# taz.de -- Im Libanon gibt es nun zwei Zeitzonen: Christliche Zeit, muslimische Zeit
> Wohl um das Fasten zu erleichtern, möchten Muslime die Sommerzeit um
> einen Monat nach hinten verschieben. Das sorgt für Verwirrung, etwa bei
> Banken.
IMG Bild: Welche Zeit zeigt diese Uhr im Beiruter Vorort Sin-El-Fil nun an? Die christliche? Die muslimische?
Beirut taz | Der Libanon liefert mal wieder Stoff für eine Realsatire. Das
Land ist halb so groß wie Hessen und hat trotzdem ab Sonntag zwei
Zeitzonen. Alles begann damit, dass Ministerpräsident Nadschib Mikati etwas
länger in der Winterzeit leben wollte. Am Freitag erklärte er, die
Umstellung auf die Sommerzeit, die in der Nacht auf Sonntag erfolgen
sollte, um einen Monat zu verschieben. Einen Grund nannte er nicht.
Geleaktes Filmmaterial, das in den sozialen Medien zirkuliert, belegt aber,
dass der [1][Sunnit Mikati] und seine muslimischen Kolleg*innen in der
Regierung den früheren Sonnenuntergang bevorzugen: Denn letzte Woche begann
der Fastenmonat Ramadan, während dem von Sonnenauf- bis Untergang nicht
gegessen und getrunken werden soll. Und weniger Tageszeit bedeutet somit
weniger Zeit, die es ohne Essen und Trinken auszuhalten gilt. Das
Videomaterial zeigt eine Diskussion zwischen Mikati und dem schiitischen
Parlamentssprecher Nabih Berri. Darin sagt Letzterer: „Statt 7 Uhr bleibt
es ab jetzt bis zum Ende des [2][Ramadan] bei 6 Uhr. Am Ende des Ramadan
stellen wir die Uhr zurück.“
Nach Bekanntwerden der Entscheidung arbeiten Mobilfunkunternehmen daran,
die automatische Zeitumstellung aus dem System zu nehmen, damit die Zeit
auf den Mobiltelefonen korrekt angezeigt wird. Die libanesische
Fluggesellschaft MEA schrieb ihren Kund*innen, dass alle Abflüge um eine
Stunde vorverlegt würden.
Ein Experte erklärte in der Tageszeitung An-Nahar, dass die Zeiten aller
Länder in einem Netzwerk zur Synchronisierung der Uhr zwischen
Computersystemen gespeichert sind. Alle mit dem Internet verbundenen Geräte
kommunizieren mit diesem Netzwerk und stellen die Zeit automatisch um. Wenn
der Libanon entgegen der Regel die Zeitumstellung nicht mitmacht, hat das
Auswirkungen auf Systeme etwa in Krankenhäusern und Banken. Wegen der
praktischen Probleme regt sich Boykott. Die Zentralbank benachrichtigte die
Privatbanken, dass die [3][Zentralbank] die Zeitumstellung aufgrund der
hohen Risiken, die sich aus Anpassungen in letzter Minute ergeben, nicht
anwenden wird.
## Gouverneur spricht von Verstoß gegen Verfassung
Empört ist auch die maronitisch-christliche Kirche. Deren Patriarch gab
bekannt, die Uhren, entgegen dem Plan der Regierung, vorzustellen. Die
christlich geprägte An-Nahar sowie drei große christliche Fernsehsender
kündigten an, ihre Uhren um eine Stunde vorstellen. Der frühere Gouverneur
der Hauptstadt Beirut sprach im christlich geprägten Sender MTV von einem
Verstoß gegen die Verfassung.
Die Kontroverse und den Gegenwind kann Mikati nicht verstehen. Er äußerte,
ganz unironisch, sein Bedauern über „den sektiererischen Ansatz aus, der
bei der Frage der Verschiebung der Zeit verfolgt wird, der nichts mit der
Frage zu tun hat“, und sagte An-Nahar, dass „die rein administrative
Entscheidung das Ziel war.“
Im Libanon leben Menschen aus über 18 [4][Religionsgemeinschaften]
zusammen. Bis zum Ende des Ramadan am 21. April wird es wohl eine
christliche und eine muslimische Zeit geben.
26 Mar 2023
## LINKS
DIR [1] /Politische-Krise-im-Libanon/!5891653
DIR [2] /Alkoholverkaufsverbot-im-Irak/!5920172
DIR [3] /Zentralbankchef-des-Libanon-vor-Gericht/!5841697
DIR [4] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/christen-nahost-exodus-101.html
## AUTOREN
DIR Julia Neumann
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