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       # taz.de -- Auslandsreisen als Insta-Story: Wir sind alle Opa Walter
       
       > Der Nachbar aus dem Südhessischen klärte bei Reisen die Daheimgebliebenen
       > gerne über Land und Leute auf. Manche Politiker erinnern mich an ihn.
       
   IMG Bild: Sind wir alle wie Opa Walter und reisen nur mit einer Mission?
       
       Die österreichische Jugendstaatssekretärin Claudia Plakolm besuchte dieses
       Woche ein Beet. [1][Österreichische Medien berichteten,] mit Foto.
       
       Normalerweise interessiert ein Beet-Besuch auch die Medien des charmanten
       Nachbarlands nicht so sehr. Dass ein solcher zur Schlagzeile wird, dafür
       muss schon ein prominenterer Beet-Besucher her, etwa King Charles auf einer
       seiner Rhabarber- und Kohlrabi-Biogemüse-Sightseeingtouren oder andere
       prominente Leute vom Fach.
       
       Das von der Jugendstaatssekretärin besuchte Beet war nur aus einem Grund
       interessant: Es befindet sich auf einem Dach in Brooklyn, New York City.
       
       Die Beet-Besichtigung war zwar nur ein einstündiger Programmpunkt auf einer
       längeren US-Reise der Politikerin, aber da die Reise sich ungünstig
       überschnitt mit Reisen von gleich acht weiteren Regierungsmitgliedern,
       wurde sie zum Berichtsgegenstand: Was hätte die Jugendstaatssekretärin in
       einer Stunde nicht alles für Österreich tun können statt diesen
       überflüssigen Brooklyn-Beet-Besuch zu absolvieren? In etwa so sollte Volkes
       Zorn gegen die da oben entfacht und der Kauf der Zeitung und ihre
       Verbreitung unterstützt werden.
       
       Auslandsaufenthalte von Regierungspolitikern sind so wie deren [2][Kosten
       für Outfits und Kosmetik] stets ein gern genutzter Anlass für den schnellen
       Diss: Während unsere Kinder hier auf den Schulhöfen vermöbelt und von
       Impfärzten vergiftet werden, macht sich unsere Regierung ’ne geile Zeit.
       
       Sicher, Reisende sollte man manchmal aufhalten, vor allem wenn es Politiker
       sind, die das Private mit dem Nützlichen verbinden. Und auch nachfragen
       sollte man durchaus überkritisch, wie nötig es beispielsweise für die
       sächsische Landesregierung ist, ganze [3][443.000 Euro für Auslandsreisen
       allein im Jahr 2022] auszugeben. Eine der Lehren aus der Pandemie lautete
       doch, dass Meetings auch im Internet okay sind. Sogar Politologen und
       Rechtsanwälte waren cool damit, wenn [4][Kinder und Ehefrauen während ihrer
       TV-Interviews ins Bild liefen] oder man während einer gerichtlichen
       Anhörung die [5][Katzenmaske nicht mehr vom Zoomgesicht] wegkriegte.
       
       Was die Reisetätigkeit von Politikern bringt, lässt sich schwer beurteilen.
       Wäre der „Reisepapst“ Johannes Paul II (127 Länder in 104 Auslandsreisen)
       besser mal zu Hause geblieben und hätte dort einige seiner schwarzen Schafe
       zur Verantwortung gezogen, bevor andere herausfanden, dass die ganze Herde
       Schuld auf sich geladen hatte? Vielleicht wäre es der effektivere Weg
       gewesen, Werbung für den eigenen Verein zu machen und den Laden am Laufen
       zu halten. Vielleicht. Vielleicht wären ihm dann aber die zahlenden
       Mitglieder noch schneller weggelaufen als jetzt.
       
       Immer, wenn ich mir den [6][Instagram-Kanal von Robert Habeck] anschaue,
       wie er da so von seinen Reisen berichtet, muss ich an Opa Walter denken,
       den Nachbarn im Südhessischen der späten 1970er. Der machte nie Urlaub
       dort, wo es alle anderen taten, sondern in sogenannten fremden Ländern. Opa
       Walter fuhr da aber nicht einfach zu seinem Vergnügen hin. Seine Reisen
       waren immer mit der Mission verbunden, die Daheimgebliebenen über Land,
       Leute und Probleme aufzuklären. Man hat sich oft über Opa Walter lustig
       gemacht, den ja viele in Deutschland als Nachbarn oder Familienmitglied
       hatten und haben. Heute sind wir alle Opa Walter. Aus jedem Kaugummi auf
       der Windschutzscheibe unseres Mietautos im Urlaubsland wird ’ne Insta-Story
       über Klimawandel.
       
       Ein Beet-Besuch einer Jugendstaatssekretärin geht also völlig in Ordnung.
       Wäre halt cool, sie würde in ihrer Insta-Story den Jugendlichen neben
       coolen Beeten auch coole Schnitzelbratereien empfehlen.
       
       30 Apr 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.heute.at/s/reise-regierung-9-weg-plakolm-besichtigt-beet-in-usa-100267941
   DIR [2] https://www.demeter.de/koenig-charles-oekodorf-brodowin
   DIR [3] https://www.saechsische.de/sachsen/sachsen-regierung-ausland-reisen-kosten-5847795.html
   DIR [4] https://www.youtube.com/watch?v=Mh4f9AYRCZY
   DIR [5] https://www.youtube.com/watch?v=lGOofzZOyl8
   DIR [6] https://www.instagram.com/robert.habeck/?hl=de
       
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   DIR Doris Akrap
       
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