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       # taz.de -- Aktiv gegen die Klimakrise: Was heißt hier erfolgreich?
       
       > Gegen den Klimawandel gibt es mehr als eine Strategie. Mitzi Jonelle Tan
       > spricht in Paris vor 20.000 Leuten, Veronica Cabe in philippinischen
       > Dörfern vor 15.
       
       Lamao und Rosario taz | Wenn Mitzi Jonelle Tan auf Welttournee gegen die
       Klimakrise geht, sind ihre Koffer oft drei Wochen vor der Abreise gepackt.
       Zu jeder Reise legt sie ein Tabellendokument an. „Treffen mit König Charles
       III.“ steht dort oder „Veranstaltung in Princeton“, dazu Notizen, an
       welchem Tag sie bei welchen Freund:innen übernachtet, mit wem sie isst
       und wann sie welches Outfit trägt. „Erfolg braucht Vorbereitung“, sagt Tan.
       Schließlich [1][verfolgen knapp 18.000 Menschen ihre Auftritte auf
       Instagram].
       
       Mitzi Jonelle Tan, 25, ist eine der international sichtbarsten
       Klimaaktivist:innen Südostasiens. Vor fünf Jahren gründete sie
       [2][den philippinischen Arm von Fridays for Future]. Allein in den letzten
       zwölf Monaten sprach sie mehrmals in New York, London und Berlin, forderte
       ein Ende des Klimaimperialismus, posierte vor den Pyramiden in Ägypten,
       besuchte Lützerath und die Weltklimakonferenz, streikte mit Greta Thunberg
       und beriet das Natural History Museum in London zu seiner Klimastrategie.
       
       Tans Heimat, die Philippinen, ist einer der vom Klimawandel am stärksten
       bedrohten Staaten der Welt. Knapp [3][20 Taifune] treffen das Land jedes
       Jahr, es besteht aus 7.000 Inseln, hat 36.000 Kilometer Küste. Auch
       deswegen sind die Philippinen ein guter Ort, um der Frage nachzugehen, was
       erfolgreichen Klimaaktivismus ausmacht.
       
       Wenn Fridays for Future am 15. September wieder [4][zum globalen
       Klimastreik] aufruft, dann ist das ein Moment, um zu konstatieren, wie
       sehr sie in einigen Ländern in den letzten fünf Jahren die Debatte geprägt
       haben – aber auch, wie weit sie immer noch von ihren Zielen entfernt sind.
       Angesichts der physikalischen Realität der Klimakrise und der politischen
       Verschleppung einer echten Transformation scheint die Bewegung hilflos.
       Kleinere, [5][radikalere Gruppen wie in Deutschland die Letzte Generation]
       dominieren den Diskurs und lösen Reaktionen von Kopfschütteln bis zu
       Gewaltausbrüchen aus. Die Klimabewegung steckt in einer strategischen
       Sackgasse.
       
       ## Wie wird Aktivismus wirksam?
       
       Auf der ganzen Welt fragen sich Menschen, die gegen die Klimakrise
       arbeiten: Welcher Aktivismus wirkt? Wo sollte er ansetzen, um effektiv zu
       sein? Bei den Entscheider:innen? Bei der breiten Bevölkerung? Gibt es so
       etwas wie die eine richtige Strategie?
       
       Sucht man nach Antworten auf diese Fragen, sollte man auf den Philippinen
       nicht nur Mitzi Jonelle Tan zuhören, sondern auch einer anderen
       Vollzeitaktivistin, die, wenn man oberflächlich hinschaut, wie ihr
       Gegenteil wirkt.
       
       Veronica Cabe [6][folgen auf der Plattform X, wie sich Twitter heute nennt,
       94 Menschen]. Einer ihrer letzten Posts, das verwackelte Video eines
       Kohlekraftwerks bei Nacht, hat nach einem Monat zwei Likes.
       
       Wärend Tan um die Welt reist, lebt Cabe in einem kleinen Haus voller
       Aktivist:innen in der Provinz Bataan, vier Stunden von Manila entfernt.
       Sie schläft in einem geteilten Schlafzimmer mit Stockbetten und Matratzen.
       Tagsüber fährt sie in die umliegenden Arbeiter- und Fischerorte und
       versucht, sie für den Widerstand gegen den Kohleboom in der Region zu
       mobilisieren. Sechs Kohlenmeiler laufen derzeit in ihrer Provinz, fünf
       weitere sind in Planung. Cabe ist 50 Jahre, seit 29 Jahren kämpft sie gegen
       die Kohle.
       
       Auch wenn Tan und Cabe auf ähnliche Ziele hinarbeiten, sind die Bühnen, die
       sie für ihr Engagement wählen, grundverschieden. Die eine spricht vor dem
       Eiffelturm in Paris vor 20.000 Menschen, die andere auf philippinischen
       Dorfplätzen vor 15 Leuten auf Plastikstühlen. Was kann man von ihnen über
       erfolgreichen Klimaaktivismus lernen?
       
       Ende März steht Mitzi Jonelle Tan im Weltsaal des Bundesaußenministeriums
       in Berlin, man kann sich die [7][Aufzeichnung der Rede auf Youtube]
       ansehen. Vor ihr hat sich die grüne Wirtschafts- und Politikelite Europas
       versammelt, jährlich trifft man sich zum Berlin Energy Transition
       Dialogue. Tan gehört neben Außenministerin Annalena Baerbock und dem
       Präsidenten von Kenia, William Ruto, zu den Keynote-Speakern.
       
       Tans weißes Kostümoberteil erinnert ein wenig an eine Rüstung, auf ihren
       Schultern prangen die Slogans „Social Justice“ und „Climate Justice“. Sie
       steht vor einem schimmernden Edelstahlpult, vor ihr in der ersten Reihe
       sitzt Robert Habeck neben Sultan Al Jaber, Präsident der diesjährigen
       Klimakonferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Vorsitzender des
       zwölftgrößten Ölkonzerns der Welt.
       
       Die Philippinen seien das Land, das in den letzten 20 Jahren die meisten
       Extremwetterereignisse getroffen hat, sagt Tan. Sie fordert einen
       Schuldenerlass für stark klimabetroffene Länder, als Reparation für
       Jahrhunderte des Kolonialismus. Die Schulden fühlten sich an „wie ein
       Autounfall, bei dem ihr in uns reingefahren seid, aber wir euch jetzt Geld
       für die Reparatur unseres Autos schulden“, sagt Tan. Eine Formulierung, für
       die sie auf einer Demo Zwischenapplaus bekommen hätte. Hier klatscht
       niemand.
       
       Greta Thunberg aus Schweden, Vanessa Nakate aus Uganda, Luisa Neubauer aus
       Deutschland – Mitzi Jonelle Tan gehört mit zu einer Generation von
       internationalen Klimaaktivist:innen, die sich über fehlende Aufmerksamkeit
       von Politiker:innen und Wirtschaftsbossen nicht beklagen kann. Aber
       hört man ihnen wirklich zu? Oder sind sie nur ein netter Programmpunkt im
       Business as usual der Konferenzwelt?
       
       „Einige laden mich ein, weil sie sich greenwashen wollen“, sagt Tan.
       „Schaut her, wir hören dem Globalen Süden zu. Was mich daran so wütend
       macht: Die Klimaaktivist:innen aus dem eigenen Land, die sie direkt
       kritisieren würden, laden sie nicht ein.“ Deswegen versucht sie sich vorher
       mit Menschen vor Ort zu connecten. In Berlin spricht sie über die
       Milliardeninvestitionen der Bundesregierung in fossile Gasinfrastruktur.
       Und manche Einladungen von Unternehmen beantworte sie einfach nicht.
       
       Ihre Reisen erfüllen einen Zweck, sagt Tan. „Die Zentren der Macht
       [8][liegen immer noch im Globalen Norden].“
       
       10.000 Kilometer von Berlin entfernt steigt Veronica Cabe auf den
       Philippinen auf einer staubigen Landstraße aus dem Bus. Es ist ein heißer
       Sommertag, vor ihr liegt ein enger Weg, überschattet von Bäumen und
       Bananenstauden. Cabe biegt auf einen Hof ab. Unter einem Wellblechdach auf
       Bambuspfeilern warten bereits rund 15 Menschen auf sie. Das Treffen heute
       ist seit Wochen geplant. Die Männer und Frauen hier sind Fischer, Bauern,
       Kioskbesitzer. Einige sind arbeitslos. Rechtlich besitzt keiner von ihnen
       das Land, auf dem sie seit Jahrzehnten leben.
       
       Cabe nennt sich Community-Organizerin. Sie ist heute hier, weil sie mit
       ihnen über das laute Brummen sprechen will, das seit sieben Jahren, Tag und
       Nacht, die Geräuschkulisse des Dorfes bildet. Geht man an Büschen und
       Bäumen vorbei rund 100 Meter hinter das Haus, bekommt das Brummen eine
       Gestalt: ein riesiges Kohlekraftwerk, inklusive angrenzendem Kohledepot.
       
       ## Der Kohlestaub ist allgegenwärtig
       
       Cabe fährt mit ihrem Finger über eine Plastikplane und zeigt den Staub, der
       sich dabei sammelt. Seit Jahren klagen die Anwohner:innen über
       Atemwegsbeschwerden, Hautausschläge und Ernteeinbußen durch die
       Luftverschmutzung des Kraftwerks.
       
       Ein 30-seitiger Bericht des Gesundheitsministeriums bestätigte 2019 den
       allgegenwärtigen Kohlestaub und fasste die eindeutige, internationale
       Studienlage zur Schädlichkeit von Kohlekraftwerken für unmittelbare
       Anwohner:innen zusammen. Direkte Konsequenzen folgten daraus jedoch
       keine. Überhaupt könnte man meinen, dass Cabes Engagement vor Ort bisher
       wenig erreicht hat. Seit 29 Jahren ist sie aktiv, doch auf den Phillippinen
       boomt die Kohle weiter. Auch an der Situation der Anwohner*innen in
       Lamao hat sich, 9 Jahre nachdem sie begonnen hat mit ihnen zu arbeiten,
       wenig geändert. Man könnte das Ausdauer nennen. Oder das verblendete
       Festhalten an Ansätzen, die nicht funktionieren.
       
       Was treibt Sie an, Frau Cabe?
       
       „Wut“, sagt sie. Es gibt einen Tag, der Cabe mit mehr Wut zurückließ als
       jeder andere. Am 26. September 2009 fällt in Manila innerhalb von 24
       Stunden der Regen eines Monats. Bis zu sechs Meter hohe Fluten schwappen
       durch die Straßen.
       
       Veronica Cabes Familie lebt damals in einem chronisch von Überflutungen
       bedrohten Stadtteil. Ihre Eltern, ihre Schwester und deren Kinder wollen
       gerade zu Mittag essen, als das Wasser in ihr Haus eindringt. Sie retten
       sich in den zweiten Stock, doch das Wasser steigt rasend schnell weiter.
       Ihr Vater nimmt einen Hammer und schlägt ein Loch in die Holzwand des
       Hauses. Durch das Loch klettert die Familie hinaus in den schweren Regen
       und aufs Dach.
       
       Cabe erfährt all das live per SMS. Sie selbst ist in einem Büro in
       Sicherheit. Verzweifelt kontaktiert sie Freund:innen in NGOs, Politiker
       unter ihren Kontakten. Doch kein Durchkommen. Sie kann nichts für sie tun.
       
       Der [9][Taifun „Ondoy“ geht als einer der schwersten] in die Geschichte von
       Manila ein. Der Sturm tötet knapp 700 Menschen und verwüstet 80 Prozent der
       Hauptstadt. Die Zahl der besonders zerstörerischen Supertaifune hat sich
       auf den Philippinen in den letzten Jahren vervielfacht. Grund dafür ist vor
       allem eine erhöhte Temperatur der Meeresoberfläche.
       
       Mitzi Jonelle Tan ist gerade mal 12 Jahre alt, als der Taifun „Ondoy“
       kommt. Sie lebt in einem höher gelegenen Stadtteil, die Wassermassen fluten
       bei ihr zu Hause das Erdgeschoss. In den Wochen darauf träumt Tan davon, in
       ihrem eigenen Schlafzimmer zu ertrinken. Anders als Cabe ist Tan in einer
       Mittelschichtfamilie aufgewachsen, ihr Vater Geschäftsmann, ihre Mutter
       Hausfrau. Sie weiß, wie sie auftreten muss, damit die Entscheider im
       Globalen Norden ihr zuhören. Aber auch sie will raus aus ihrer Blase, will
       wie Veronica Cabe an der Seite marginalisierter Menschen kämpfen.
       
       Ein Fischerdorf in der Stadtgemeinde Rosario, zwei Stunden südlich von
       Manila. Es ist kurz vor Mitternacht, und in der Dunkelheit weicht Mitzi
       Jonelle Tan trittsicher Schlammpfützen und Plastiktüten aus, um sich einen
       Weg zum nächtlichen Fischmarkt zu bahnen. Hinter ihr ein Dutzend
       Studierende in Flipflops mit Umhängetaschen vor der Brust. Immer wieder
       schaut Tan sich nach ihnen um. Viele von ihnen kommen aus der
       Mittelschicht, sie sind das erste Mal in einem solchen Umfeld.
       
       Tan und ihre Gruppe nennen diese Besuche Immersionen – also Eintauchen. Mit
       ihnen wollen sie die Kämpfe verschiedener Milieus verbinden, die der
       urbanen Studierenden und die der ruralen Fischer. Tan wird heute das erste
       Mal die Nacht in einem Fischerdorf verbringen.
       
       Auf dem Markt ziehen oberkörperfreie Männer im Scheinwerferlicht mit
       riesigen Metallhaken Plastikbottiche voll Fisch über den Asphalt. Ein Mann
       wartet im warmen Wasser auf anlandende Fischerboote, ein anderer Mann
       schläft auf der Motorhaube eines Jeeps. Auf der Kaimauer sitzen ein Dutzend
       weitere und warten auf Arbeit.
       
       Selbstbewusst stellt Tan den Fischern Fragen. In den letzten Jahren sei ihr
       Fang um 80 Prozent zurückgegangen, sagt einer. Die Ursache sehen die
       Fischer vor allem in riesigen Spezialschiffen, die den Meeresboden
       aufgraben, um Material für Landgewinnungsprojekte entlang der Küste zu
       sammeln. Dort sollen neue Casinos, Malls und ein Flughafen entstehen. Das
       Wort Klimakrise erwähnt er nicht.
       
       Während sie sprechen, umkreist ein vierköpfiges Filmteam aus den USA Mitzi
       Jonelle Tan. Eine New Yorker Jungregisseurin begleitet sie diesen Sommer
       für einen Dokumentarfilm.
       
       Tans Onlineauftritt hat sich in den letzten sieben Jahren stark verändert.
       Noch 2016 schrieb sie in einem Blogeintrag, ihr Traum sei es, Model zu
       werden, und postete auf Instagram Werbung für Fashionlabels. Zur Highschool
       ging sie in einer katholischen Mädchenschule, zu ihren Mitschülerinnen
       gehörten Töchter von Familien, die ganze Provinzen zu ihrem Landbesitz
       zählen. Heute sieht man Tan auf Instagram im [10][pinken Kleid für das Ende
       des Imperialismus] demonstrieren.
       
       Tan sagt, entscheidend für ihre Transformation war die Begegnung mit
       indigenen Aktivist:innen. Sie hatten ein Protestcamp an ihrer Hochschule
       aufgeschlagen. Einer ihrer Anführer erzählte Tan seine Geschichte: von
       Vertreibung, von Schüssen während des Unterrichts, von der Drohung des
       damaligen philippinischen Präsidenten Duterte, Bomben auf ihre Schulen zu
       werfen.
       
       „Ich habe damals verstanden, dass Aktivist sein für viele Menschen keine
       Entscheidung ist, sondern ein Werkzeug zum Überleben“, sagt Tan heute.
       Während sie selbst zögerte, bevor sie auf ihre erste Demonstration ging,
       [11][blieb den indigenen Menschen keine Wahl]. „Das war der Moment, wo ich
       entschieden habe, dass ich Aktivistin werde“, sagt Tan. Ihre Erfahrung als
       Fashionbloggerin, auch ihre Erfahrung als Jugendleiterin in der Kirche –
       all das nutzt sie heute dafür, dass ihr Aktivismus erfolgreicher wird.
       
       ## Die 3,5-Prozent-Regel für Erfolg
       
       [12][3,5 Prozent der Bevölkerung müssen Teil einer Bewegung werden], damit
       sich politisch ernsthaft etwas bewegt – auf diese Zahl beziehen sich
       Protestgruppen wie etwa Extinction Rebellion. Die Zahl stammt [13][aus dem
       Buch „Why Civil Resistance Works“], das internationale Proteste zwischen
       1900 und 2006 untersuchte.
       
       Die Klimabewegung ist von dieser Zahl noch weit entfernt. Die
       US-amerikanische Protestforscherin Dana Fisher meint: Ohne einen externen
       Schock, eine Katastrophe, die die Gefahr der Klimakrise offensichtlich
       macht, werden sie nicht erreicht. Doch selbst wenn so ein Schock ein
       politisches Möglichkeitsfenster öffnen sollte, bräuchte es auch die nötigen
       Mobilisierungsstrukturen, um die entstehende Angst in kollektives Handeln
       zu kanalisieren. Wie mobilisiert man Wut?
       
       Im Kohleort Lamao zieht Veronica Cabe ihren Plastikstuhl zur Seite und
       stellt sich in den Stuhlkreis der 15 Anwohner:innen. Es ist heiß unter dem
       Wellblechdach, zwei Hunde liegen seitlings auf dem Boden. Cabe ist heute
       hier, weil sie für den Besuch einer Anhörung mobilisieren will, auf die sie
       seit sechs Jahren hinarbeitet. Sie könnte endlich wirklich etwas verändern
       für die Menschen von Lamao.
       
       2017 entdeckten Cabe und ihre Verbündeten eine Besonderheit in der
       Finanzierung des Kohlekraftwerks. Den Kredit stellte zwar eine
       philippinische Bank – doch an der hatte sich zuvor die International
       Financial Corporation, kurz IFC, mit insgesamt 228 Millionen Dollar
       beteiligt.
       
       Als Tochterfirma der [14][Weltbank] wird die IFC mit öffentlichem Geld der
       Staatengemeinschaft finanziert. Die Nachhaltigkeitsstrategie des IFC
       verpflichtet Geldempfänger zu Prüfungen ihrer sozial-ökologischen
       Wirkungen, inklusive Konsultationen von möglicherweise betroffenen
       Communitys. In Lamao gab es keine solchen Gespräche.
       
       Also reichte die Community gemeinsam mit einem breiten Bündnis 2017
       Beschwerde beim IFC ein. Nun, sechs Jahre später, werden die Menschen von
       Lamao zum ersten Mal direkt angehört.
       
       Kurz bevor Cabe mit der Arbeit an der Beschwerde begann, töteten zwei
       maskierte Motorradfahrer eine enge Freundin von ihr, die lautstark gegen
       das Kohlekraftwerk mobilisiert hatte. Sie war Großmutter von über einem
       Dutzend Enkeln.
       
       Dass Cabe mit 50 noch Vollzeitaktivistin ist, ist ungewöhnlich. Als sie in
       der Unizeit anfing, engagierten sich viele ihrer Freund:innen auch. Doch
       nach und nach verabschiedeten sie sich – in besser bezahlte Jobs ins
       Ausland oder nach Manila. Doch Cabe blieb. Vor sieben Jahren versuchte das
       Büro einer internationalen NGO in Manila, ihr eine Stelle als Campaignerin
       anzubieten. Cabe überlegte kurz, aber: „Aus einem klimatisierten Büro
       heraus kann ich nicht wirklich mit den Menschen kämpfen.“ Sie lehnte ab.
       Und machte weiter direkt bei den Betroffenen. „Hier frage mich nie, für wen
       ich diesen Kampf eigentlich führe“, sagt sie.
       
       ## Den Erfolg von Klimabewegungen messen
       
       Wie sollte man den Erfolg einer Klimagerechtigkeitsbewegung messen? Die
       eine relevante Maßeinheit: Treibhausgase. [15][Kommt es hier zu einer
       dauerhaften Reduktion]? Die zweite: [16][das Geld]. Wie viel davon zahlt
       der Globale Norden an den Globalen Süden zur Begleichung seiner
       ökologischen Schulden?
       
       Mitzi Jonelle Tans Reisen sind immer auch Fundraising. Das Bewegungshaus
       ihrer Organisation, die kleinen Aufwandsentschädigungen für die
       Vollzeitaktivist:innen: all das finanzieren derzeit ausländische Geldgeber.
       Und auch Veronica Cabes Beschwerde zu dem Kohlekraftwerk könnte Geld nach
       Lamao bringen.
       
       Es ist bereits nach Mitternacht, als die Studierenden von Mitzi Jonelle
       Tans Gruppe am Fischmarkt erste Zeichen der Erschöpfung zeigen. Der
       Anführer des Fischerdorfes führt durch die riesige Markthalle vorbei an
       Thunfischkadavern, Sauerstoffpumpen und abgetrennten Fischköpfen. Die
       Vorstellung von fließendem Wasser und klimatisierten Zimmern scheint
       plötzlich sehr reizvoll. „Ich weiß, das ist unglaublich privilegiert, aber
       ich bin einfach nicht gemacht für dieses Umfeld“, sagt eine Bekannte von
       Tan, die sie beim Tauchunterricht kennengelernt und spontan eingeladen hat.
       
       Für die Studierenden sind zwei Zimmer mit Holzplatten vorbereitet, auf
       denen sie versuchen zu schlafen. Es ist heiß, die Luft steht, sie
       schwitzen. Plötzlich brechen laute Schreie einer Frau die Stille der Nacht.
       Ein Kind beginnt zu weinen. Eine wütende Männerstimme ertönt. Ratlos
       schauen sich die Studierenden an. Die Schreie werden immer lauter. Am
       nächsten Morgen ist die Aktivist:innengruppe um eine Person
       geschrumpft. Ihre Eltern hatten sie in der Nacht abgeholt. Tan wiederholt
       einen Satz immer wieder: „Es ist hart, aber das ist die Realität.“
       
       Während sie später auf einem umgedrehten Eimer sitzt und Fische ausnimmt,
       sagt sie: „Dort, wo die Unterdrückung am größten ist, ist der Widerstand am
       stärksten.“
       
       Aber stimmt das? In Tans Feststellung steckt auch ein Stück Wunschdenken,
       dass Betroffene sich organisieren. Gleichzeitig sind es konkrete
       Erfahrungen wie die der Fischer, die ihre Einnahmequelle verlieren, und die
       der Kinder, die Kohlestaub einatmen, die die Dramatik der Lage
       verbildlichen. Besonders wenn es gelingt, dass die Verursacher der
       Klimakrise in Berlin und New York auch von ihnen hören.
       
       Die Chancen, dass die Anwohner:innen des Kohlekraftwerks in Lamao durch
       ihre Beschwerde gegen die Weltbanktochter entschädigt werden könnten,
       stehen nicht schlecht. Veronica Cabe hat 29 Jahre lang durchgehalten, nun
       könnte ein später Erfolg bevorstehen. Erkennt die Tochterfirma der Weltbank
       die Verletzung der eigenen Standards an, könnte das bedeuten, dass die
       Emissionen regelmäßig überprüft werden, die Menschen hier Zugang zu guter
       Gesundheitsversorgung bekommen und den Fischern, die nicht mehr vor dem
       Kraftwerk fischen können, alternative Arbeit angeboten wird. „Wir wollen,
       dass der IFC und die Kraftwerksbetreiber Verantwortung für ihren Müll
       übernehmen“, sagt Cabe.
       
       Was ist Erfolg für Veronica Cabe, was für Mitzi Jonelle Tan?
       
       Tan reagiert auf die Frage fast genervt. Ja, es gab eine globale Kampagne
       mit Fridays for Future, mit der sie eine große Bank dazu brachte, ihre
       Strategie zur Finanzierung von Kohleprojekten zu überarbeiten. Ein Treffen
       mit König Charles III., mit dem sie einer wenig beachteten Öltanker-Havarie
       vor den Philippinen Aufmerksamkeit verschaffen konnte. Ein Foto mit Popstar
       Billie Eilish, das bei der Suche nach zwei vermissten Umweltaktivisten
       half.
       
       „Meine größten Erfolge sind andere“, sagt sie. Wenn ein streikender
       Arbeiter ihr sagt, wie sie ihm Hoffnung gebe. Oder eine Followerin ihr
       schreibt, wie sie ohne Tans Instagrambeiträge vielleicht ihren Aktivismus
       aufgegeben hätte.
       
       Veronica Cabe wird sagen, dass ihre stolzesten Momente die sind, wenn
       andere Verantwortung übernehmen. Dann sei es Zeit für sie, weiterzuziehen,
       zum nächsten Stuhlkreis, ins nächste Dorf. Weil sich neue
       Anführer:innen auftun.
       
       11 Sep 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.instagram.com/mitzijonelle
   DIR [2] https://yacap.org/
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   DIR [9] /Tropensturm-Ondoy/!5155279
   DIR [10] https://www.instagram.com/p/CvExd73PUi1/?img_index=1
   DIR [11] /Aktivismus-in-Kolumbien/!5923314
   DIR [12] /Radikalitaet-der-Klimabewegung/!5789719
   DIR [13] http://cup.columbia.edu/book/why-civil-resistance-works/9780231156820
   DIR [14] /Weltbank/!t5012300
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   DIR [16] /Modell-Staatsschulden-fuer-das-Klima/!5915018
       
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       Kohlebagger bald beschädigt statt nur blockiert? Einiges spricht dafür.
       
   DIR Koloniale Strukturen in der Bewegung: Wir müssen keine Stimme „leihen“
       
       Wenn die Klimabewegung Menschen aus dem Globalen Süden in den Fokus nimmt,
       ist das oft gut gemeint. Es spiegelt aber womöglich koloniales Wohlwollen.