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       # taz.de -- Radschnellwege in Deutschland: Rockt, aber rollt nicht
       
       > Als Fahrrad-Lover kann man sich kaum Geileres vorstellen als einen
       > Rad-Highway. Leider existiert er in Deutschland auch fast nur in der
       > Vorstellung.
       
   IMG Bild: Seltenes Exemplar: Radschnellweg zwischen Stuttgart und Böblingen
       
       Radschnellwege sind ein Traum. Den Hügel runterbrettern mit 40 Sachen.
       Geschmeidig mit dem Zweirad in der Kurve liegen, im Flow fahren. Ohne
       Ampel, ohne Autos, ohne Anhalten. Als Fahrrad-Lover kann man sich kaum
       Geileres vorstellen. Nur existieren die Rad-Highways in Deutschland eben
       auch nur in der Vorstellung oder in Architekturzeichnungen. Geplant,
       genehmigt und gebaut werden sie in Kriechgeschwindigkeit.
       
       Diese Woche hat die Süddeutsche Zeitung [1][eine niederschmetternde Bilanz
       für München gezogen]. Zehn Jahre nachdem der Bau der sternförmigen
       Fahrradtrassen anvisiert wurde, wird erst an einer einzigen Strecke gebaut.
       Fertige Kilometer: Fehlanzeige. [2][Auch in Berlin soll man irgendwann aus
       allen Richtungen zügig ins Zentrum rollen können].
       
       Schon 2018 hat der Berliner Senat im Mobilitätsgesetz festgelegt, dass
       mindestens 100 Kilometer Radschnellwege gebaut werden sollen.
       Fertiggestellte Kilometer? „Meines Wissens: null“, schreibt Stephanie
       Krone, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) der
       wochentaz.
       
       ## Silberstreif am Radlerhorizont
       
       „Es geht mit der Umsetzung einfach viel zu langsam voran. Um das von der
       Bundesregierung anvisierte Ziel vom ‚Fahrradland Deutschland‘ bis 2030 zu
       erreichen, müssten nach unserer Schätzung in den nächsten sieben Jahren
       weitere 2.000 Kilometer gebaut werden.“
       
       Wir erinnern uns: Es brauchte eine Seuche, damit wenigstens mal ein kleiner
       Silberstreif am Radlerhorizont aufblitzte. In der Früh-Corona-Zeit war es
       plötzlich doch möglich, schnell und unbürokratisch temporäre Fahrradbahnen
       in Städten zu errichten, substantivische Ungeheuer wie
       „Machbarkeitsuntersuchungen“ und „Planfeststellungsverfahren“ außer acht
       lassend. Drei Jahre später ist die Autohegemonie längst wieder hergestellt.
       Und das Fahrradfahren selbst ist in Großstädten die Pest.
       
       Deutschlandweit sind laut ADFC-Schätzungen überhaupt erst weniger als 50
       Kilometer Radschnellweg fertig.
       
       Dem gegenüber stehen mehr als 13.000 Kilometer Autobahn, Jahr für Jahr
       werden es mehr. Klimakatastrophe? War da was? Das Verkehrsministerium ist
       leider einmal mehr mit einem Auto-Apologeten besetzt.
       
       ## Ärger der Radfahrenden ist nicht neu
       
       Sicher, in anderen Ländern sieht es noch übler aus. In Deutschland aber
       kommt auf einen Einwohner ungefähr ein Fahrrad, Radfahrer und -fahrerinnen
       sind nicht gerade eine Minderheit. Und warum sich nicht an den
       Pedalenparadiesen orientieren? In den Niederlanden gibt es schon über 400
       Kilometer Radschnellwege.
       
       Der Ärger der Radfahrenden ist natürlich nicht neu, aufregen kann man sich
       immer wieder. Hoffen kann man nur, dass wir die Leisetreterei bald hinter
       uns lassen und zum Rad-Riot aufsatteln. Derzeit bleibt Radfahrenden in
       deutschen Ballungsräumen nur Auswanderung oder Selbstauslöschung. Wobei:
       Die Sache mit dem Ableben übernimmt, wenn man Pech hat und es so
       weitergeht, irgendwann ohnehin ein fettes Auto, das einen ummäht.
       
       21 May 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-starnberg-garching-radschnellwege-radlhighways-bau-probleme-1.5858861?reduced=true
   DIR [2] /Erster-Radschnellweg-in-Berlin/!5567100
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jens Uthoff
       
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