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       # taz.de -- Experte über Krieg um Bergkarabach: „Man traut sich nicht ran“
       
       > Marcel Röthig von der Friedrich-Ebert-Stiftung sagt: Europa müsste
       > entschiedener auf die Einnahme Bergkarabachs durch Aserbaidschan
       > reagieren. Er rechnet mit Unruhen.
       
   IMG Bild: Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev in einer Fernsehansprache am 20. September in Baku
       
       taz: Herr Röthig, die Streitkräfte Bergkarabachs haben kapituliert. Wie
       werden die nächsten Tage in dem Gebiet aussehen?
       
       Marcel Röthig: Das war erwartbar, auch weil es keine Rückendeckung aus
       Armenien gab. Durch die Kapitulation ist eine Vertreibung beziehungsweise
       Evakuierung der Zivilbevölkerung über einen humanitären Korridor
       wahrscheinlich, ein Genozid aber weniger. Das Gebiet wird nun unter
       aserbaidschanische Kontrolle geraten. Man spricht meist von 120.000
       ethnischen Armeniern, die in Bergkarabach leben – ich glaube eher, dass es
       60 bis 70.000 sind. Sicherlich werden einige zurückbleiben und im
       Untergrund kämpfen. Einige wenige könnten auch die aserbaidschanische
       Staatsbürgerschaft annehmen. Sie würden aber keine besonderen
       Minderheitenrechte bekommen, sich assimilieren und irgendwann kulturell
       verschwinden.
       
       In Bergkarabach sind [1][russische Friedenstruppen] stationiert. Warum
       haben sie nicht eingegriffen? 
       
       Sie können kein militärisches Commitment eingehen – und sie wollen es auch
       nicht. Ich gehe fest davon aus, dass es eine Absprache gab zwischen Ilham
       Alijev (Machthaber Aserbaidschans, Anm. d. Red.) und Putin, dass das
       Bergkarabach-Problem jetzt ein für alle Mal mit aserbaidschanischer
       Maximalposition gelöst wird.
       
       Wofür genau waren die russischen Friedenstruppen zuständig? 
       
       Es gibt zum einen die russische Truppenpräsenz in Armenien selbst, bis zu
       10.000 Mann, die zum Schutz Armeniens da sind. Und zum anderen gibt es etwa
       2.000 Mann, die das Mandat hatten, den freien Verkehr des
       Latschin-Korridors sicherzustellen. Sie haben aber bei der [2][Blockade]
       tatenlos zugesehen.
       
       Welche politischen Gründe gibt es für Russlands Zurückhaltung? 
       
       Man hat einen Prioritätenwechsel vorgenommen, in Richtung eines Regimes,
       das Russland nähersteht, vielleicht auch als Zeichen der Verständigung
       gegenüber der Türkei.
       
       Gibt es für Russland in Armenien nichts mehr zu holen? 
       
       Was Armenien hatte, hat es längst nach Russland verscheuert: Die
       strategischen Industriezweige, das Bergbauwesen, die Energieversorgung, den
       Energietransit, selbst die Pipelines aus dem Iran gehören Gazprom. Dazu kam
       noch eine – aus russischer Perspektive – [3][undankbare armenische
       Regierung], die sich aufmacht, ihre Außenpolitik zu diversifizieren.
       Russland straft das ab.
       
       Aserbaidschan ist mit der Türkei eng verbündet, bekommt Waffen aus Israel
       und liefert Rohstoffe nach Europa. Welche Freunde hat Armenien noch? 
       
       Niemand mit „Boots on the ground“ jenseits von Russland. Europa muss sich
       fragen: Möchten wir mehr tun? Können wir die Beobachtermission ausbauen?
       Sind wir in der Lage, Signale zu senden, wie eine Visaliberalisierung für
       Armenier? Können wir Armenien eine europäische Perspektive bieten? Aber man
       traut sich hier nicht ran an dieses Thema.
       
       Die EU hat eine Beobachtermission nach Armenien entsandt. Was haben sie
       seit Beginn des Übergriffs auf Bergkarabach getan? 
       
       Sie haben ihre Patrouillen intensiviert, den Truppenaufmarsch
       Aserbaidschans bestätigt, sowie den Beschuss. Sie sind aber nicht im
       Latschin-Korridor und in Bergkarabach vertreten, das ist nicht Teil ihres
       Mandats. Sie können nur berichten, was auf der armenischen Seite passiert.
       
       Wie fallen die Reaktionen in Armenien auf die Kapitulation Bergkarabachs
       aus? 
       
       Wir werden politische Unruhen erleben. Es könnte sein, dass die alte Elite
       in Jerewan das Ruder wieder übernimmt, die Moskau eher gesonnen ist. Aus
       russischer Sicht würde man so etwas gewinnen.
       
       Manche Armenier sorgen sich, dass ihr Land als nächstes dran glauben muss.
       Aserbaidschan fordert schon lange einen Korridor durch Südarmenien, der das
       Land mit seiner autonomen Exklave Nakitschewan verbindet. 
       
       Die Türkei hat kein Interesse an einer Eskalation, an einem Krieg,
       möglicherweise noch unter ihrer Beteiligung. Vor einem Jahr gab es schon
       einmal Kampfhandlungen, als Aserbaidschan Teile des armenischen
       Staatsgebiets einnahm, mit dutzenden Toten. Das war auch in Aserbaidschan
       ein Furor: Warum ein so hoher Blutzoll für so wenig Land? Und ich glaube
       daran, dass die [4][Europäer] es jetzt schaffen, mit einer eindeutigen
       Sprache zu sprechen. Man kann Aserbaidschan empfindlich treffen, wenn man
       es will. Wenn der Westen jetzt nicht entschieden reagiert, ist nicht
       auszuschließen, dass der Konflikt in Zukunft wieder aufflammt.
       
       22 Sep 2023
       
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