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       # taz.de -- Frauenfußball in Pakistan: Hier braucht es keine WM
       
       > Die Probleme vieler WM-Teilnehmerinnen gibt es auch in Pakistan:
       > Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und das Hinausdrängen von Frauen.
       
   IMG Bild: Das einfache Recht, Fußball zu spielen, muss noch erkämpft werden. Studentinnen in Peschawar, 2015
       
       So wichtig ist das WM-Turnier, das wir gerade erleben, gar nicht. Gewiss,
       die Spiele und Tore sind [1][von Bedeutung], aber noch mehr geht es darum,
       die Bühne WM zu nutzen, um für die Rechte der Spielerinnen einzutreten.
       Aller Spielerinnen. Wir wollen den Frauenfußball feiern, nicht das
       Fifa-Turnier. Denn eine Verbesserung ist leider nicht möglich, ohne sich
       über die Verbände und die Kultur, die sie gegenüber den Frauen pflegen, zu
       ärgern.
       
       Wenn man sich [2][genau anschaut], welchen Weg die Teams zu dieser WM
       zurücklegen mussten, sieht man, dass Spitzenfußballerinnen vor den gleichen
       Herausforderungen stehen wie die Frauen, die auf niedrigerem Level kicken.
       Meistens sind es allein männliche Funktionäre, die über alles entscheiden.
       Obwohl die erste Frauen-WM der Fifa schon 32 Jahre zurückliegt, ist der
       Frauenfußball noch nicht so etabliert, wie er es sein müsste.
       
       Ich berichte als Reporterin über den Frauenfußball in Pakistan und weiß,
       dass die Probleme, mit denen sich spanische, amerikanische, sambische,
       haitianische, kanadische, venezolanische, argentinische oder kolumbianische
       Fußballerinnen herumschlagen, nicht sehr von dem unterscheiden, was wir in
       Pakistan erleben.
       
       Es gibt einen Kampf um die Gleichstellung des Frauenfußballs mit dem
       Männerfußball, vor allem im finanziellen Bereich. Der ist wichtig. Zugleich
       aber es gibt noch einen allgemeineren Kampf, einen um die Menschenrechte.
       Darum, dass Frauen als menschliche Wesen betrachtet und behandelt werden.
       
       Wenn es nur um gleiche Bezahlung ginge, wäre der Kampf etwas leichter zu
       gewinnen, aber wir müssen die Fifa dazu bringen, nach einem Weg suchen, die
       Kultur in den Verbänden zu ändern, damit Fußballerinnen in den weniger
       entwickelten Ländern nicht einfach als Posten behandelt werden, die man hin
       und her schieben kann.
       
       ## Equal Pay ist nicht alles
       
       Wenn es nur den Leistungsträgerinnen auf globaler Ebene gelingen sollte,
       das gleiche Prestige, Geld und dieselben Ressourcen zu erhalten wie ihre
       männlichen Kollegen, wäre das eine bescheidene Hinterlassenschaft dieser
       Frauen-WM. Misshandlung von Fußballerinnen war häufig Thema in vielen Teams
       bei dieser WM. Hinzu kommen die alten frauenfeindlichen Muster, gegen die
       sich etwa die spanischen [3][Spielerinnen] im vergangenen Jahr wehrten, als
       sie die Ablösung von Trainer Jorge Vilda gefordert haben. Bei Sambia und
       Haiti haben wir gesehen, dass die Vorwürfe, die die Frauen vorbrachten,
       zwar Gehör fanden, dass es aber letztlich wieder Männer waren, die die
       Entscheidungen für sie getroffen haben. Wir mussten erleben, wie die
       Frauen, die den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht sagten, abgebügelt und
       gedemütigt wurden.
       
       Tatsächlich geht es immer darum, dass Fußballerinnen versuchen, in der
       Männerwelt erfolgreich zu sein – und dass sie deswegen enorme Widerstände
       erfahren. Das Gleiche gilt für die pakistanischen Fußballerinnen und die
       Nationalmannschaft. Nur zwei Tage vor Beginn der WM bestritt unser Team ein
       Freundschaftsspiel in Singapur. Ein Länderspiel, ja, aber die besten
       Fußballerinnen des Landes fehlten. Das ist so ähnlich wie bei dem
       spanischen WM-Team, das 15 Spielerinnen aus Protest boykottiert hatten, von
       denen nur einige zurückgekommen sind.
       
       Der pakistanische Fußballverband (PFF) wird derzeit von einem
       „Normalization Committee“ geleitet, das die Fifa im Jahr 2009 eingesetzt
       hatte. Zwischen 2014 und 2022 hat die pakistanische Frauenauswahl kein
       Spiel bestritten, an keinem Turnier teilgenommen. Zudem war Pakistan
       zwischen 2017 und 2022 zweimal gesperrt worden. Die Fußballerinnen haben
       also nicht nur mit systemischer Frauenfeindlichkeit zu kämpfen, sondern sie
       leiden auch unter der anhaltenden Krise des Verbands. Und die haben wir den
       machtgierigen männlichen Funktionären zu verdanken.
       
       Als die Nationalmannschaft im September 2022 in den internationalen Fußball
       zurückkehrte, rückten die besten Spielerinnen des Landes nur ganz kurz ins
       Rampenlicht. Nachdem sie sich aber sich gegen den unqualifizierten
       Cheftrainer ausgesprochen hatten, der lediglich über eine B-Lizenz der Uefa
       verfügt, war wieder Schluss mit dem medialen Wohlwollen. Der Trainer
       beschimpfte die Frauen nicht nur verbal, sondern sorgte auch dafür, dass
       möglichst viele Spielerinnen aus dem von ihm selbst betreuten Verein in die
       Nationalmannschaft berufen wurden. Da er zudem Spielerinnen aus England und
       den USA rekrutierte, beschimpfte er nun auch Spielerinnen, die in der
       Heimat kicken.
       
       ## Ein Aufschwung, der keiner ist
       
       Auf den ersten Blick sieht die Bilanz gar nicht so schlecht aus. Erstmals
       nahm Pakistan an der Qualifikation zu den Olympischen Spielen teil, wo die
       Elf auch ein Spiel gewann. Und im Januar 2023 lief sie bei einem
       Freundschaftsturnier in Saudi-Arabien auf.
       
       Was aber stutzig macht, ist die Geheimniskrämerei, die um den Kader
       veranstaltet wird. Mehrere Spielerinnen hatten im vergangenen Jahr über
       Missbrauch gesprochen. Etliche hatten sich schriftlich an den Verbandschef
       gewandt. Doch darauf gab es keine Antwort. Die einzige Reaktion war, dass
       sie nicht mehr zur Nationalmannschaft eingeladen wurden – ohne Begründung.
       Im Trainingslager sollen aber die Beschimpfungen heftig gewesen sein. Der
       Trainer soll die Teammanagerin so sehr beleidigt haben, dass sie vor dem
       versammelten Team in Tränen ausbrach. Zugleich bekamen die jungen Frauen,
       die sich jahrelang in einer derart patriarchalisch geprägten Gesellschaft
       wie der pakistanischen bemüht hatten, Fußball zu spielen, immer wieder zu
       hören, dass das, was sie da machen, nicht ausreiche. Sie würden ja ihr
       Spiel nicht verbessern und hätten eh keine Chance auf eine Karriere im
       Fußball.
       
       Kein Wunder, dass es in Pakistan keine Profiliga für Frauen gibt. Die
       Meisterschaft wird einmal im Jahr, gerade mal einen Monat lang ausgetragen.
       In der Zwischenzeit spielen die Frauen in regionalen Teams. An der ohnehin
       nicht allzu wertvollen nationalen Meisterschaft nehmen nur wenige Vereine
       teil. Pakistans Fußballverband denkt gar nicht daran, eine eigene Liga für
       Frauen einzurichten oder den Fußballerinnen auf eine andere Weise zu
       ermöglichen, sich zu verbessern. Es gibt auch keine Förderprogramme für
       Trainerinnen oder Schiedsrichterinnen.
       
       Das Fußballsystem für Frauen in Pakistan ist kaputt. Dennoch träumen Frauen
       auch hier davon, auf internationalem Level Fußball zu spielen. Dieser Traum
       wird ihnen aber zerstört, solange der Verband einen Trainer stützt, über
       den Missbrauchsgerüchte kursieren und der ein toxisches Arbeitsumfeld
       aufgebaut hat – obwohl sich selbst die erfahrensten Spielerinnen gegen
       Missbrauch und Missmanagement aussprechen.
       
       Natasha Raheel Khan ist die einzige hauptberufliche Sportjournalistin, die
       für eine pakistanische Zeitung arbeitet. Anfang August nimmt sie am
       Symposium „(Un)seen Game“ von Discover Football e. V. in Berlin teil.
       
       28 Jul 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Natasha Raheel Khan
       
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