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       # taz.de -- Demütigung im Straßenverkehr: Die Rache der Radfahrerin
       
       > Von einem Mercedes abgedrängt zu werden, ist unangenehm. Aber wie viel
       > Hass rechtfertigt das?
       
   IMG Bild: Vielleicht wusste das Huhn, ob es ein weiteres Treffen mit dem schwarzen Mercedes geben würde
       
       Kürzlich schob ich mein Rad durch die Fußgängerzone, als ich den Ethikrat
       sah, der ein grünes Zelt mit gelben Rüschen aufbaute. Der Ethikrat, das
       sind drei ältere Herren von geringer Größe, [1][die mir gelegentlich
       Handreichungen in Fragen praktischer Ethik geben]. Neben dem Zelt stand ein
       Käfig mit einem dicken schwarzen Huhn, das der Vorsitzende des Ethikrats
       mit einer einladenden Handbewegung herauszulocken versuchte. „Guten Tag“,
       sagte ich, „ich vermute, dies ist ein neues Forschungsprojekt.“ Ich sagte
       es unfroh, denn ich war gerade dem schwarzen Mercedes wiederbegegnet, mit
       dem mich vor drei Wochen [2][zwei Halbstarke mit großer Freude abgedrängt
       hatten]. Ich hatte tatsächlich Angst gehabt, und da war ihre Freude noch
       größer gewesen.
       
       „Tsch“, sagte der Ratsvorsitzende in Richtung Huhn, das nach ihm hackte,
       und wies auf ein Schild, das am Zeltdach hing. „Alectryomantie to go – 5
       Minuten, die Ihre Zukunft verändern werden. Nur 20 Euro“, stand darauf.
       „Was ist Alectryomantie?“, fragte ich, verhedderte mich in dem Wort und
       dachte wieder einmal, dass es ungerecht war, dass sich die Mitglieder des
       Ethikrats ein Leben als entfesselte Epikureer im Grundschulalter
       eingerichtet hatten, während ich damit beschäftigt war, ein potemkinsches
       Dorf von Seriosität zu zimmern, das ohnehin niemanden überzeugte. „Es ist
       die Kunst des Wahrsagens, die sich eines Vogels bedient“, sagte der
       Ratsvorsitzende und zog das widerstrebende Huhn aus seinem Käfig.
       „Grundlage dieser Prophezeiung ist die Körnerspur, die es hinterlässt“,
       sagte er und wies auf die beiden anderen Ratsmitglieder, die aus einem
       Leinenbeutel Getreidekörner aufs Pflaster streuten.
       
       „Gibt es da nicht einen Konflikt mit der Idee der Willensfreiheit?“, fragte
       ich. „Wenn es eine feststehende Zukunft gibt, ist es doch gleichgültig, was
       wir tun“, setzte ich noch hinterher. „Wir gehen in der stoischen Tradition
       von einer wahrscheinlichen, aber nicht zwingenden Zukunft aus“, sagte der
       Ratsvorsitzende unbeeindruckt, aber er sagte es in Richtung Huhn, dem er
       auf dem Weg zum Kornhaufen folgte.
       
       Das Huhn plusterte sich zu doppelter Größe auf, und ich musste an den
       Mercedesfahrer denken. [3][„Ich zeige ihn an“, hatte ich meiner Familie
       gesagt], nachdem er mich abgedrängt hatte, und mich kurz besser gefühlt.
       Erst später war mir eingefallen, dass es schwierig sein würde, bei der
       Polizei mit nichts als meinem Zorn als Beweismittel aufzutauchen. Ich
       dachte oft und voller Hass an den Mercedes. Umso unentschuldbarer, dass ich
       bei der zweiten Begegnung zu übertölpelt gewesen war, um mir das
       Kennzeichen zu merken.
       
       ## Leben mit der Demütigung
       
       „Folgt das Bedürfnis, die Fahrer anzuzeigen, dem berechtigten Zorn auf
       diejenigen, die die Angst der anderen genießen? Oder ist es der unsouveräne
       Umgang mit einer subjektiv empfundenen Demütigung?“, fragte ich den
       Ethikrat. „Welchen Unterschied würde das machen?“, fragte der
       Ratsvorsitzende zurück, und ich dachte einmal mehr, wie unergiebig ich
       diese Art der philosophischen Schulung fand. „Wäre es vielleicht möglich,
       dass ich als Testperson diene?“, sagte ich stattdessen, denn mir war
       eingefallen, dass ich das Huhn fragen könnte, ob ich dem Mercedes ein
       drittes Mal begegnen würde.
       
       „Selbstverständlich“, sagte der Ratsvorsitzende, und tatsächlich streute
       der Rat eine Handvoll Körner vor das Huhn, das gierig zu picken begann. Es
       pickte und pickte und ich glaubte, ein geschwungenes J erkennen zu können,
       als eine Windböe alle Körner davontrug. „Welch ein starkes Symbol für die
       Willensfreiheit“, rief der Ratsvorsitzende euphorisch. „Tatsächlich“, sagte
       ich mürrisch, aber da entfernte sich das Huhn und mit ihm der Ethikrat.
       
       29 Mar 2023
       
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