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       # taz.de -- Die Kunst der Woche für Berlin: Der Weg ist versperrt
       
       > Künstler und KI, die Schafe co-kreieren, Kunst in Luxusresorts und eine
       > Ausstellung von Ziervogel, die als Metalllabyrinth daherkommt.
       
   IMG Bild: Wenn Metall das Bild abriegelt: Ziervogels „Parcours“ (2023) vor „as if“ (2018, Tinte auf Papier)
       
       Pünktlich zum Gallery Weekend schlug in Berlin Marat Guelman auf, berühmter
       Galerist in Moskau in den der Zeit von 1990 bis 2000. Längst als
       ausländischer Agent stigmatisiert, lebt er seit 2014 in Montenegro, wo er
       in Budva an der Adriatischen Küste das Kunstzentrum „Montenegro European
       Art Community“ betreibt.
       
       In Berlin firmiert er als „[1][Guelman und Unbekannt Gallery]“ in den
       Räumen des World Chess Club Berlin in der Mittelstraße 51/52. Interessante
       Location und interessantes Konzept, denn Guelman und sein nicht genannter
       Partner wollen sich ganz auf digitale Kunst konzentrieren. Und schon „Reue“
       (Psalm 51), die Ausstellung des in Lviv geborenen, ukrainischen Künstlers
       Andriy Bazuta, mit der sie eröffnen, zeigt, dass es spannend werden könnte.
       
       Als Co-Creator der großen Inkjet-Hochformate nennt sich Bazuta Arik
       Weissman und in dieser Rolle hat er den Psalm 51 einer
       Deep-Learning-Algorithmen-Exegese unterzogen, die vom Programm als Malerei
       visualisiert wurde. Steht man etwas von der „Petitioning the Paraclete“
       benannten Serie von Bildern entfernt, meint man barocke Altargemälde zu
       sehen. Offenbar scheint die Datenlage den Psalm allein in den christlichen
       Raum zu verorten. Wir sehen Kirchenfenster, wir sehen Kerzen, Kreuze, wir
       sehen Schafsherden, aufsteigend angeordnet und von Weihrauch umwölkt, dass
       es nur so eine Freude ist.
       
       Von Nahem betrachtet freilich sieht man von alledem – nichts. Die Fenster,
       die Kerzen, die Kreuze und die liturgischen Gewänder, auch die Schafe, sie
       alle zeigen sich nur in Form einer denkbar schrägen Annäherung. Dass sie
       abstrahiert wären, kann man nicht sagen, denn zu deutlich ist, dass die KI
       keine Ahnung hat, was ein Schaf ist, wie es ausschaut und wie davon zu
       abstrahieren wäre. Bei all ihrer Scheußlichkeit und ihrer feuerrotgelben
       Übertreibung, die Bilder faszinieren. Diese wolligen, naturweißen Dinger,
       die Schafe sein wollen, mit ihren unglücklichen Köpfen, sie tun einem leid,
       und sie beschäftigen einen. Niemals würde man sich als Mensch, der mit
       Tieren lebt, eine solche Kreatur ausdenken können.
       
       ## Im Luxusresort
       
       Als eine Abstraktion künstlerischer Arbeit könnten Arik Weismans Bilder
       freilich schon begriffen und daher im Luxusresort durchaus erfolgreich
       vermarket werden. Dass die künstlerische Arbeit von KI geleistet wird, muss
       nicht stören, denn auf ihre Spezifik kommt es im Resort nicht an, sagt die
       Kunstwissenschaftlerin Isabelle Graw. Sie hat diesen neuen Ort der Kunst,
       der an illustren Plätzen wie Gstad, Aspen, Menorca u.U. vielleicht auch
       Budva zu verorten ist, untersucht und damit einen Strukturwandel des
       Kunstbetriebs analysiert. Ihren unter dem Titel „Willkommen im Resort“
       veröffentlichten Thesen zu der dadurch veränderten Wertbildung der Kunst,
       hat sie nun in Form einer Ausstellung weitere Argumente zur Seite gestellt,
       den Diskurs zu befeuern.
       
       Isabelle Graw versammelt in ihrer Schau „In Defense of Symbolic Value.
       Artistic Procedures in the Resort“ bei [2][Max Hetzler] neun Künstler,
       Rosemarie Trockel, Soil Thornton, Adam Pendleton, Avery Singer, Albert
       Oehlen, Merlin Carpenter, Valentina Liernur, Kerry James Marshall und Jutta
       Koether. Bei Koethers „Dream until it’s your reality“-Frühling – eine in
       ein barockes oder hippieskes All-over von Blüten und Gräsern eingebettete,
       streng blickenden Gestalt, wobei die zarten Farben gleichwohl luftig und
       leicht auf die Leinwand gesetzt sind – scheint der Symbolwert, zu dessen
       Verteidigung im Titel der Ausstellung aufgerufen wird, in der Reflexion des
       Diskurses der Malerei auf, also etwa ihrer Geschichte, ihres vermeintlichen
       Geschlechts und ihres Status.
       
       Der Symbolwert als dasjenige im Kunstwerk, das in keiner ökonomischen Logik
       aufgeht, kommt mit einer kräftigen Prise bitterböser Ironie versehen
       selbstreflexiv gewendet bei Kerry James Marshalls „History of Painting (May
       17, 2007)“ und „History of Painting (February 6, 2007)“ ins Spiel. Die
       Leinwände zeigen die Ergebnisse der Abendauktionen in New York mit
       deutlichem Preisgefälle nach unten für nicht weiße, nicht männliche
       Künstler. Da wir wissen, wie teuer inzwischen ein Kerry James Marshal ist,
       kommt der Symbolwert auch so noch einmal ins Spiel, auf seiner Verheißung
       setzt der Marktwert auf.
       
       An sich reduziert Käuflichkeit ja die Zugangsbedingungen zu einem Gut, das
       als Ware in der Öffentlichkeit beworben und damit auch diskutiert wird. Wer
       mitreden oder den Preis bezahlen kann, ist dabei, weil der Markt nicht
       exklusiv und daher niemand qua Herkunft, Salbung, Mitgliedschaften oder
       Initiationen privilegiert ist.
       
       Die Kunst im Luxusresort, so das Kalkül der internationalen Großgalerien,
       kann nun diese Profanisierung der Kunst qua Käuflichkeit, extrem auf
       Kunstmessen sichtbar, unterlaufen. Aber das Widerständige gegen die
       Warenförmigkeit der Kunst findet sich eben nicht in der neu gegründeten,
       gut aussortierten, exklusiven Kunstgemeinde, die nur die Preise, aber nicht
       das Interesse an der Kunst in die Höhe treibt.
       
       ## Im Raum gegängelt, hinter der Wand gespeichert
       
       So stellt man sich das vor, wenn ein Künstler sagt, dass Freiheit
       grundlegendes Thema seines Werks sei. Man betritt das 1960 auf Initiative
       von Willy Brandt – auf den sich der Künstler bezieht – gegründete [3][Haus
       am Lützowplatz] und sieht am Ende der Raumflucht linkerhand eine gerahmte,
       großformatige Zeichnung an der Wand hängen: Sie ist voller winziger,
       detailreicher Szenen, die man sich unbedingt von Nahem anschauen möchte,
       aber man kommt nicht hin, der Weg ist versperrt. Davor steht ein Labyrinth
       aus Viehgittern. Man kann die Zeichnung nur durch die Metallstreben
       betrachten. Von barrierefreier Sicht also keine Spur. Die eindrucksvolle
       Installation dient strikt der Gängelung, Einengung und Beschränkung der
       Bewegungsfreiheit des Publikums im sonst leeren Raum.
       
       Freiheit ist ein Verlustgeschäft, schießt es einem durchs Hirn. Denn
       offenbar schärft vor allem ihr Entzug die Sinne für die Notwendigkeit wie
       Wohltat der Freiheit. Wie stellen wir uns zum Kunstwerk, wenn wir ihm nicht
       frei begegnen können? Diese Frage, auch in Hinblick auf soziale Barrieren,
       wirft Ziervogel mit seiner Installation und seiner Ausstellung „Wir sollen
       wie Hunde sein“ auf.
       
       Schon das erste Mal als ich auf Ziervogel stieß, [4][2005 in der Galerie
       Barbara Thumm], erinnere ich mich, hatte er den Galerieraum so zugestellt,
       dass er zum Ausstellungstunnel wurde, durch den man unausweichlich auf die
       damals fünf Meter breite Panoramazeichnung, einem Wimmelbild aus Sex und
       Grausamkeiten, zulief. Ziervogel interessiert die Rezeptionssituation von
       Kunst und deshalb inszeniert und irritiert er sie.
       
       „Das Erste“, ein kurzes Video aus dem Jahr 2000 bringt einen dann auf die
       Frage nach dem Verhältnis von Selbstdisziplin und Freiheit. So wie
       Ziervogel es darstellt, der sich beim dreiminütigen Zähneputzen nach
       zahnärztlichem Rat zeigt, scheint Selbstdisziplin unausweichlich auf die
       abschüssige Bahn des Zwanghaften, Hysterischen zu führen.
       
       Während ein Selbstporträt als Fettabdruck dann fast unsichtbar ist auf der
       Wand, wird eine weitere Arbeit, die Ziervogel im HaL ausstellt, nach
       Ausstellungsende hinter ihr verschwinden. Die ins Gemäuer eingelassene
       Glasbox enthält eine Zeichnung aus einer Lösung von Glaspartikeln, in denen
       synthetischer und menschlicher DNA-Code steckt, der als Speichermedium für
       Ziervogels Werk aus den letzten 20 Jahren und eigene Erbgutinformation
       dient. Nachfolgenden Generationen wird der Zugang zu Ziervogel von
       Ziervogel auch nicht leichter gemacht.
       
       14 May 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://guelmanundunbekannt.com/
   DIR [2] https://www.maxhetzler.com/
   DIR [3] https://www.hal-berlin.de/
   DIR [4] /!597345/
       
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