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       # taz.de -- Nachruf auf Autorin Minnie Bruce Pratt: Vom Donner gerührt
       
       > US-Autorin Minnie Bruce Pratt ging mit ihrer Leserschaft und Community
       > einen Bund ein, zu dem auch Gedichtbände gehörten – und die Beziehung zu
       > Leslie Feinberg.
       
   IMG Bild: Die lesbische Dichterin, Aktivistin und Hochschullehrerin Minnie Bruce Pratt
       
       Liebe Minnie Bruce – so spreche ich dich an, denn so hast du dich immer bei
       deinen Vorträgen vorgestellt. War es im feministischen Buchladen in Atlanta
       oder an der Georgia State University, wo mir das zum ersten Mal auffiel,
       ich weiß es nicht mehr. Genauso auf deiner Website. Du stehst dort [1][mit
       deinem Vornamen], diesem klangvollen doppelten Vornamen („so wie Fannie Lou
       oder Ana María“, schriebst du) und nicht mit deinem Doktortitel oder einer
       Aufzählung der vielen Auszeichnungen, die dir für deine Lyrik und deine
       politische Arbeit zuteil wurden.
       
       Du gingst mit deiner Leserschaft und deiner Community in dieser kurzen,
       einladenden Vorstellung deiner Selbst einen Bund ein, zu dem stets auch
       deine Gedichtbände und Essays gehörten und deine Beziehung zu [2][Leslie
       Feinberg], aus deren Feder „Stone Butch Blues“ stammte und der_dem du mit
       „S/HE“ und später, als Feinberg nicht mehr lebte, mit „magnified“
       öffentliche Liebesbriefe schriebst.
       
       Ihr musstet nicht von außen als Lebenspartner_innen erzählt werden, oder
       gar über die andere Person definiert werden, diese oft fragwürdige Geste.
       Nein, ihr habt euch selbst gegenseitig an eure Seite geschrieben, immer
       auch die Arbeit der_des anderen hervorgehoben, ein Dienst des Respekts für
       das Politische der Liebe, den wir vielleicht verlernt haben.
       
       Zum 30. Jubiläum von „Stone Butch Blues“ hast du für das Spinnboden
       Lesbenarchiv aus dem Gedicht „Tattoos“ gelesen, das von dem Respekt
       unbekannter Menschen für euch als Paar erzählt, der sich in allen Pronomen
       ausdrücken konnte, wie es Feinberg immer betont hat.
       
       ## Tochter Alabamas
       
       Zu so vielem werden wir noch reflektieren, was du als weiße Tochter
       Alabamas über das antirassistische Erbe des Südens der USA geschrieben
       hast, die Solidarität im Klassenkampf. Hätte dich jemand zu Frankreich
       gefragt, du hättest sicher die selektive Empathie angesprochen: Wie in der
       Berichterstattung zu den Protesten gegen die Rentenreform sofort nach den
       Gründen und politischen Forderungen gefragt wurde und bei den Protesten
       gegen Polizeigewalt nur von Sachbeschädigung die Rede ist.
       
       Liebe Minnie Bruce also, ich lese gerade die vielen Erinnerungen aus meinem
       Freundeskreis, eines deiner Bücher zum ersten Mal in der Hand gehabt zu
       haben: Es im Stehen lesend, die Luft anhaltend und vom Donner gerührt. Von
       den unverkennbaren Worten der Zuneigung und des Begehrens für Butch Lesben,
       für trans*maskulinen Ausdruck. Gelegt hast du deine Worte in einen
       Hemdsärmel, einen spontanen Tanz in einem Diner, den Stoff eines
       Unterhemds.
       
       Ich bin auch immer wieder vom Donner gerührt, wenn eine feminin gelesene
       Person sich in der Öffentlichkeit bei mir einhakt. Den Arm festhält, ein
       Stück so mit mir zusammenläuft, den Weg markiert, sei es eine
       „heterosexuelle“ Freundin, meine Cousine, meine Partnerin. Ihr seid in
       diesem Momenten unser Schutzschild, nicht umgekehrt.
       
       6 Jul 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.advocate.com/obituaries/minnie-bruce-pratt-obituary
   DIR [2] https://www.lesliefeinberg.net/self/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Noemi Molitor
       
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