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       # taz.de -- Gala für Fluchthelfer*innen: Ehren statt kriminalisieren
       
       > Wer andere beim Fliehen unterstützt, wird meist als Schleuser
       > kriminalisiert. Das ist falsch und verschiebt die Verantwortung, findet
       > eine Initiative.
       
   IMG Bild: Rettungsboot neben einem überfüllten Flüchtlingsschiff im Mittelmeer im Juni
       
       BERLIN taz | Für Lisa Fittko war es eine lebensgefährliche Reise – heute
       dagegen ist der Weg gut ausgeschildert, geübte Wanderer laufen in rund fünf
       Stunden [1][vom südfranzösischen Banyuls-sur-Mer ins spanische Portbou].
       Und dass sie dabei eine Grenze überqueren, merken die meisten [2][Wanderer
       im Schengenraum] kaum. Für die Begleiter*innen von Fittko konnte die
       Grenze dagegen eine Rettung sein. Die 31-jährige Sozialistin hatte vor
       ihrer Flucht nach Frankreich in Berlin gelebt. Nun half sie ab 1940
       Menschen dabei, jenes Frankreich zu verlassen, das gerade vor der Wehrmacht
       kapituliert hatte – und damit für Tausende in Marseille und anderen Orten
       Südfrankreichs Gestrandete keine sichere Zuflucht mehr bot.
       
       Sieben Monate begleitete Lisa Fittko Menschen auf dem Weg nach Portbou,
       unter anderem auch [3][Walter Benjamin]. Ein „paar hundert Leute“ seien es
       am Ende gewesen, schrieb Fittko später in ihren Erinnerungen, dem Buch
       „Mein Weg über die Pyrenäen“. 1941 flüchtete sie selbst, zunächst nach
       Kuba, später in die USA, wo sie bis zu ihrem Tod 2005 lebte.
       
       Am 25. Juni 1986, rund 46 Jahre nach ihrer Zeit in Banyuls-sur-Mer,
       zeichnete sie der damalige Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker für
       [4][ihre Tätigkeit als Fluchthelferin mit dem Bundesverdienstkreuz] 1.
       Klasse aus. Das ist der zweithöchste Orden, mit dem die Bundesrepublik
       Menschen ehrt. Verliehen wird er für besondere, vorbildliche politische,
       wirtschaftliche, kulturelle, geistige oder ehrenamtliche Leistungen.
       
       ## Gegen tödliche Grenzen
       
       Und heute? Da mutet Fluchthilfe eher wie etwas Kriminelles an statt wie
       etwas Ehrenhaftes, Vorbildliches. Und diejenigen, die ein Boot steuern, ein
       Auto fahren oder einen Weg über eine Grenze weisen, die nennt die Polizei
       in der Regel Schmuggler, Schlepper und Schleuser, nicht
       Fluchthelfer*innen. Die Initiative borderline-europe – Menschenrechte
       ohne Grenzen e. V. will dem etwas entgegensetzen. Mit einer Gala zum von
       ihr ausgerufenen Tag des Schmuggels wollen sie „Europas Schmuggler und
       Schleuser“ festlich ehren und gegen tödliche Grenzen protestieren.
       
       „Wir haben uns einige Fälle von sogenannten Schmugglern genau angesehen“,
       sagt Julia Winkler von boderline-europe. „Unter dem Vorwand der
       Bekämpfung von Schmuggel wird jegliche Unterstützung für Flüchtlinge
       kriminalisiert“, sagt sie. Das führe zu absurden Fällen, etwa wenn
       Flüchtlinge des Schmuggels bezichtigt werden, die selbst Teil einer Gruppe
       sind, die eine Grenze überwindet.
       
       „Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken oder in Lkws ersticken, dann
       [5][wird schnell die Schuld auf die Schmuggler geschoben]“, sagt Winkler.
       „Wir halten das für ein politisches Ablenkungsmanöver, mit dem sich
       Regierungen aus der Verantwortung ziehen.“ Denn Menschen hätten meist keine
       andere Möglichkeit, als sich anderen auf der Flucht anzuvertrauen.
       
       ## Neue Wanderwege?
       
       So, wie Lisa Fittko später geehrt wurde, will die Initiative mit der Gala
       am Sonntag in Berlin diejenigen auf eine Bühne heben, die „durch ihr
       Handeln dazu beitragen, das EU-Grenzregime zu unterlaufen“. Als besondere
       Ehrengäste kündigen sie folgerichtig „verurteilte Schmuggler*innen“ an:
       tätig in Italien, Griechenland, Slowenien oder an der polnisch-ukrainischen
       und [6][der polnisch-belarussischen Grenze].
       
       Die [7][Gala ist im Ballhaus Prinzenallee und im Livestream zu sehen]. Auch
       von Lisa Fittko wird zu hören sein, wenn Auszüge aus ihrem Buch gelesen
       werden. Und wer weiß: Vielleicht werden ja in rund 50 Jahren dann offiziell
       ausgeschilderte Wanderwege durch die polnisch-belarussische Grenzregion
       führen. Auf Spuren heutiger Schlepper, Schmuggler und Schleuser.
       
       24 Jun 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Fluchtweg-ueber-die-Pyrenaeen/!5036463
   DIR [2] /Deutsch-oesterreichische-Grenze/!5925904
   DIR [3] /Neue-Biografie-ueber-Walter-Benjamin/!5728844
   DIR [4] https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/fluchthilfe.html?catalog=1
   DIR [5] /Bootsunglueck-im-Mittelmeer/!5938998
   DIR [6] /Grenzkonflikte-in-Osteuropa/!5916160
   DIR [7] https://www.borderline-europe.de/termine
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Uta Schleiermacher
       
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