellt sich hierhin und guckt, was du mit ihm
       machst. Wer bei all den negativen Schwingungen das Menschliche sieht, die
       empathischen Gesten, das Funktionieren der Menschenströme, die Ordnung im
       Chaos, der nenne sich Humanist und schließe dich in sein Herz. Weil: Der
       Hermannplatz ist so viel mehr als die oben formulierte Wahrheit.
       
       23 Sep 2023
       
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