URI:
       # taz.de -- Erinnern an Ingenieur Paul Jaray: Der Mann der Tropfenform
       
       > Der Name Paul Jaray wurde von den Nazis aus der Geschichte gedrängt. An
       > den genialen Ingenieur erinnert eine Ausstellung im Kunsthaus Dahlem.
       
   IMG Bild: Paul Jarays erster Stromlinienrennwagen neben konventionellen Rennautos der Zeit, 1923
       
       Das Kunsthaus Dahlem ehrt den genialen Ingenieur und Konstrukteur Paul
       Jaray, der selbst ein passionierter Pianist war und vor 100 Jahren mit
       seinen aerodynamisch geformten Autos, Flugzeugen und Luftschiffen auch die
       notorisch Technik-begeisterten Künstler von Futurismus und Dada entflammte.
       Zugleich ist Jarays Lebensgeschichte ein Beispiel dafür, wie sehr sich
       nationalsozialistische Propaganda Erkenntnisse und Ergebnisse von Menschen
       einverleibte, die sie – kaum an der Macht – als Juden verfolgte und deren
       Beitrag sie massiv auszulöschen versuchte.
       
       Bei Jaray ging das bis hin zur Anfechtung von Patenten. Die Ausstellung
       „Paul Jaray – Die Vernunft der Stromlinie“ besticht mit einer minutiösen
       Aufarbeitung der ästhetischen, der physikalischen und der politischen
       Aspekte dieses Erfinderlebens.
       
       Dem idyllischen Kunsthaus Dahlem droht eine Übernahme der besonderen Art.
       Sollten die Biker, die sich an jedem Wochenende an der Autobahnbrücke am
       Rasthof Grunewald treffen, spitz kriegen, dass nur gute zehn Motorminuten
       entfernt eine Ikone des Geschwindigkeitsrauschs gefeiert wird, ist mit
       ganzen Karawanen röhrender Motoren auf der Clayallee zu rechnen.
       
       Im Zentrum der vom Philosophen Wolfgang Scheppe kuratierten Ausstellung
       steht ein legendäres Objekt: Ein in Originalgröße gefertigtes, silbern
       glänzendes Modell des Rennwagens der Auto Union vom Typ B. Es handelt sich
       um den ‚Lucca-Wagen‘, der 1935 auf der Autostrada Firenze – Mare einen
       Geschwindigkeitsweltrekord von 327 km/h für Verkehrsstraßen aufstellte.
       Verantwortlich dafür war neben dem Motor von Porsche und der am Steuer
       sitzenden Motorsportlegende Hans Stuck eben auch die aerodynamische
       Karosserie. Die war nach Prinzipien Jarays entwickelt. Bereits 1921 hatte
       er die Stromlinienform als Patent für Karosserien angemeldet.
       
       ## Die energetisch günstigste Hülle
       
       Über Dokumente in zahlreichen Vitrinen und das äußerst lesenswerte
       Begleitheft leitet der für seine „[1][Theorie-Installationen“ bekannte
       Philosoph Scheppe] her, wie Jaray von physikalischen Prinzipien her zur
       Tropfenform – vorne rund, hinten spitz auslaufend zur Ableitung der Winde –
       als der energetisch günstigsten Hülle für durch die Luft bewegte Objekte
       gelangte. Jaray entwickelte die Form für die großen deutschen
       Automobilfirmen jener Zeit. Am deutlichsten setzte sich das Design in der
       Massenproduktion sicherlich beim VW-Käfer, dem damals so genannten „Kraft
       durch Freude“-Wagen der NS-Propaganda, durch.
       
       Konkurrierende Autobauer, so mutmaßt Scheppe, wollten vor allem aus
       Marketing-Gründen ihre klassischen Formen nicht aufgeben. Und so blieb
       Jaray eben nur der Rennsport, und außerdem noch der Flugzeug- und
       Luftschiffbau. Jarays Arbeiten dort werden mit Konstruktionszeichnungen und
       Fotos von seinen Arbeitsplätzen in der Luftfahrtbranche nachgewiesen.
       
       Jarays Entwürfe zeichnen sich zudem durch eine spektakuläre Ästhetik aus.
       Er selbst stammte aus künstlerisch geprägtem Umfeld. Seine Mutter war eine
       Verwandte des Komponisten Arnold Schönberg. Sein älterer Bruder Paul, ein
       Architekt, versammelte als Mäzen und Verleger die damalige Wiener Künstler-
       und Intellektuellenszene um Alban Berg, Ludwig Wittgenstein und Alfred Loos
       um sich.
       
       ## Entwicklung eines Rauchkanals
       
       Von Jarays [2][aerodynamischen Objekten fühlten sich wiederum Künstler und
       Künstlerinnen von Futurismus, Dada und Konstruktivismus] angezogen. Bezüge
       dahin stellt Kurator Scheppe über einen reichen Fundus an Publikationen,
       Manifesten und auch Zeichnungen sowie einigen Skulpturen, unter anderem von
       Hans Arp, her.
       
       Reizvoll ist auch die Verbindungslinie zum Mediziner und Fotopionier
       Etienne Marey. Der entwickelte einen Rauchkanal, als eine Art Vorläufer des
       Windkanals. Und auch dort erwies sich – das zeigen Fotos von Marey in der
       Ausstellung – die Tropfenform als energetisch günstigste Form.
       
       ## Blankes Entsetzen ob heutiger SUVs
       
       Jaray soll den Aspekt der Energie-Effizienz bei seinen Arbeiten auch stets
       betont haben. Bei der heutigen Materialverschleißorgie der SUVs dürfte
       diesen vergessenen Pionier des Fahrzeugbaus das blanke Entsetzen packen.
       
       In Vergessenheit geriet er, weil die Nationalsozialisten jegliche
       Erinnerung an ihn und seine Beiträge zu solch ikonischen Produkten wie den
       „Silberpfeilen“ im Automobilrennsport, dem Käfer oder dem
       Zeppelin-Luftschiff, sehr konsequent und gründlich tilgten. Das ging so
       weit, dass Propagandaminister Joseph Goebbels bei einer Automobilmesse ganz
       eigenhändig das Namensschild von Jaray entfernt haben soll.
       
       Die Geschichte erzählte Kurator Scheppe bei der ersten Station der
       Ausstellung vor zwei Jahren in Venedig. Jaray starb verarmt und weitgehend
       vergessen 1974 in der Schweiz. „Paul Jaray – Die Vernunft der Stromlinie“
       schlägt zumindest Löcher ins dunkle Feld des Vergessens.
       
       25 May 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Biennale-Venedig-2019/!5594032
   DIR [2] /Visionen-vom-Stillstand/!5779058
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Tom Mustroph
       
       ## TAGS
       
   DIR Auto
   DIR Technik
   DIR Antisemitismus
   DIR Kulturgeschichte
   DIR Berlin Ausstellung
   DIR Automobilbranche
   DIR taz.gazete
   DIR NS-Literatur
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Kinder fragen, die taz antwortet: Werden Autos fliegen können?
       
       Wir wollen von Kindern wissen, welche Fragen sie beschäftigen. Jede Woche
       beantworten wir eine davon. Diese Frage kommt von Filip, 10 Jahre alt.
       
   DIR Buch über Kunst und Ideen der Moderne: „Eine lebenssprühende Idee“
       
       Die Moderne war ein Ideengestöber voller Beginnergefühl. Robert Misik
       versucht, diesen Veränderungshunger zu reanimieren. Ein Vorabdruck.
       
   DIR Zauberer-Enkelin über ihre Familie: „Ich gruselte mich“
       
       Birgit Bartl-Engelhardt hat die Chronik ihrer Großeltern János und Rosa
       Bartl geschrieben. Die beiden Zauberer führten in Hamburg einen Fachhandel.