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       # taz.de -- Konflikte in Bergkarabach: Droht ein Völkermord?
       
       > Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan schwelt, die kleine
       > Region Bergkarabach ist zwischen den Gegnern eingekeilt und gefährdet wie
       > nie.
       
   IMG Bild: Die aktuelle Zuspitzung ist eine Folge erneuter kriegerischer Auseinandersetzungen vom Herbst 2020
       
       In der südkaukasischen Region Bergkarabach bahnt sich eine humanitäre
       Katastrophe an. Was genau passiert dort gerade? 
       
       Die Bevölkerung in [1][Bergkarabach] (armenisch: Arzach), derzeit noch rund
       120.000 Armenier*innen, droht zu verhungern. Jüngst wurde über einen
       40-Jährigen berichtet, der an Unterernährung gestorben sei. Es fehlt nicht
       nur an Nahrungsmitteln, sondern auch an Medikamenten, Benzin wird knapp,
       Strom und Gas gibt es, wenn überhaupt, nur stundenweise.
       
       Der Grund: Bergkarabach ist seit Monaten [2][von seinem Hauptversorger
       Armenien abgeschnitten]. Luis Morena Ocampo, Ex-Chefankläger des
       Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag, sprach in der
       vergangenen Woche vom „Hunger als unsichtbarer Waffe“ eines Genozids, den
       Aserbaidschan vorbereite. Ohne dramatische Veränderungen würden die
       Armenier*innen in Bergkarabach binnen weniger Wochen sterben.
       
       Hintergrund der Krise ist ein territorialer Konflikt zwischen Aserbaidschan
       und Armenien. Woher rührt der Streit? 
       
       Zu Sowjetzeiten hatte Bergkarabach einen autonomen Gebietsstatus innerhalb
       der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Im Zuge des
       Zerfalls der Sowjetunion – 1991 erklärte sich Bergkarabach für unabhängig –
       kam es zwischen Aserbaidschan und Armenien in den 1990er Jahren zu einem
       Krieg.
       
       Zehntausende Soldaten und Zivilist*innen wurden getötet, mehr als eine
       Million Menschen wurde vertrieben. 1994 wurde ein Waffenstillstand
       vereinbart, der allerdings brüchig blieb. Armenien kontrollierte fortan
       außer Bergkarabach auch noch eine Pufferzone um die Region herum. Der
       „Quasi-Staat“ Bergkarabach ist international nicht anerkannt,
       völkerrechtlich gehört er zu Aserbaidschan.
       
       Warum eskaliert der Konflikt gerade jetzt? 
       
       Die aktuelle Zuspitzung ist eine Folge erneuter kriegerischer
       Auseinandersetzungen vom Herbst 2020, die 44 Tage dauerten und etwa 7.600
       Tote forderten. Aserbaidschan eroberte, auch mit militärischer Hilfe der
       Türkei, in Bergkarabach die strategisch wichtige Stadt Schuscha sowie
       weitere Orte. Am 10. November 2020 sah sich Armeniens Regierungschef Nikol
       Paschinjan gezwungen, ein von Russland vermitteltes
       Waffenstillstandsabkommen zu unterzeichnen.
       
       Teile Bergkarabachs sowie die sieben Distrikte aus der umliegenden
       Pufferzone fielen an Aserbaidschan. Eine 2.000 Mann starke russische
       Friedensmission soll nicht nur den Waffenstillstand für zunächst fünf Jahre
       überwachen, sondern auch den sogenannten Latschin-Korridor kontrollieren,
       der für die Karabach-Armenier*innen von existenzieller Bedeutung ist. Er
       stellt die einzige Landverbindung und Versorgungsroute zu Armenien dar.
       
       Wieso hat Russland in Bergkarabach Friedenstruppen stationiert und wie kam
       es zur Blockade des Latschin-Korridors? 
       
       [3][Moskau betrachtet auch Armenien als seine Einflusssphäre], es unterhält
       in der zweitgrößten armenischen Stadt Gjumri seine einzige Militärbasis im
       Südkaukasus. Dort sind rund 3.000 russische Soldaten stationiert. Doch seit
       Ende 2022 ist das bilaterale Verhältnis merklich angespannt. Die Regierung
       von Nikol Paschinjan wirft Moskau vor, seine Verpflichtungen nicht
       wahrgenommen und eine Blockade des Latschin-Korridors durch Aserbaidschan
       zugelassen zu haben – für die desaströse Situation in Bergkarabach also
       mitverantwortlich zu sein.
       
       Zur Blockade des Landkorridors kam es, nachdem aserbaidschanische
       Umweltaktivist*innen im Dezember 2022 dort Straßensperren errichtet
       hatten, um gegen die Rohstoffplünderungen durch Armenier*innen zu
       demonstrieren. So die Darstellung aus der aserbaidschanischen Hauptstadt
       Baku.
       
       Trotz massiver Verkehrsbehinderungen eskortierten Angehörige der russischen
       Truppen Warenlieferungen durch den Korridor, auch das Rote Kreuz konnte
       Hilfsgüter nach Bergkarabach bringen und Kranke medizinisch versorgen. Am
       23. April 2023 errichtete Aserbaidschan einen Grenzkontrollpunkt, was die
       Versorgung der Karabach-Armenier*innen weiter erschwerte. Am 12. Juli
       kündigte der aserbaidschanische Grenzschutz die vorübergehende Schließung
       des Checkpoints „Latschin“ an, offiziell begründet mit angeblichen
       armenischen „Schmuggelaktivitäten“. Derzeit ist der Korridor so gut wie
       dicht.
       
       Welche Ziele verfolgt Aserbaidschan? 
       
       Nach Lage der Dinge will Baku die komplette Kontrolle über Bergkarabach
       übernehmen. Die Armenier*innen könnten ja aserbaidschanische Pässe
       bekommen, heißt es. Dieses „Angebot“ dürfte kaum auf Gegenliebe stoßen, da
       die Armenier*innen ein Leben unter aserbaidschanischer Kontrolle mit
       Unterdrückung und Schlimmerem gleichsetzen. Als Alternative, nicht zuletzt,
       um dem Hungertod zu entgehen, bliebe ihnen dann nur, Bergkarabach zu
       verlassen – was einer ethnischen Säuberung ohne direkte Waffengewalt
       gleichkäme.
       
       Ein zweites Ziel Bakus ist die Schaffung eines Korridors nach Nachitschewan
       – eine autonome Republik Aserbaidschans, die an Armenien, Iran und auf
       einer Länge von 17 Kilometern auch an die Türkei grenzt. Nachitschewan ist
       nur durch einen knapp 50 Kilometer breiten und zu Armenien gehörenden
       Landstreifen von Aserbaidschan getrennt. Im September 2022 beschossen
       aserbaidschanische Soldaten Grenzgebiete im Süden Armeniens, es gab
       hunderte Tote. Dies war unstrittig ein Angriff auf die territoriale
       Integrität des Landes.
       
       Ist die Internationale Staatengemeinschaft in den Konflikt um Bergkarabach
       involviert und wenn ja, wie? 
       
       In den vergangenen Monaten kam es mehrmals zu Gesprächsrunden zwischen den
       Konfliktparteien, mit internationaler Beteiligung. Auf Bitten Armeniens hat
       eine zivile Mission der EU (Euma) im Februar ihre Arbeit aufgenommen, ihr
       gehören 100 internationale unbewaffnete Mitglieder an. Das Mandat ist auf
       zwei Jahre befristet und sieht Patrouillen auf armenischer Seite entlang
       der gesamten armenisch-aserbaidschanischen Grenze vor.
       
       Am 22. Februar 2023 forderte der Internationale Strafgerichtshof Baku dazu
       auf, „eine ungehinderte Bewegung von Personen, Fahrzeugen und Frachten“
       durch den Latschin-Korridor in beide Richtungen zu gewährleisten. In dieser
       Woche war der Konflikt Thema bei einer Dringlichkeitssitzung des
       UN-Sicherheitsrats, alle 15 Mitgliedstaaten drängten Baku erneut, den
       Latschin-Korridor umgehend zu öffnen. Die Konfliktparteien müssten sich um
       eine diplomatische Lösung bemühen, hieß es – das war’s. Eine gemeinsame
       Erklärung? Fehlanzeige.
       
       Armenien fühlt sich von den westlichen Staaten im Stich gelassen. Es
       wünscht sich deutlich mehr Druck auf Aserbaidschan. Warum geschieht das
       nicht? Gibt es überhaupt Perspektiven für einen Friedensvertrag? 
       
       Aserbaidschan ist reich an Rohstoffen und daher als Handelspartner höchst
       attraktiv – vor allem in Zeiten des Ukraine-Krieges. Im Juli 2022
       unterschrieb EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein Abkommen
       über die Verdoppelung von Gaslieferungen ab 2027. Dafür kann man auch schon
       mal über ein paar Defizite in Sachen Menschenrechte hinweg sehen, so
       scheint es. Was Friedenshoffnungen angeht: Immerhin reden die
       Konfliktparteien noch miteinander, weitere Treffen sind bereits in den USA,
       auf EU-Ebene und in Russland geplant. Viele Armenier*nnen sind indes
       pessimistisch, eine Journalistin sagt: „Spätestens in 30 Jahren wird es
       Armenien auf der Landkarte nicht mehr geben.“
       
       18 Aug 2023
       
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