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       # taz.de -- Die Kunst der Woche: Wo der Wind ein Lied singt
       
       > Vielschichtig: poetische Reflexionen über Gärten in der Klosterruine. Und
       > eigenwillige Positionen zu Traditionen in Südkorea bei Esther Schipper.
       
   IMG Bild: Ein Garten in der Ruine: „Out of Season“ Shirin Sabahi, Klosterruine 2023
       
       Eine ebenso schlechte wie gute Idee war es, der Ausstellung von Shirin
       Sabahi in der Klosterruine ausgerechnet an einem jener extrem heißen Tage
       der vergangenen Woche einen Besuch abzustatten. Schlecht, weil Hitze
       bekanntlich Kopf wie Blick beduselt, gut aber, weil die Klosterruine,
       gelegen zwischen Alexa und Grunerstraße, immer schon eine angenehm kühle
       Oase der Ruhe in dieser unwirtlichen Gegend nahe des Alexanderplatzes war,
       unterstützt von Sabahis Kunst aber sogar noch ein bisschen mehr.
       
       „Out of Season“, [1][so der Titel der Outdoor-Ausstellung], ist eine
       poetische Reflexion über Gärten – naheliegenderweise Klostergärten als
       Rückzugsort und Forschungsstätte. Aber auch über Gärten als Orte mit
       komplizierter Bedeutung, an denen versucht wird, die Natur zu beherrschen
       oder in deren Botanik sich koloniale Verstrickungen zeigen.
       
       Zweischneidig, vielschichtig sind denn auch die Objekte, die Sabahi in
       ihren Garten gestellt hat. Ein achteckiger, poolblau angestrichener
       Springbrunnen plätschert vor sich hin. Erinnern könnte er an die
       Wasserbecken und Brunnen islamischer Gärten oder Innenhöfe, errichtet zur
       religiösen Einkehr. Ebenso aber auch an die historischen Berliner
       Klohäuschen, in der schwulen Cruisingszene bekannt als „Café Achteck“ –
       eine andere Form der Einkehr.
       
       Wunderschön, aber völlig leblos funkeln überdimensionierte Schnittblumen im
       Sonnenlicht. Sabahi hat sie aus Schalen, Vasen, Tellern und Bechern aus
       solchem bunten Glas zusammengesetzt, wie es sie jetzt nur noch auf dem
       Trödel für kleines Geld zu kaufen gibt. Dahinter singt eine „Geisterharfe“
       im Wind, ein aus spiegelndem Metall nachgebauter und mit Saiten bestückter
       Windfänger, in der traditionellen persischen Architektur ein Element zur
       natürlichen Klimatisierung von Innenräumen, der hier im Außenraum freilich
       nichts auszurichten vermag.
       
       Und zwischen allem stehen Klappstühle, verbindende rote Punkte, wie sie für
       die Bundesgartenschau 2005 in München hergestellt wurden – Sinnbilder
       dafür, inwiefern Gärten zu Instrumenten der Politik werden können, aber
       auch bequeme Sitzgelegenheiten, um von dort aus zu lauschen und zu schauen.
       
       Dui Jip Ki bedeutet im Koreanischen so viel wie „Umdrehen“ und wird in
       diversen Zusammenhängen genutzt, ob man nun einen Pfannkuchen wendet, seine
       Meinung ändert oder auch beim Ringkampf den Gegner oder die Gegnerin auf
       den Boden legt und damit besiegt.
       
       Dass die [2][Gruppenausstellung koreanischer Kunst], mit der Esther
       Schipper in ihren Berliner Räumen den einjährigen Geburtstag ihrer Seouler
       Dependance begeht, diesen Titel trägt, sei als Hinweis auf die
       Heterogenität der Positionen zu verstehen – so steht es in der
       Pressemitteilung. Das klingt banaler, als es sich in der Ausstellung zeigt,
       nämlich in vielen neuen interessanten Wendungen im Sinne eines individuell
       eigenwilligen Umgangs mit Traditionen. Einen ziemlich guten Einblick in die
       Kunstproduktion des südostasiatischen Landes bekommt man so – ganz ohne
       Fernreise.
       
       Einladungen zur Kontemplation über die Essenz von Malerei sind die zarten
       Gemälde von Hong Joo Kim (*1945), dem ältesten Künstler der Ausstellung. In
       direkter Nachbarschaft dazu beweist Lee Bae (*1956), wie erstaunlich
       vielfältig der Fokus auf ein Material – Holzkohle – und ein Motiv – den
       Pinselstrich – sein kann.
       
       Haneyl Choi, geboren 1991, ist einer der ersten offen queer lebenden
       Künstler Südkoreas. Die Skulpturen, mit denen er vertreten ist, erzählen
       vom komplizierten Aneinandergebundensein von Liebenden während der
       Pandemie.
       
       Jin Meyersons (*1972) wiederum, geht es um Präsenz – sowohl im
       gesellschaftlichen Diskurs mit seiner Geschichte als in die USA adoptiertes
       Kind, als auch innerhalb der Malerei, die er mit einem Instagramfilter
       erweitert, der die einzelnen Schichten auseinanderdröselt und ins
       Dreidimensionale verschiebt.
       
       Neu und anders ist auch die Art und Weise mit der eine ganze Generation
       junger Malerinnen mit Farbe und Leinwand umgeht. Suyeon Kim (*1986) etwa
       lässt quasi malen: Für ihre Bilderserie ließ sie den Pinsel frei über der
       Leinwand schwingen, wählte als Hintergrund die jeweilige Farbe des Himmels
       in jener Stunde.
       
       Gab es überhaupt je so viel Malerei bei Esther Schipper zu sehen? Es steht
       ihr jedenfalls gut.
       
       26 Jul 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://klosterruine.berlin/de/program/out-of-season
   DIR [2] https://www.estherschipper.com/exhibitions/1218-dui-jip-ki-esther-schipper-berlin-and-seoul/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Beate Scheder
       
       ## TAGS
       
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