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       # taz.de -- Wenn der Sommer endet: Lob des Septembers
       
       > Im neunten Monat des Jahres fügt sich klimatisch alles perfekt ineinander
       > – so kannten wir es jedenfalls bislang. Politisch sieht es düsterer aus.
       
   IMG Bild: Der Mond kurz vor der Tag- und Nachtgleiche
       
       Die Welt ist ja in ihrem tiefsten Inneren noch begrüßenswert konservativ.
       So ist es beispielsweise seit jeher am 23. September überall auf diesem
       Planeten genauso lang hell wie dunkel. Äquinoktium sagt der Wissenschaftler
       dazu und meint damit frei übersetzt: Dieser Tag ist von den 365 Exemplaren
       seiner Art derjenige mit der perfekten Work-Life-Balance.
       
       Es ist jetzt also offiziell [1][astronomisch Herbstanfang]. Mit dem Herbst
       verhält es sich – zumindest in Europa – wie mit den Weihnachtsartikeln im
       Supermarkt: So regelmäßig, wie vereinzelte Schoko-Nikoläuse schon Mitte
       August in den Discountern auftauchen, so lässt sich die Uhr danach stellen,
       dass spätestens Ende Juli die ersten Menschen [2][das nahende Ende des
       Sommers] bejammern. Als hätten sie selbst höchstpersönlich neueste
       meteorologische Daten ausgewertet, rufen sie klagend wie sonst nur der
       Prophet Jeremija: „Der Herbst steht vor der Tür“. Diesen Menschen entgeht
       der größte Genuss des Sommers: der September.
       
       Try to remember the kind of September When life was slow and also mellow
       Try to remember when life was so tender That no one wept except the willow
       Try to remember when life was so tender That dreams were kept beside your
       pillow
       
       ## Abseits des Mainstreams
       
       Gesungen vom großen Harry Belafonte, gehören [3][diese Zeilen aus dem Song
       „September“ sicher zu den schönsten, die der September] je geschenkt bekam.
       Vielleicht hätte [4][der im April verstorbene Künstler und
       Bürgerrechtsaktivist] mit der gleichen Zärtlichkeit und Sehnsucht vom
       Oktober singen können. Ich glaube aber eher nicht. Denn Harry Belafonte war
       erstens Linker. Und als solcher weiß man, dass man abseits des Mainstream
       nicht im Juli oder August Sommerurlaub macht, sondern im September. Und
       zweitens war er einer mit einem feinen Gespür für die kleinen Unterschiede,
       die Riesiges bedeuten.
       
       So riecht der August vulgär, nach schmelzendem Teer, Urin und Harz. Der
       September hingegen wie frische Wäsche, aber so, als wäre der Schmutz aus
       ihr noch per Hand mit dem Bleuel am Fluss herausgeschlagen worden. Auch das
       größte Volksfest der Welt findet natürlich im September statt. Auch wenn
       die Bayern das verheimlichen und es als „Oktoberfest“ vermarkten.
       
       Politisch gesehen kann man den September allerdings in die Tonne treten:
       Schwarzer September ([5][München 1972]), 11. September ([6][Chile 1973] und
       [7][New York 2001]), 1. September ([8][Polen 1939]), …
       
       Aber auch der September ist nicht mehr das, was er mal war. Zum einen
       unterliegt er wie alle und alles dem Klimawandel und so ähnelte der
       Großteil des September 2023 dem Oktober 2017, also den schweißtreibend
       aggressiven Augusten 2016, 2020, 2022, 2023 – mit wenig slow und mellow,
       mit wenig tender und September.
       
       ## Verharmlosende Attribute
       
       Analog zum neuen Glauben an Sprachmagie („Klimakatastrophe“ sagen und nicht
       „Klimawandel“, „Klima(politik)protestler“ sagen und nicht „Klimakleber“)
       könnten Klimaaktivisten ja nun auf die Idee kommen, Lieder wie das von
       Belafonte umschreiben zu lassen. Weil, klar, man kann durchaus finden, dass
       „zärtlich“ und „weich“ verharmlosende Attribute für die brutale Hitze und
       das Unwettertreiben im September sind.
       
       Doch die wenigsten Aktivisten dürften die sanfte Melancholie von Belafontes
       „September“ je gehört haben, und außerdem kommt der September ihnen nun
       entgegen. In der Rubrik „Historische Daten“ hat der zärtlichste unter den
       Monaten einen neuen Eintrag erhalten: am 15. September 2023 [9][reichte der
       US-Bundesstaat Kalifornien Klage gegen die größten Ölkonzerne (darunter
       Exxon Mobil, Shell, BP) ein.] Vorwurf: die Öffentlichkeit über die
       katastrophalen Folgen fossiler Energiegewinnung getäuscht zu haben.
       
       Klar hätte das früher passieren müssen. Dennoch: Wow! Wenigstens in
       politischer Hinsicht scheint der September seine konservative Haltung
       aufzugeben und progressiv gestimmt zu sein. Oder wie der Wissenschaftler
       sagen könnte: Der September stellt beim Klima seine Äquinoktium-Fähigkeiten
       unter Beweis.
       
       23 Sep 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Die-Wahrheit/!5879364
   DIR [2] /Die-Wahrheit/!5626432
   DIR [3] https://www.youtube.com/watch?v=SUaXzMrznwU
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   DIR [5] /Olympia-Attentat-Muenchen-1972/!5958626
   DIR [6] /50-Jahre-Putsch-in-Chile/!t5957232
   DIR [7] /20-Jahrestag-von-9/11/!5797112
   DIR [8] /Essay-zum-Kriegsbeginn-vor-80-Jahren/!5619126
   DIR [9] /Klimaklage-in-den-USA/!5960681
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Doris Akrap
       
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