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       # taz.de -- Antimilitaristische Impulse: Friedensgutachten für den Krieg
       
       > Eine Friedensforscherin ruft zu mehr Waffenlieferungen für die Ukraine
       > auf. Darüber regen sich jetzt Widerstand und irritierte Stimmen.
       
   IMG Bild: Können Waffen Frieden herstellen? Diese Frage sorgt für Kontroversen in der Friedensforschung
       
       Sie müssen verzeihen, dass ich an dieser Stelle manchmal Dinge
       wiederverwerte, die ich anderswo eingesammelt habe. Unsereins kommt ja
       selten raus, da beschäftigt es einen länger, wenn ExpertInnen Einblicke in
       ihre Arbeit geben – so geschehen in einem [1][taz-Videotalk], den ich
       jüngst mit der Friedensforscherin Ursula Schröder hatte.
       
       Schröder ist Direktorin des Instituts für Friedensforschung und
       Sicherheitspolitik an der Uni Hamburg, und sie sagt, dass die Ukraine mehr
       Waffen vom Westen braucht. Sie ist damit in ihrer Berufsgruppe nicht
       allein: Die vier großen deutschen Friedensforschungsinstitute traten bei
       der Präsentation ihres Friedensgutachtens im vergangenen Juni geschlossen
       dafür ein, die Ukraine militärisch zu unterstützen.
       
       Ich fragte, ob dadurch nicht Menschen enttäuscht würden, die denken, dass
       die Friedensforschungsinstitute zur Erforschung des Friedens und nicht für
       Waffenforderungen da sind. Schröder antwortete: „Es ist mein Job, Dinge zu
       verkomplizieren, wenn sie nicht einfach sind.“ Angriffskriege könnten es
       nötig machen, Frieden mit Waffengewalt herzustellen. „Wir haben nicht die
       gleiche Situation wie in den 80ern, als sich zwei hochgerüstete Blöcke
       gegenüberstanden, bei denen dann gefordert wurde, beide abzurüsten“ – was
       ja bis heute unterschreibbar sei, ergänzte sie.
       
       Doch regt sich innerhalb der Friedensforschung Widerspruch dagegen, dass
       die Institute den Zeitenwende-Kurs der Bundesregierung so deutlich
       mittragen. In der Zeitschrift „Wissenschaft und Frieden“ versammelten sich
       jüngst irritierte Stimmen. Den HerausgeberInnen fiel dazu leider kein
       anderer Titel als „Quo vadis, Friedensforschung?“ ein, doch die Texte
       zeigen gut, wie es dem Antimilitarismus gerade geht.
       
       ## Antimilitaristische Impulse
       
       „Eine kritische Friedensforschung stellt die Kriegslogik und ihre
       vernunftwidrigen Konsequenzen in Frage“, [2][schreibt Jürgen Scheffran].
       Das Dossier bietet viel Theorie über Krieg und Frieden anderswo und in der
       Vergangenheit – hat aber auch für den akuten Fall der Ukraine eine Idee:
       das Konzept der sozialen Verteidigung, gemeint sind zivile
       Widerstandsformen, Streik, Verweigerung, Untergrundorganisationen.
       
       Olaf L. Müller formuliert rückwirkend: „Wenn sich die Ukraine bereits
       unmittelbar nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 entschieden auf eine
       zivile Verteidigung gegen einen weitergehenden Überfall vorbereitet hätte“,
       wenn sie nicht in die Nato gewollt hätte, „wenn sie ihren Widerwillen gegen
       Fremdherrschaft aus Moskau durch millionenfache Demonstrationen mit Slogans
       wie ‚Ihr seid nicht willkommen‘ gezeigt hätte“ und der Westen all das auch
       finanziell unterstützt hätte, „dann hätte Putin seinen Truppen vielleicht
       keinen Einmarsch befohlen“.
       
       Hm, vielleicht. Sehr vielleicht.
       
       Es ist nun kein Vorrecht des pazifistischen Flügels der Friedensforschung,
       die Dinge stets nachher besser zu wissen. Die Welt produziert ihre
       Konflikte immer so neu und anders, dass es selten möglich scheint, aus
       Vergangenem zu lernen. Das treibt auch manche pazifistisch geprägte
       ForscherInnen um, die früher selbst die Friedensgutachten mitgeschrieben
       haben.
       
       Zum 2022er Gutachten ihrer NachfolgerInnen befragt, sagen sie Dinge wie
       „mehr Abwägung gewünscht“ oder „hätte kritische Abnäher gesetzt“. Natürlich
       habe Putins Angriffskrieg es nötig gemacht, dass die Ukraine sich wehren
       könne, auch mit Hilfe vom Westen. Dennoch müsse der antimilitaristische
       Impuls in der Öffentlichkeit bleiben, sagen sie sinngemäß.
       
       Noch besser wäre, er würde auch praktisch wirksam, dieser Impuls – am
       besten zur Beendigung des Krieges. Wie, das bleibt auch in kritischen
       Friedensforschungskreisen erkennbar eine offene Frage.
       
       19 Mar 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Chefinnensache--Ein-Jahr-Angriffskrieg/!vn5917723
   DIR [2] https://www.researchgate.net/publication/369143483_Vom_andauernden_Krieg_zum_nachhaltigen_Frieden_Aufgaben_einer_kritischen_Friedensforschung_In_Dossier_96_Wissenschaft_und_Frieden
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ulrike Winkelmann
       
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