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       # taz.de -- Italien-Rundfahrt vor der Entscheidung: Wenn die Luft dünner wird
       
       > Beim Giro d’Italia müssen die Favoriten in der entscheidenden Woche ihre
       > Zurückhaltung ablegen. Primož Roglič ist in der Favoritenrolle.
       
   IMG Bild: Primož Roglič (l.) rollt auf der 8. Etappe hinter dem Briten Tao Geoghegan Hart ins Ziel
       
       Zwei Wochen war Kuscheln angesagt unter den Favoriten des Giro d’Italia. In
       der kommenden Woche aber müssen die Top-Stars Geraint Thomas und Primož
       Roglič zeigen, dass sie den Giro wirklich gewinnen und ihn nicht nur nicht
       verlieren wollen. Für den Bremer Lennard Kämna bedeutet das zudem einen
       erhöhten Belastungstest bei seinem ersten Versuch, eine Grand Tour auf
       Klassementergebnisse hin zu fahren. Es wird ernst beim rosa Rennen.
       
       Bislang waren [1][Primož Roglič] und Geraint Thomas so etwas wie Zwillinge,
       bei denen nicht einmal nach der Geburt die Nabelschnur getrennt worden war.
       In trauter Eintracht passierten sie die Ziellinie. Sie waren so eng
       miteinander verbandelt, dass sie sogar gemeinsam stürzten. Auf der 11.
       Etappe war das. Im Klassement liegen sie nur zwei Sekunden auseinander.
       
       Seit dem Corona-bedingten Ausscheiden [2][des Top-Favoriten Remco
       Evenepoel] haben sich die verbliebenen Podiumsanwärter auf eine Art
       Nichtangriffspakt und maximale Stressvermeidung geeinigt. Thomas, dem nach
       Evenepoels Aus das rosa Trikot auf die mageren Schultern fiel, gab dieses
       Leibchen nach ein paar fröhlichen Tagen des Tragens wieder ab.
       
       Auf der verkürzten 13. Etappe nach Crans Montana ordnete er seinen
       Mitstreitern vom Team Ineos ein eher gemächliches Tempo im Peloton an. Die
       Fluchtgruppe verschaffte sich mehr als 20 Minuten Vorsprung. Das war genug,
       damit der Bestplatzierte der Ausreißer, der Franzose Bruno Armirail, das
       rosa Trikot übernehmen konnte. „Genau die richtige Entscheidung“, ließ sich
       ein entspannt auf dem Bett lungernder Thomas in einer Videobotschaft
       vernehmen. „Wir wollten unsere Jungs nicht verheizen“, erklärte er. Und
       dass das Trikot jetzt weg sei, sei auch gar nicht tragisch.
       
       ## Duell der Zauderkönige
       
       Armirail hingegen konnte sein Glück kaum fassen. „Ich bin doch nur als
       Helfer hergekommen. Und wir hatten als Ziel, Thibaut Pinot in Rosa zu
       bringen“, sagte der Franzose. Aber sein Kapitän Pinot ist nicht nur ein
       dramatisch schlechter Zeitfahrer für einen Klassementaspiranten, er verlor
       auch beim Klettern im Mittelgebirge Zeit.
       
       Armirail hingegen ist aktueller Landesmeister in dieser Disziplin. In den
       Bergen dürfte er aber das Trikot schnell abgeben, wohl schon auf der
       heutigen 16. Etappe von Sabbio Chiese nach Monte Bondone. Fünf
       Bergwertungen gilt es zu meistern – einem der beiden Zaudererkönige Thomas
       oder Roglič dürfte das Trikot am Abend zufallen.
       
       Die größeren Aussichten hat Roglič. Ihm kam der Nichtangriffspakt mit
       Thomas zupass. Er konnte seine Sturzwunden etwas heilen lassen. Für ihn
       spricht auch, dass sein Team Jumbo-Visma noch vollzählig ist. „Er hat das
       stärkste Team und damit auch die besten Aussichten auf den Gesamterfolg“,
       meinte Davide Cassani, früherer Nationaltrainer Italiens, der jetzt beim
       Giro für E-Räder und Elektromobilität wirbt. Roglič geht gut gelaunt in
       diese letzte Giro-Woche. „Ich bin ja jetzt ein paar Gramm leichter“, sagte
       er in Anspielung auf die Schürfwunden nach seinem Sturz.
       
       ## Entscheidung am Freitag und Samstag
       
       Hoffnung herrscht auch bei Bora hansgrohe. Der Rennstall aus Bayern verlor
       zwar Alexander Wlassow aufgrund einer Corona-Erkrankung. Teamkollege
       Lennard Kämna hielt bislang aber seine Zeitverluste in Grenzen und liegt in
       Schlagdistanz zu Rang 3.
       
       Die Gesamtwertung wird wohl auf den schwierigen Abschnitten am Freitag und
       Samstag entschieden. Auf der 19. Etappe geht es zunächst [3][zu den
       gefürchteten Drei Zinnen] auf 2.304 Metern Höhe. Die dünne und kalte Luft
       dürfte den ausgezehrten Rennfahrerkörpern zusätzlich zur Steigung viel
       abverlangen. Danach wartet das Bergzeitfahren zum Monte Lussari. Das ist
       ein inzwischen betonierter Ziegenpfad, der bis zu 22 Prozent Steigung
       aufweist. Hier wird ermittelt, wer sich am Sonntag zum Sieger des 106. Giro
       d’Italia krönen lassen darf.
       
       23 May 2023
       
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