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       # taz.de -- Projekt zur Temporeduzierung: Kunst am Straßenrand hilft
       
       > Künstlerische Installationen neben der Fahrbahn bewegen Autofahrer*innen,
       > das Tempo zu drosseln. Das zeigt ein Pilotprojekt in Niedersachsen.
       
   IMG Bild: Runter vom Gas: Professor Michael Dörner und Künstlerin Kira Keune zeigen Brems-Kunst an der B209
       
       Osnabrück taz | Kunst will gesehen werden. Also zeigt sie sich da, wo viele
       Menschen an ihr vorbeikommen. Besonders gern von ihr bevölkert:
       Straßenränder. Man fährt Rad oder Auto, und da ist sie plötzlich: eine
       Skulptur, ein Grafitto, ein Lichtobjekt. Alltag, nicht nur in Metropolen.
       
       Aber Kunst, die auf Geschwindigkeitsverringerung zielt, ist selten. Die
       kleinen niedersächsischen Gemeinden Ottersberg (Kreis Verden) und
       Amelinghausen (Kreis Lüneburg) sind also etwas Besonderes: Ihre
       Hauptdurchgangsstraßen sind zu Galerien geworden. Deren Kunst ist ein
       Mittel angewandter Wissenschaft, ein Feldversuch des interdisziplinären
       Grundlagenforschungs-Projekts „FairVerkehr. Entschleunigung des
       innerörtlichen Straßenverkehrs durch künstlerische Installationen“.
       
       [1][„FairVerkehr“] ist eine Kooperation des Instituts für Experimentelle
       Wirtschaftspsychologie der Leuphana Universität Lüneburg, des Instituts für
       Verkehrsplanung und Logistik der Technischen Universität Hamburg sowie von
       Dozenten und Studierenden der Ottersberger [2][Hochschule für Künste im
       Sozialen]. Beim aktuellen Projekt reicht die Brems-Kunst in Ottersberg von
       Juran Landts „Texere“, einer Textschilderfolge, deren Botschaften Radfahrer
       und Fußgänger verändern können, bis zu „Bunte Straße“ von Jingrui Zhang,
       einer Bushaltestelle mit angemalten Sitzen, Farbstreifen auf dem Gehweg und
       einer Beklebung durch bunte Folien.
       
       In Amelinghausen umfasst die Bandbreite neben Michael Dörners „Airbugs“,
       dönerhaften Figurativwesen aus Bauschaum und LKW-Planen in Alarm-Orange bis
       Knallrot, auch „Don’t be afraid“ von Caroline Stöckel, von Passanten
       verschiebbare Acrylglasscheiben, die, wenn Sonne hindurchscheint, die
       Straße in Farben tauchen.
       
       Das Projekt reicht bis [3][ins Jahr 2017 zurück]. Den größten Effekt hatte
       in der Pilotphase Elisabeth Herwigs „Fülle“ am Straßenrand von Ottersberg,
       ein Pferdeanhänger, aus dem eine rote Masse quoll, Eingeweiden gleich. „Das
       hat die Autofahrer aber ein bisschen zu sehr abgelenkt“, sagt Professor
       Rainer Höger, emeritierter Leuphana-Wirtschaftspsychologe und Koordinator
       von „FairVerkehr“. In der Hauptphase, in Ottersberg ab Herbst 2020 und in
       Amelinghausen ab Frühjahr 2021, wurden die Eyecatcher dann entspannter.
       
       Der verkehrspolitische Hintergrund des Projekts: Ottersberg und
       Amelinghausen haben ähnliche Probleme. In Ottersberg ist die Straße
       schnurgerade, weit einsehbar, was zu hohen Geschwindigkeiten führt. In
       Amelinghausen führt sie teils abschüssig in den Ort hinein, mit ähnlichen
       Folgen. Und in beiden Orten ist das Verkehrsaufkommen hoch, stark geprägt
       von Transitfahrten.
       
       „Wir wollten untersuchen, ob wir die Geschwindigkeit durch [4][Kunst]
       reduzieren können“, sagt Höger. „Durch eine Beeinflussung der
       Ortsatmosphäre.“ Und dann zieht Höger einen Vergleich: „Nehmen wir einen
       Weihnachtsmarkt. Auch da gibt es viel zu schauen. Auch da ist die
       Aufenthaltsqualität hoch. Und weil das so ist, würde keiner auf die Idee
       kommen, da mit dem Motorrad durchzubrettern.“
       
       Der Aufwand der drei Hochschulen war groß: Die Anwohner wurden zur
       Partizipation eingeladen, zu [5][Verkehrslärm], Luftqualität,
       Anmutungsqualität und Aufmerksamkeitsattraktion befragt. Radarmessgeräte
       und Verkehrskameras wurden installiert, für Vorher-Nachher-Vergleiche. Dazu
       kamen Blickfelduntersuchungen durch Eye-Tracking. Per Zufallsprinzip
       ausgewählte Fahrzeuge wurden zudem Verfolgungsfahrten unterzogen,
       Fahrerverhaltensanalysen mit GPS-Ortung folgten. Dazu kam die Kunst selbst.
       Vom niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und
       Verbraucherschutz gab es für all das 115.000 Euro Fördermittel.
       
       ## Keine negativen Nebenwirkungen
       
       Das Ergebnis: Die Kunst bremst tatsächlich, spürbar. Und sie hat keine
       negativen Nebenwirkungen: Sie wird zwar, so der Abschlussbericht,
       „substanziell mit Aufmerksamkeit belegt“, aber sie ist nicht
       verkehrsgefährdend.
       
       Ein Problem: Die Geschwindigkeitsreduktion tritt teils erst Richtung
       Ortsmitte ein, mit Zeitverzug. „Natürlich wäre es besser, wenn das gleich
       am Ortseingang geschähe“, sagt Höger. „Aber dazu hätten auch Kunstobjekte
       im Vorfeld der Ortseinfahrt stehen müssen, und das ist verkehrsrechtlich
       nicht erlaubt.“ Dass sich der Effekt innerorts verstärke, könne auch an der
       Summe der Kunst-Eindrücke liegen. „Da wirkt dann nicht das einzelne Werk,
       sondern die Kombination aller.“
       
       ## Projekt mit Zukunftspotenzial
       
       „FairVerkehr“, im Spätherbst 2022 abgeschlossen, hat Zukunftspotenzial.
       Gerade im Ländlichen, wo die Verkehrsplanung oft das Auto begünstigt hat
       und durch das sich plötzlich Schwerlastverkehre pflügen, auf dem Weg zu
       neuen Gewerbegebieten, muss sich der Straßenraum wandeln – weg von der
       Rennstrecke, hin zu mehr Anwohner-Lebensqualität.
       
       Der Einsatz von Kunst, gleichzeitig potenziell eine lokale
       Identitätsstiftung, ist ein Instrument. Auch Dialogdisplays zur gefahrenen
       Geschwindigkeit helfen, neben zusätzlicher Begrünung und
       verkehrsberuhigenden Baumaßnahmen. „Es ist ein Zusammenwirken“, sagt Höger.
       Die Reaktion der Bürger war übrigens gemischt. „Einige fanden es notwendig,
       dass was passiert“, sagt Höger. „Andere konnten mit Kunst nichts anfangen.“
       
       Besonders beliebt sind übrigens die „Parasole“-Objekte von Kira Keune,
       Sonnenschirme mit Alulamellen, von Pink bis Türkis. „Die sehen einfach nett
       aus, haben Karibik-Feeling“, sagt Höger. „Die Leute stellen sich Stühle
       drunter, unterhalten sich.“ Eine Fahrt nach Ottersberg und Amelinghausen
       lohnt sich also. Eine der Erkenntnisse: Von der Geografie und der
       Einwohnerzahl her sind beide Orte Provinz. Aber gedanklich können sie mit
       einer Weltstadt wie London mithalten. Denn die Botschaft ihrer
       Hauptdurchgangsstraßen erinnert an den Diversifikations-Raum der Exhibition
       Road in South Kensington: Die Zeit, in der Autos hier das alleinige Sagen
       hatten, ist vorbei.
       
       17 Apr 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.leuphana.de/fileadmin/user_upload/Forschungseinrichtungen/ifewp/files/ZwBericht_Projektstand_Mai_RH_Final.pdf
   DIR [2] /Studienplaetze-fuer-Menschen-mit-Behinderung/!5917658
   DIR [3] http://www.hks-freiebildendekunst.de/forschungsprojekt-fairverkehr/
   DIR [4] /Kunst/!t5008134
   DIR [5] /Strassenlaerm/!t5300057
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Harff-Peter Schönherr
       
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