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       # taz.de -- Grüne Berlin: Arbeiten am Rollenwechsel
       
       > Macht weg, Posten weg, Personal weg: Die Grünen-Fraktion findet sich auf
       > ihrer Klausurtagung bei Nauen in ihre neue Position als Opposition
       > hinein.
       
   IMG Bild: Neue Rolle: Bettina Jarasch hier auf der Landesdelegiertenkonferenz im Juni 2023
       
       Bei dieser Partei wird oft vergessen, dass sie eigentlich an der Bewahrung
       der Schöpfung arbeitet – die Grünen haben also durchaus ein konservatives
       Element. Und so ist ihre Abgeordnetenhausfraktion zur Klausurtagung auch
       wieder ins Landgut Stober gefahren, rund 15 Kilometer südlich von Nauen, wo
       [1][auch der rot-grün-rote Senat] einmal tagte. Irgendetwas muss ja Bestand
       haben nach all dem Verlust an Macht, Posten und Personal nach der
       Abgeordnetenhauswahl vom Februar und dem Regierungswechsel zu Schwarz-Rot.
       
       Zur Tradition der Tagung gehört auch die Joggingrunde am Sonntagmorgen.
       Doch selbst dort macht sich die neue Situation bemerkbar: Meike Niedbal,
       die [2][bei der Fraktionsklausur im Mai 2022] noch als Staatssekretärin
       mitlief, ist nicht mehr dabei – Oppositionsparteien haben keine
       Staatssekretärinnen. Ex-Verkehrssenatorin Bettina Jarasch, nun
       Fraktionschefin, kommt hingegen gut gelaunt zum Treffpunkt um acht – wobei
       Jarasch sowieso eher selten anders zu erleben ist. Daran ändert auch der
       viel kritisierte Radweg-Planungs- und Baustopp ihrer CDU-Nachfolgerin im
       neuen Senat nichts.
       
       Der Vorstoß von CDU-Verkehrssenatorin Manja Schreiner ist auch immer wieder
       Thema, als die Fraktion in den inhaltlichen Teil der Klausur startet – und
       sei es nur kopfschüttelnd angesichts des Kommunikationsdesasters, das
       Schreiner bislang nicht in den Griff bekommt.
       
       Es geht eingangs darum, Klimaschutz und die Bereitschaft zu Veränderungen
       breiter zu vermitteln. Mehrere Gäste beschreiben dabei, wie wichtig
       Anknüpfungspunkte sind. Eine Ökologie-Professorin erinnert daran, dass auch
       die Kirchen mit dem Ziel der Schöpfungsbewahrung in die gleiche Richtung
       gehen wie die Grünen – sie erwähnt sogar Papst Franziskus, in dessen erstem
       Rundschreiben, [3][der Enzyklika „Laudato si“], es um Umweltschutz ging.
       
       ## Auch Gewerkschafter zu Gast
       
       Zu Gast ist zunächst ein Industriegewerkschafter, den Jarasch mit den
       Worten einführt, man habe sich ja schon kennen gelernt, „als Grüne und
       Gewerkschaften noch Lieblingsfeinde waren“. Als Grünen-Spitzenkandidatin
       hatte Jarasch im Januar, noch kurz vor der Wahl, [4][ein gemeinsames Papier
       mit der IG Metall] vorgestellt und von „Berlin-Brandenburg als Kern einer
       Re-Industrialisierung Ostdeutschlands“ gesprochen. Und so referiert vor der
       Grünen-Fraktion ein Mann, der laut Jarasch nicht nur Gewerkschafter,
       sondern auch Sozialdemokrat und Dieselfahrer ist. Auch ihm ist wichtig,
       gemeinsame Punkte zu finden – „man muss nicht immer einer Meinung sein,
       aber man muss ordentlich miteinander umgehen“, sagt er.
       
       Zu Besuch ist an diesem Morgen auch eine Frau, an der sich der
       Rollenwechsel der Berliner Grünen besonders gut zeigt: Petra Budke, die
       Fraktionschefin der Brandenburger Grünen. Die waren über Jahrzehnte quasi
       die arme Verwandtschaft der so lange erfolgreicheren Hauptstadt-Grünen –
       und liehen sich 2004 sogar den früheren Berliner Fraktionschef Wolfgang
       Wieland als Spitzenkandidaten für die Landtagswahl aus. Erfolg hatte das
       allerdings damals zunächst nicht: Noch bis 2009 mussten die Grünen warten,
       um nach 15 Jahren überhaupt wieder ins Potsdamer Parlament zurückzukehren,
       geschweige denn in die Regierung.
       
       Nun aber gehört Budke einem Landesverband an, der seit 2019 in einer
       Kenia-Koalition mitregiert, während die Berliner Nachbarn seit Ende April
       in der Opposition sind. Sie nimmt die durch den Krieg in der Ukraine so
       plötzlich entstandene Debatte um die Schwedter PCK-Raffinerie als Beispiel
       dafür, wie schwierig abrupte Veränderungen zu vermitteln sind. Der Pankower
       Abgeordnete Andreas Otto knüpft daran an und erinnert an einen Tag im Jahr
       2022 in Schwedt, „als morgens Greenpeace demonstrierte, weil denen der
       Wandel nicht schnell genug ging, und nachmittags die Gewerkschaft, der das
       zu schnell ging“.
       
       ## Mehr Abgeordnete
       
       Der Blick in den Tagungssaal im Landgut Stober, einer Ansammlung von
       aufgehübschten Backsteinbauten am idyllischen Groß Behnitzer See, zeigt
       dabei das Besondere, ja Widersprüchliche an der neuen Rolle des Grünen.
       Denn in dem Raum sitzen nicht weniger, sondern mehr Abgeordnete als bei
       Tagungen zu Regierungszeiten: Im neuen Parlament hat die Fraktion [5][34
       statt zuvor 32 Mitglieder] und damit so viele wie nie zuvor.
       
       Auch das sorgt dafür, dass nicht gerade Demut oder etwa Kleinmut herrscht
       angesichts des verpassten klaren Wahlziels – [6][Jarasch ins Rote Rathaus
       zu bringen]. In einem einstimmig beschlossenen Papier zur Oppositionsrolle
       ist nichts von Fehlern im Wahlkampf zu lesen, die zu berichtigen wären.
       Allein die Ankündigung, „noch mehr“ mit möglichst vielen Berlinern zu
       sprechen, lässt sich als Korrektur einer teils auf die eigene Blase
       konzentrierten Politik verstehen. Selbstbewusstsein hat die Fraktion
       weiterhin genug. Ein zentraler Satz des Papiers lautet: „Berlin geht nur
       grün und gerecht.“
       
       25 Jun 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Senatsklausur-auf-dem-Landgut-Stober/!5826319
   DIR [2] https://twitter.com/Bettina_Jarasch/status/1525734051017109504?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Etweet
   DIR [3] https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html
   DIR [4] https://www.tagesspiegel.de/mehr-industrie-mit-mehr-staat-jarasch-stellt-strategie-der-grunen-vor-9163821.html
   DIR [5] https://wahlen-berlin.de/wahlen/BE2023/AFSPRAES/agh/index.html
   DIR [6] https://gruene.berlin/pressemitteilungen/berliner-gruene-waehlen-bettina-jarasch-zur-spitzenkandidatin-unsere-stadt-braucht-eine-politische-fuehrung-die-weiss-wie-oekosozialer-klimaschutz-geht_3154
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Stefan Alberti
       
       ## TAGS
       
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