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       # taz.de -- Debatten über extreme Wärme: Die Hitzediktatur
       
       > Die nächste deutsche Gesundheitskrise steht an. Sie dürfte der
       > Coronapandemie ziemlich ähneln, zumindest was die politischen
       > Diskussionen angeht.
       
   IMG Bild: Hitze im März in Barcelona – bald auch in Deutschland?
       
       Hitze ist tödlich. Dieses Jahr sollen schon 640 Menschen in Deutschland an
       der anhaltenden Hitze gestorben sein, schätzt das Robert-Koch-Institut. Und
       auch von spanischen Forscher:innen gibt es Zahlen: Im Sommer 2022 sind
       [1][rund 8.200 Menschen in Deutschland an Hitze gestorben]. Herausgefunden
       haben die Epidemiolog:innen das, indem sie die Todeszahlen in heißen
       Wochen mit vergleichbaren Wochen anderer Jahre verglichen haben, das
       Ergebnis ist die sogenannte Übersterblichkeit durch Hitze. „RKI“,
       „Übersterblichkeit“, „Epidemiolog:innen“ und die Vermeldung von Todeszahlen
       – alles weckt unangenehme Erinnerungen an längst verdrängte Coronajahre.
       
       Die schlechte Nachricht: Die Todeszahlen werden sogar steigen – von
       europaweit aktuell rund 60.000 Hitzetoten pro Sommer auf 94.000 Todesfälle
       bis 2040 und laut spanischen Forscher:innen deutlich über 120.000 Toten
       bis 2050, der Klimawandel fordert seinen Tribut. Auch wenn es dieses Mal
       keine Pandemiewelle ist, die auf die deutsche Gesellschaft zurollt, sondern
       eine Hitzewelle – wir sind gewappnet! Zumindest verbal, denn die Debatten,
       die uns alle erwarten, dürften ähnlich ablaufen [2][wie jene zur
       Coronapandemie].
       
       Vor allem Menschen mit Vorerkrankungen oder ältere Personen werden unter
       den hohen Temperaturen leiden – und sterben. Wie auch zu Coronazeiten
       werden Einschränkungen notwendig werden, wenn wir die Schwächsten vor dem
       Hitzetod bewahren wollen. Nicht indem wir das Haus nicht mehr verlassen
       oder Maske tragen, sondern indem wir die Wirtschaft an CO2-Budgets fesseln,
       die Regierung beschließt, unsere Heizungen austauschen zu lassen, und wir
       alle weniger verkonsumieren.
       
       Und das sind sie: die Zutaten für eine aufgeregte Diskussion à la
       Coronapandemie. Wer erinnert sich noch an die Aussage von [3][Tübingens
       Oberbürgermeister Boris Palmer]: „Wir retten möglicherweise Menschen, die
       in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Irgendeine Person, die seine Rolle
       diesmal übernimmt, wird sich finden, und sie wird sagen: Ob Opa nun im
       Sommer stirbt oder doch erst kurz vor Weihnachten, ist das nicht egal, wo
       sein Herz doch eh schon so schwach gewesen ist?
       
       ## Politikstil je nach Wetterlage
       
       Vielleicht werden die ein oder anderen ja auch die „Hitzediktatur“
       anprangern in Anlehnung an die angebliche „Ökodiktatur“, wenn ihnen
       angesichts der notwendigen CO2-Einschränkungen das Tempolimit aufgedrückt
       und der Fleischkonsum verteuert wird. Denn wieso sollte ich mich
       einschränken, wenn ich es mir doch gesundheitlich und finanziell leisten
       kann?
       
       Selbst das TV-Programm ist schon erprobt, man braucht sich nur Talkshows
       wie die von Markus Lanz vorzustellen: Da sitzt dann ein Hitzeexperte – das
       Pendant zu den Coronavirolog:innen – und plädiert für Kälteräume,
       die man präventiv einrichten müsse, während die Klimawissenschaftlerin –
       wie die Pandemieforscher:innen von einst – bereits vor den kommenden
       Sommern mit ihren Hitze- und Todeswellen warnt und langfristige Maßnahmen
       fordert.
       
       Der Politikstil von Markus Söder, der sich bei Corona erst zum Schützer der
       Alten und Schwachen aufschwang, nur um dann das Ende der Maßnahmen zu
       fordern, könnte wieder zu einer gut geölten Wahlkampfstrategie werden.
       Vielleicht ändert sich die Klimaschutzagenda der Landesfürst:innen dann
       mit den Jahreszeiten, im Winter sterben schließlich deutlich weniger
       Menschen an Hitze. Und auch jene Personen, die die wirtschaftlichen
       Interessen gegen die Opfer der Hitzeepidemie ausspielen, werden vor den
       Kameras sitzen, nicht erkennend, dass eh niemand arbeiten kann, wenn die
       Bauarbeiter:innen zu ihrem Schutz ein Bauverbot in der prallen Sonne
       auferlegt bekommen.
       
       Die Gesellschaft hat die Debatten, die auf sie durch die Klimakrise
       zukommen, alle schon einmal durchgespielt. Die Blockadehaltung vieler
       gesellschaftlicher Gruppen beim Klimaschutz wird sich auch dann schwer
       ändern, wenn sie uns als Gesundheitskrise die Großeltern raubt. Dafür
       kennen wir die Strecke durch das Hamsterrad schon zu gut – auf geht es in
       die nächste Runde.
       
       11 Jul 2023
       
       ## LINKS
       
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