URI:
       # taz.de -- Konsumkultur in Slowenien: Auf die harte Shopping-Tour
       
       > Slowenien hat eine der höchsten Einkaufscenter-Dichten Europas. Für viele
       > Slowen:innen bedeutet Shopping auch einen Triumph über den
       > Sozialismus.
       
   IMG Bild: Alles an einem Ort – für belebte Innenstädte ein Problem: Shopping plus Dino-Ausstellung in Kranj
       
       Kranj taz | Am 20. Februar 2020 eröffnete die Handelskette Lidl ihre 60.
       Filiale in Slowenien. Ich verfolgte das Geschehen vom Fenster aus. Immer
       wenn ich von meiner Arbeit aufblickte, breitete sich das Blech aus wie
       Schimmel“, schreibt der slowenische Schriftsteller und Kolumnist Miha
       Mazzini in der Mladina, einer großen slowenischen Tageszeitung. Er fühlt
       sich wie in einer Zeitmaschine: „Ist das Anfang der 1990er Jahre“, fragt
       Mazini sich, „als ein ausländisches Unternehmen seine erste Filiale
       eröffnet, die nach westlichem Standard gefüllt und dekoriert ist?“
       
       Im Jahr 2023 ist Slowenien EU-weit in der Spitzengruppe, wenn man sich
       anschaut, wie viel Quadratmeter Einkaufszentrum auf eine:n Einwohner:in
       kommen. Im Vergleich zu Deutschland etwa liegt der Wert – je nachdem,
       welche Statistik man bemüht – etwa dreimal so hoch. Das hat Konsequenzen
       für das kleine Land: Sloweniens Innenstädte veröden, und angesichts der
       [1][Klimakrise wird die Flächenversiegelung durch Shoppingcenter] zum
       Problem.
       
       An einem Samstag um 17 Uhr ist vor dem Einkaufszentrum Supernova Qlandia
       fast jeder Parkplatz belegt, auch in der Tiefgarage bildet sich eine
       Schlange aus suchenden Autos. Beim Ausstieg aus dem Auto fällt der Blick
       auf ein Bergpanorama, die Sonne scheint, es sind 26 Grad. Am Eingang des
       Centers sind die Cafés mit Aussicht auf den Parkplatz gut besucht. Die
       Leute trinken Eiscafé oder schon den ersten Wein aus der Region
       
       Qlandia ist nur eine von fünf Shopping Malls in der slowenischen Stadt
       Kranj. Trotzdem werden alle an diesem Junisamstag gut gefüllt sein, mit
       kaufkräftigen Slowen:innen, die den Einkauf mit Café und Lunch kombinieren
       – jeden Samstag wieder. Kranj, das nördliche Handelszentrum Sloweniens, ist
       auf einem Hügel gelegen, umgeben vom Canyon des Kokra Flusses und der Sava,
       dem größten Fluss Sloweniens. Grüne Hügel umgrenzen die Gemeinde, vom
       zentralen Marktplatz schaut man auf ein Alpenpanorama und die umliegende
       Gorenjska Region.
       
       Neben Gratisparkplätzen bieten die Malls klimatisierte Shops und alle
       Produkte an einem Ort. Die wenigsten haben volle Tüten in der Hand, dafür
       schlendert hier jede Altersgruppe vorbei – von Rentner:innen über
       Jugendliche bis zu Familien mit Kleinkindern. Eine Studie der
       Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers für den deutschen Markt von
       2023 ergab, dass 61 Prozent der Konsument:innen Shoppingcenter
       vorrangig zum Zeitvertreib besuchen.
       
       Im Supernova Qlandia in Kranj ergibt sich an einem gewöhnlichen
       Shoppingwochenende ein ganz ähnliches Bild: Lara, Dorothea und Diana sind
       für Laras 14. Geburtstag hierher gekommen und sitzen nun mit ihren
       Eistee-Bechern auf einer Bank vor einem der Geschäfte – das Center ist auch
       unter der Woche ihr Treffpunkt. Wo sollen sie auch sonst hin? „Kranj ist
       nicht groß genug dafür, dass es Orte für Jugendliche gäbe“, sagt Diana, die
       sich wenigstens ein Café mit Bubble Tea im Stadtzentrum wünschen würde. Der
       Stadtkern hingegen ist bis auf wenige Tourist:innen verlassen. Die
       Einheimischen sind entweder in den slowenischen Alpen wandern oder eben
       shoppen.
       
       Rund 353 Quadratmeter Einkaufszentrum kommen in Slowenien auf 1.000
       Einwohner:innen, weiß die slowenische Behörde für Vermessung und
       Kartierung, GURS. In der Gemeinde Kranj, der viertgrößten Stadt Sloweniens,
       sind es laut Daten von 2022 für rund 57.000 Einwohner:innen etwa
       225.586 Quadratmeter Einzelhandelsfläche. Das sind rund vier Quadratmeter
       pro Person. Zum Vergleich: In ganz Deutschland liegt der Durchschnitt bei
       rund 1,4 Quadratmetern pro Person, laut einer Studie des deutschen
       Marktforschungsinstituts GfK von 2016. Aktuellere Zahlen des GfK dazu gibt
       es nicht.
       
       Die Situation hinter den Zahlen in den slowenischen Gemeinden ist diese:
       Die Einwohner:innenzahl ist gering und die Distanzen klein, sodass der
       Einkauf in den umliegenden Gemeinden kaum Aufwand bedeuten würde – und
       trotzdem haben die meisten ihren eigenen Shoppingbeton vor Ort. Doch wozu
       braucht es insgesamt fünf Shoppingcenter in Kranj, einer Stadt in
       Alpennähe, die sich als grüne Destination im Herzen der Natur vermarktet?
       Steckt hinter dieser Menge an Einzelhandelsfläche ein Konzept – und wenn
       ja, wie kann es ein nachhaltiges sein?
       
       Die Einkaufszentren schossen in dem kleinen post-sozialistischen Land Mitte
       der 90er Jahre infolge der [2][Unabhängigkeit von Jugoslawien] wie Pilze
       nach dem Regen aus dem Boden. „Früher gingen die Leute in Italien und
       Österreich einkaufen, mit dem Sprung in den Kapitalismus wollten sie diese
       Möglichkeit auch im eigenen Land haben“, sagt Matjaž Rakovec, Bürgermeister
       der Gemeinde Kranj.
       
       Und diese Möglichkeit bekamen sie, vor allem durch den umfangreichen Ausbau
       der Schnellstraßen, den Slowenien ab 1994 verfolgte. In den vergangenen 30
       Jahren förderte die Verkehrspolitik fast ausschließlich die individuelle
       Mobilität, und Slowenien wurde nach Litauen und Portugal zu einem der vom
       Auto abhängigsten Mitgliedstaaten der EU.
       
       Im Jahr 2004 – pünktlich zum EU-Beitritt Sloweniens – waren die meisten
       Autobahnen fertiggestellt, meint Marko Peterlin, Direktor des Instituts für
       Raumordnungspolitik (IPoP) in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana
       rückblickend: „Das machte Shoppingcenter außerhalb des Stadtzentrums
       wesentlich attraktiver und zugänglicher, aber auch nur mit dem Auto
       erreichbar.“ Bis heute veröden infolge dessen die Innenstädte. Schon
       Kleinstädte ab 10.000 Einwohner:innen haben in Slowenien ein eigenes
       Shoppingcenter – wie etwa das gerade einmal zehn Kilometer von Kranj mit
       seinen fünf Shoppingcentern entfernte Škofja Loka, ein kleines Nest mit
       einer Bahnstation.
       
       Nach dem Ende des Sozialismus wurde außerdem die Stadtplanung stark
       vernachlässigt. Sie galt als lästiges Überbleibsel des vergangenen
       politischen Systems, das die Freizügigkeit und die wirtschaftliche
       Entwicklung einschränkte. „Aber die Raumplanung ist das einzige Instrument,
       was die Gemeinde hat, um die ansonsten von Investoren gesteuerte
       langfristige Entwicklung zu beeinflussen – da Einzelhändler mit die größten
       Investoren sind, sitzen sie an einem langen Hebel“, erinnert Raumplaner
       Peterlin.
       
       „Der Trend zu weiteren und neuen Shoppingcentern verlangsamt sich, aber
       vorbei ist er noch lange nicht“, sagt er, „Derzeit sind Discounter die
       Treiber des Booms – und ähnlich wie in den USA werden alte Center renoviert
       und erweitert. Dafür gibt es immer wieder neue Genehmigungen“, sagt
       Peterlin. In Slowenien ist nicht reguliert, wie viele Shoppingcenter für
       eine Gemeinde sinnvoll sein könnten. Auch in Deutschland gibt es keine
       generelle Obergrenze für Shopping, aber über das Baurecht legen die
       Kommunen sogenannte Gebietstypen fest – und damit auch Bereiche, in denen
       sich Einzelhandel ansiedeln darf.
       
       In Slowenien wiederum werden Investments in weitere Konsumflächen von den
       Städten und Gemeinden, ob nun reguliert oder nicht, so oder so weiterhin
       aktiv gefördert von der regionalen Politik. Aber warum? Geht es auch um
       Jobs, die dort in den Kommunen durch die Shoppingcenter geschaffen werden?
       
       Peterlin ist es eher ein Rätsel, wie Einzelhändler wie Supernova oder
       preisgünstige Alternativen wie Stop Shop die slowenische Lokalpolitik immer
       wieder davon überzeugen, dass sie eine positive Arbeitsmarktentwicklung
       beförderten: „Der Einzelhandel ist kein besonders beschäftigungsintensiver
       Wirtschaftszweig – und neue Arbeitsplätze sind in der Regel nahe am
       Mindestlohn und schlecht bezahlt.“
       
       Nicht zu vergleichen sei das mit der Beschäftigungsstruktur eines
       Industriestandortes, wie es Kranj zu Zeiten Jugoslawiens war. Große
       Textilfabriken produzierten in den neunziger Jahren sogar Einzelteile für
       Adidas. Nach der Unabhängigkeit von Jugoslawien wurden die industriellen
       Anlagen vor allem wegen ihrer Größe überflüssig und Tausende Menschen
       verloren ihre Jobs. Supernova gibt zwar an, allein in Slowenien bereits
       rund 12.000 Jobs im Einzelhandel geschaffen zu haben, aber Peterlin
       erinnert: „Wir müssen auch an all die Jobs denken, die infolgedessen durch
       die Schließung kleinerer Läden verloren gehen.“
       
       Die seit Mitte der 90er Jahre abgebauten Arbeitsplätze in der industriellen
       Großproduktion würden durch den Einzelhandel nicht wieder ausgeglichen. In
       den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Arbeitnehmer in der
       Einzelhandelsbranche auch nicht signifikant gestiegen, belegen Daten des
       slowenischen Statistikamtes. 2022 hatte der Sektor rund 60.000 Beschäftigte
       in Slowenien, gegenüber rund 54.000 in 2002.
       
       Milena hat von ihrer Shop-Theke in der Mitte des Qlandia-Centers einen
       guten Überblick: „Heute ist ein richtig voller Samstag und das wird bis 21
       Uhr Schließzeit so bleiben. Es gibt zwar drei Supernovas in Kranj, aber das
       hier ist der It-place to be.“ Mit den Handy- und Airpodhüllen, die sie
       verkauft, hat die Studentin, die nur ihren Vornamen nennen will, an diesem
       Samstag Mitte Juni schon über 4.000 Euro eingenommen. Für junge Leute gäbe
       es in Kranj einfach nicht genug Orte zum Verweilen, sagt die 20-Jährige:
       „Das Stadtzentrum hat zwar nette Cafés, aber es ist einfach zu leer.“
       
       Also wird der Familiensamstag in das klimatisierte Center verlegt: Familie
       Kranjec ist mit den drei Kindern im Alter von 15, 12 und 9 Jahren im
       Qlandia unterwegs. Nachdem es einen Fußball, Schuhe und neue Kleider gab,
       geht es zum gemeinsamen Einkauf noch in den Interspar im Center.
       Währenddessen muss Familienvater Gregor seinem Sohn erklären, dass es heute
       nur die dringend benötigten Schuhe für die kleine Schwester gibt.
       
       Ein Café in der Innenstadt von Kranj. Ein Treffen mit Anže Šinkovec, der
       seine 43 Lebensjahre in Kranj verbracht hat und sich in der Kommunalpolitik
       engagiert. Šinkovec erinnert sich an eine Zeit zurück, in welcher der
       Stadtkern noch ein Treffpunkt war: „Als ich jünger war, war die Stadt viel
       voller. Ab 2006 hat die Gemeinde viele Fehler gemacht.“ Er meint damit vor
       allem den Verkauf der Majdičev-Insel zu Füßen des historischen Stadtkerns
       an die Mercator-Supermarktkette, die jetzt dem österreichischen
       Einzelhandelsriesen Supernova gehört.
       
       Die Majdičev-Insel wird gewöhnlich von der Sava umspült und wäre ein
       geeigneter Erholungsort, an dem sich Anže Šinkovec einen Campingplatz, eine
       Kajakstation und einen Park vorstellt. Stattdessen thront auf dem derzeit
       trocken gelegten Flussbett das Savski otok Center von Supernova mit einem
       großen OBI-Baumarkt und einem Supermarkt der Mercator-Kette. Um den
       asphaltierten Parkplatz in der Mitte sind zahlreiche kleinere Shops
       angeordnet, die das Parken direkt vor der Ladentür erlauben.
       
       ## Korruption im Spiel?
       
       Auch Bürgermeister Rakovec erinnert sich gerne und lebhaft an seine
       Kindheit am Fluss zurück, doch die Fehler seiner Vorgänger wird er an
       diesem Ort nicht mehr ausbügeln können: „Ich bin Wassersportler und dort
       jeden Tag in den Fluss gegangen, es sind mit die schönsten Erinnerungen
       meiner Kindheit. Man muss sehr dumm sein, diese Insel für weitere
       Einkaufsfläche zu verkaufen. Ich denke, da war Korruption im Spiel und es
       ist viel Geld geflossen für diesen Deal.“
       
       Genug Geld, um Majdičev für die Stadt und damit für die Öffentlichkeit
       zurückzukaufen, hat die Gemeinde heute nicht. Rakovec, der seit 2019 im Amt
       ist und auch kommendes Jahr vorhat, wiedergewählt zu werden, gibt laut
       eigener Aussage immerhin keine Baugenehmigungen für weitere Einkaufszentren
       mehr heraus. Stattdessen ist Kranj eine von 100 europäischen Städten, die
       bis 2030 klimaneutral werden wollen – auch große Einzelhändler müssen hier
       Einsatz zeigen.
       
       Die bekannte slowenische Klimatologin Lučka Kajfež Bogataj sitzt in Kranjs
       strategischem Rat der Initiative klimaneutrale Stadt, der die
       Kommunalpolitik berät. Sie schätzt, dass die Shoppingcenter etwa 10 bis 15
       Prozent der städtischen Emissionen ausmachen. „Ich beziehe bei der
       Schätzung mit ein, was die Leute vor Ort konsumieren und kaufen. Wie sie
       dorthin kommen, also immer mit dem Auto, ist jedoch ein weiterer Aspekt,
       der die Emissionen noch erhöht“, sagt Bogataj.
       
       Zudem, sagt Bogataj: Viele Kaufhäuser seien auf früheren Agrarflächen
       entstanden, auf denen lokale Lebensmittel angebaut wurden. Dabei würden
       landwirtschaftliche Nutzflächen mit dafür sorgen, dass Starkregen, den der
       Klimawandel zukünftig auch gerade in Slowenien mit sich bringen wird,
       versickern könne, sagt sie.
       
       Laut der Europäischen Umweltagentur (EEA) waren die Pro-Kopf-Schäden durch
       Extremwettereignisse zwischen 1980 und 2020 in Slowenien, Frankreich und
       der Schweiz am höchsten. Slowenien hat in dieser Statistik vor allem mit
       Starkregen und Hochwasser zu kämpfen. Versiegelte, asphaltierte Flächen wie
       die Parkplätze von Einkaufszentren befördern die daraus resultierenden
       Fluten.
       
       Auch Hitzeinseln werden auf asphaltierten Flächen in Zukunft zum Problem,
       erinnert Peterlin vom IPoP. „Es gibt Pläne, die Parkplätze mit Solarpanels
       zu überdachen, aber auch das löst nicht das Problem der Hitzeinseln“, sagt
       er. Ein Paradigmenwechsel, weg von der freien Parkplatzwahl überall und hin
       zu wenigen Parkmöglichkeiten, sieht er als Ausweg. „Dafür ist die Politik
       zuständig, aber die Gemeinden sind zu schwach, um das gegenüber den
       Einzelhändlern durchzusetzen. Ich denke, wir werden erst in fünf bis zehn
       Jahren Regulierungen des Parkraums haben“, meint der Experte.
       
       Das Dilemma: Die Gemeinden wagen es nicht, einen Investor abzulehnen, auch
       wenn es der fünfte Einzelhändler ist – weil es ihnen zum einen Geld in den
       Gemeindehaushalt spielt und weil es zum anderen das politische Image
       poliert. „In Slowenien wird alles Neue in der Bevölkerung immer noch als
       Zeichen des Fortschritts angesehen, und neue Bauvorhaben kommen daher den
       Lokalpolitiker:innen zugute, auch wenn ihr längerfristiger Nutzen
       fraglich ist“, fasst Peterlin zusammen. Da es keine langfristigen Visionen
       und Pläne in den Gemeinden gäbe, sei es auch schwierig, den erwarteten
       Nutzen – oder eben Schaden – einer bestimmten Investition zu bewerten.
       
       Ist man in Sloweniens Städten außerhalb der Fußgänger:innenzonen
       unterwegs, entsteht manchmal der Anschein, es gäbe mehr Schlafplätze für
       Autos als für Menschen. Kranjs Einkaufszentren liegen maximal zehn Minuten
       Autofahrt außerhalb der Stadt, eingebettet zwischen den bewaldeten Hügeln
       der selbsternannten Hauptstadt der slowenischen Alpen.
       
       Besnica, etwa acht Kilometer nordwestlich von Kranj. Im März wurden Pläne
       für eine Indoor-Skihalle bekannt. Für die Pläne der Gemeinde hätte ein
       großes Stück Wald gerodet werden müssen. Živa Slavec, die in Besnica
       aufgewachsen ist, beschloss zu handeln: Slavec gründete eine
       Bürger:inneninitiative und sammelte über 3.000 Unterschriften gegen
       die Baupläne – und damit mehr, als ihr Ort Einwohner:innen hat.
       
       „Um Erfolg zu haben, mussten wir jedoch die Grundbesitzer überzeugen, das
       Land nicht für die Skihalle zu verkaufen. Sie waren am Ende der
       entscheidende Faktor, was traurig ist“, findet Slavec. „Denn obwohl wir
       viele Gespräche geführt haben, hat die Unterstützung der lokalen
       Bevölkerung nicht ausgereicht, um den Bürgermeister und die Gemeinde davon
       zu überzeugen, die Pläne fallen zu lassen“, erinnert sich die 43-jährige
       Slowenin. Der zuständige Bürgermeister für Besnica ist übrigens derselbe
       wie für Kranj: Rakovec. Nun ist eine Skihalle kein Shoppingcenter, aber
       Slavec befürchtet, dass der „Wert der Natur“ nicht gesehen wird, auch nicht
       hier in Besnica.
       
       Wenn unberührtes Land nur als potenzielles Bauland gesehen wird, ist die
       Gefahr eben groß, dass es vor allem kommerziell genutzt wird – zulasten von
       ökologischen Belangen und der Interessen der Allgemeinheit. „Auch die
       Shoppingcenter sind auf ehemaligem Farmland entstanden, die lokale Produkte
       für die lokale Bevölkerung produzierten“, weiß Slavec. Baue man
       Tourismusinfrastruktur wie die gescheiterte Skihalle nicht mit der lokalen
       Bevölkerung auf, „verkaufe und verrate“ man diese. „Ich habe Angst, dass es
       unmöglich ist, das rückgängig zu machen“, sagt sie.
       
       Die Majdičev-Insel in Kranj ist ein zubetoniertes Denkmal eines solchen
       Handelns, das zulasten der städtischen Lebensqualität ging. „Kranjs
       Einwohner:innen sind Naturliebhaber:innen“, sagt der Kommunalpolitiker
       Anže Šinkovec. Auf Kranjs Hausberg Jost etwa wandern täglich bis zu 1.000
       Menschen, weniger Tourist:innen als die Einheimischen vor und nach der
       Arbeit. Dabei findet Slavec wichtig zu erwähnen: „Die Leute hier stören
       sich bislang nicht an den Shoppingcentern, weil es ihre Community nicht
       stört. Sie gehen dort einkaufen und fahren dann wieder in ihr schönes,
       grünes Zuhause außerhalb der Stadt.“
       
       Jetzt, wo die Shoppingcenter da sind, möchte Kranjs Bürgermeister Rakovec
       die Investoren wenigstens zur Verantwortung ziehen. Parkplätze sollen
       begrünt und der Asphalt gegen Kacheln ausgetauscht werden, zwischen denen
       das Regenwasser besser versickern kann. Hinzu kommen Regenwassertanks für
       die autarke Nutzung von Brauchwasser sowie Solarpanels und Begrünung auf
       den Dächern.
       
       Auf Nachfrage gibt Einzelhandelsriese Supernova an, sich der bislang
       umweltschädlichen Bauweise bewusst zu sein und an den Maßnahmen zu arbeiten
       – auch bei neuen Projekten. Denn ja, es entstehen weitere
       Einzelhandelsflächen, wenn auch „kleinere Ergänzungen“, wie
       Supernova-Gründer und Geschäftsführer Albert Frank sagt. „Es werden wohl
       keine neuen Zentren errichtet, der Markt ist gesättigt. Die Projekte
       funktionieren und die Erreichbarkeit ist sehr gut.“
       
       Am Supernova Rudnik in Ljubljana wird sogar eine Bahnhaltestelle errichtet,
       um den öffentlichen Verkehr zu fördern. Immer mehr Rent-a-bike-Initiativen
       sollen rund um Shoppingcenter aus dem Boden schießen. Ob das die
       Konsument:innen jedoch dazu bewegen wird, ihre Einkäufe nicht doch
       einfach wie bislang bequem ins Auto zu laden, ist fraglich.
       
       Klimatologin Bogataj, die das Problem Shoppingcenter in Kranjs
       strategischen Rat gebracht hat, erinnert: „Es ist wichtig, nicht nur die
       territorialen Emissionen, sondern auch die Konsumemissionen zu
       berücksichtigen. Shoppen entspricht ungefähr einem Hin- und Rückflug von
       der EU in die USA. Die Zentren sind so gebaut, dass sie unsere
       Kaufentscheidungen beeinflussen und wir nicht nur die eine Sache kaufen,
       die wir suchen, sondern auch andere Dinge, die uns bei dem großen Angebot
       zur Verfügung stehen.“
       
       Doch selbst wenn Shoppingcenter ihren Energieverbrauch drosseln, den
       Asphalt weitgehend beseitigen und grüner werden, sind die Innenstädte immer
       noch leer. Um das zu ändern, setzt Kranjs Lokalpolitik auf über 200
       Veranstaltungen, wie Konzerte und Sport-Events von Juni bis September. Man
       ist stolz auf die drei Secondhand-Läden im Zentrum und den Bauernmarkt am
       Samstagmorgen. „Außerdem bräuchten wir noch etwa 20 bis 30 weitere Läden im
       Stadtzentrum, um die Leute zurückzuholen“, sagt Bürgermeister Rakovec. In
       der Vergangenheit habe man bis zur Hälfte der Shopmiete subventioniert, um
       die Händler zu halten – das hatte aber nicht die erhoffte Wirkung.
       
       Während Kranj also versucht, Shopping in Centern mit mehr Shopping im
       Zentrum zu lösen, stellt sich damit die Frage, ob es am Ende vor allem um
       die Art des Konsums geht. Kranj hat ein Problem mit Shopping – aber
       vielleicht kann das Problem auch Teil der Lösung sein.
       
       8 Jul 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Klima-und-Stadtplanung-der-Zukunft/!5801115
   DIR [2] /Neue-Gewalt-im-Kosovo/!5934793
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Clara Nack
       
       ## TAGS
       
   DIR Lesestück Recherche und Reportage
   DIR Shoppingmalls
   DIR Starkregen
   DIR Flächenversiegelung
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Slowenien
   DIR Shopping
   DIR Schwerpunkt Stadtland
   DIR Fotografie
   DIR Lüneburger Heide
   DIR Unruhen in Frankreich nach Polizeigewalt
   DIR Bienen
   DIR Shoppingmalls
   DIR Resilienz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Audio-Walk im Phoenix-Center Harburg: Mein Nachmittag als Biene
       
       Am Hamburger Stadtrand lassen sich bewusstseinsverändernde Erfahrungen
       machen. Man muss nur mit der Performance-Truppe JaJaJa spazieren gehen.
       
   DIR Fotograf über Menschen im Einkaufscenter: Raus aus dem Konsumfluss
       
       Fotograf Wolfram Hahn porträtiert Menschen in Berliner Einkaufszentren.
       Dabei fängt er ein, wofür diese Orte außerdem stehen: Begegnung und
       Kontraste.
       
   DIR Alpinsport in der Lüneburger Heide: Ski unterm Dach, das geht gar nicht
       
       Wer eine Skihalle betreibt, braucht vom Klimaschutz nicht zu reden. Denn
       der „Heide-Gletscher“ ist der Feind der echten Gletscher.
       
   DIR Nach den Unruhen in Frankreich: Normalität vor zerstörten Scheiben
       
       In Frankreichs Hauptstadt Paris kehrt nach den Ausschreitungen Ruhe ein.
       Doch die Folgen bleiben im Straßenbild sichtbar – und Ladenbetreiber
       wachsam.
       
   DIR Ausstellung über Imkerei in Slowenien: Gemeinschaft mit der Biene
       
       Honig, Tradition und Weltkulturerbe: Das Museum Europäischer Kulturen zeigt
       „Buzzing Slovenia. Von Bienen und Menschen“.
       
   DIR Wissenschaft im Einkausfzentrum: Mall anders gedacht
       
       In einer Berliner Shopping Mall sollen sich Universität und Gesellschaft
       ganz nah kommen. Bisher lassen die Konsument:innen eher auf sich
       warten.
       
   DIR Klima und Stadtplanung der Zukunft: Die versiegelte Gesellschaft
       
       Schaffen wir die Trendwende und lernen, mit dem Wasser zu leben? Nach der
       Flutkatastrophe eine Bestandsaufnahme von der Ahr und dem Rest der Welt.