URI:
       # taz.de -- Kultursymposium Weimar: Wo Elfen noch helfen
       
       > Das Goethe-Institut rückte drei Tage lang Politik, Kultur und
       > Wissenschaft in den Fokus. Intellektuelle debattierten über die Krise des
       > Vertrauens.
       
   IMG Bild: Wer ist Mensch, wer Maschine? Besucher:innen beim interaktiven Verhörspiel von Matteo Uguzzoni
       
       „Eine Frage des Vertrauens“, so war das diesjährige Kultursymposium in
       Weimar übertitelt. Es wird [1][regelmäßig alle zwei Jahre in Weimar] vom
       Goethe-Institut veranstaltet. Je enger man den Begriff des Vertrauens
       umkreist, desto fragwürdiger wird jedoch seine Berechtigung auf dem
       politischen Parkett.
       
       Politisches Vertrauen verdient, wer sich glaubwürdig für eine bessere
       Zukunft der Mehrheit einsetzt. Doch wer bestimmt, wer zur Mehrheit gehört?
       Ändert sich deren Zusammensetzung, wenn etwa eine Partei regiert, die mit
       dem Slogan „Deutschland. Aber normal.“ zur Wahl antritt?
       
       Wer zumeist nicht zur Mehrheit zu gehören scheint, sind Geflüchtete. Das
       Vertrauen der aus Syrien geflohenen Aktivistin und ehemaligen
       Nationalschwimmerin Sarah Mardini in die Justiz dürfte wohl erschüttert
       sein. Die in Berlin lebende Mardini war nach ihrer Flucht nach Lesbos
       zurückgekehrt, um anderen Geflüchteten zu helfen. Sie wurde dort jedoch
       2018 von griechischen Behörden festgenommen, der Spionage und des
       Menschenschmuggels beschuldigt. Die Anklage bestehe weiterhin.
       
       Vertrauen, so erzählt Mardini auf einem Panel zur Zukunft des Aktivismus,
       habe sie, auch als sie zusammen mit einigen Mitflüchtenden ihr sinkendes
       Schlauchboot mehrere Stunden lang über das Mittelmeer zog, stets nur in
       ihre eigene Wut gehabt.
       
       ## Gescheiterte Russlandpolitik
       
       Für Vertrauen bräuchte es keinen eigenen Begriff, träte nicht regelmäßig
       auch sein Gegenpart auf den Plan: der Vertrauensverlust. Der kam während
       des dreitägigen Symposiums immer wieder hinsichtlich der gescheiterten
       Russlandpolitik zur Sprache. Der Generalsekretär des Goethe-Instituts,
       Johannes Ebert, sprach sich für ein Aufrechterhalten harter Sanktionen
       gegen Moskau aus.
       
       Aus dem Publikum gab die Journalistin Dina Aboughazala zu bedenken, dass
       Sanktionen nicht immer die Mächtigen träfen. Im Falle Syriens würden sie
       das Leben der Bevölkerung extrem einschränken, während Diktator Baschar
       al-Assad weiterhin fest im Sattel sitze. Aboughazala warnte auch vor zu
       verhärteten Fronten im Ukrainekrieg. Irgendwann werde man wieder
       miteinander reden müssen.
       
       Zudem sei es wichtig, zwischen Regierung und Bewohner:innen eines
       Landes zu unterscheiden. Aboughazala stammt aus dem autoritär regierten
       Ägypten. Für einen Abbruch aller Beziehungen plädierte auch Ebert nicht.
       Das Goethe-Institut sei in Moskau weiter präsent. Man habe aber die
       Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen eingestellt.
       
       Von enttäuschtem Vertrauen handelt auch der in Weimar gezeigte Film „Der
       zweite Anschlag“. Darin erzählen Angehörige und Opfer rechtsextremer
       Attentate in Deutschland von den Nachwirkungen der Gewalttaten, etwa nach
       dem NSU-Mord an Süleyman Taşköprü 2001, als zunächst dessen Vater als Täter
       verdächtigt wurde. Regisseurin Mala Reinhardt legte den Fokus auf die
       Betroffenen. Politiker:innen tauchen nur auf, wenn man sie wie den
       damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck auf einer Gedenkfeier zu den
       rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen sieht; einer Feier,
       zu der, wie man später erfährt, die angegriffene vietnamesische Community
       gar nicht eingeladen worden war.
       
       ## Afrikas alte Herren
       
       Von fehlendem Vertrauen in Afrika kann indes Kevin Mwachiro berichten. Der
       Autor und offen homosexuell lebende Kenianer beschreibt, wie in Afrika oft
       ein Graben zwischen Regierungsvorstehern und der Bevölkerung besteht. Mehr
       als 60 Prozent der Afrikaner:innen seien unter 25 Jahre alt, sagt er.
       Trotzdem klammern sich in vielen afrikanischen Ländern ältere Herren an die
       Macht.
       
       Mwachiro zählt auf: In Kamerun ist der 90-jährige Paul Biya seit fast 40
       Jahren im Amt, Uganda wird seit 1986 von dem 78-jährigen Yoweri Museveni
       regiert. Und auch in Nigeria ist kürzlich mit Muhammadu Buhari ein
       80-Jähriger wiedergewählt worden. Wie solle man über die Zukunft Afrikas
       reden, wenn man die Jugend nicht einbinde?
       
       Auf dem Prüfstand steht bei dem Symposium in Weimar auch das Vertrauen in
       Technologie, vor allem in KI. Dabei gilt es weniger der Technik zu
       misstrauen als den Menschen dahinter, die die jeweilige Technologie
       programmieren.
       
       Oder wie es [2][die britische Philosophin Onora O’N]eill in einem
       Interview mit dem Schweizer Fernsehsender SRF ausdrückte: „Man kann einer
       künstlichen Intelligenz vertrauen, wie man einem Herd vertraut. Die
       Erfahrung zeigt, wie er funktioniert.“
       
       ## KI und Fake News
       
       KI, Social Media, Fake News: Die Tücken der Technik zeigten sich auch in
       der Performance von Magda Szpecht. Als eine „Cyber Elf“ kämpft die
       polnische Regisseurin und Journalistin online gegen russische Propaganda.
       Warum vertrauenswürdige Medien (bei aller gesunden Skepsis) nötig sind,
       zeigt sich an einem russischen Video.Es stellt manipulativ dar, dass die
       Ukraine von Nazis bevölkert sei. Zu sehen sind Fotos unklarer Herkunft, die
       ukrainische Rechtsextreme zeigen sollen, mit Hakenkreuzen.
       
       Selbst wenn einige der Bilder „echt“ sein sollten, wäre damit noch keine
       vertrauenswürdige mediale Einordnung gegeben. Und als Behauptung, hier
       einen Querschnitt der ukrainischen Bevölkerung zu sehen, dient es vor allem
       Agitation und Verleumdung. Die Arbeit der „Cyber Elves“, die Fotos mit
       Satellitenbildern und Geodaten auf ihre Echtheit prüfen, ist als
       Normalbürger:in kaum zu leisten.
       
       Russland stecke enorme Ressourcen in Hacking und betreibe ganze
       „Trollfabriken“, sagt Szpecht. Dem stünden häufig nur einige
       Aktivist:innen gegenüber, die sich unentgeltlich engagierten. Wolle man
       Fake News und Cyberpropaganda ernsthaft eindämmen, bräuchte es bessere
       staatliche Strukturen in der EU. Wie diese konkret aussehen sollten, weiß
       Szpecht allerdings auch nicht so genau.
       
       Für die aktuelle polnische Regierung, sagt sie, würde sie jedenfalls nicht
       arbeiten.
       
       12 May 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Kultursymposium-ueber-Digitalisierung/!5602268
   DIR [2] /Kant-Tagung-in-Berlin/!5311635
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Julia Hubernagel
       
       ## TAGS
       
   DIR Goethe-Institut
   DIR Vertrauen
   DIR Weimar
   DIR Demokratie
   DIR Intellektuelle
   DIR Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Uganda und Kenia: Quakende Frösche im Schlafzimmer
       
       Die Klimakrise sorgt in Kenia und Uganda für schwere Überschwemmungen. Aber
       es gibt auch Positives: Wasser wird als Verkehrsweg genutzt.
       
   DIR Clubszene in der Ukraine: Ein Grollen, ein Brodeln
       
       Das Berliner CTM-Festival widmet der ukrainischen Club- und Elektronikszene
       einen Abend. Dort geht es um den Kriegsalltag zwischen Heimatland und Exil.
       
   DIR Krieg und Kulturgüter in der Ukraine: All die nie geschriebenen Texte
       
       Der russische Krieg gegen die Ukraine verschont auch die Kulturgüter nicht.
       Um die Bewahrung des kulturellen Erbes ging es in einer Podiumsdiskussion.
       
   DIR Festival „Goethe-Institut im Exil“: Simulation einer Bombardierung
       
       Interkultureller Austausch: In Berlin gewährte das Festival
       „Goethe-Institut im Exil“ Einblicke in die auch im Exil produktive
       ukrainische Kulturszene.