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       # taz.de -- Transaktivist*in über TERFs: „Es ist mehr Hass da“
       
       > Was sind eigentlich TERFs und was hat Transfeindlichkeit mit
       > Antisemitismus zu tun? Das und mehr beantwortet Aktivist*in Lou Kordts
       > im Interview.
       
   IMG Bild: Glückliche trans Personen – hier in Berlin – sind sogenannten TERFs ein Dorn im Auge
       
       taz: Lou Kordts, sind TERFs, also Radikalfeministinnen, die trans Menschen
       ausschließen, antifeministisch?
       
       Lou Kordts: Ich bin dazu übergegangen zu sagen: Ja, natürlich sind die
       Feministinnen. Feminismus ist nicht mehr ein rein linkes emanzipatorisches
       Ding, sondern wir haben Feminismus, der antiemanzipatorisch ist, also im
       Grunde einen antifeministischen Feminismus.
       
       Was sind TERFs überhaupt?
       
       Das ist ein Akronym für transfeindliche exklusionäre radikale
       Feministinnen. Letzteres trifft in vielen Fällen heutzutage aber gar nicht
       mehr zu. Es gibt einen Großteil, der noch radikalfeministisch ist.
       Radikalfeminismus ist ein spezifischer Feminismus, der die Unterschiede von
       Männern und Frauen betont, der in den Siebzigern groß war. Viele [1][würden
       sich inzwischen als „gender critical“] bezeichnen, aber der Einfachheit
       halber werden die alle als TERFs bezeichnet.
       
       Was steckt hinter dem Begriff „gender critical“?
       
       Sie gehen von einer Binarität der Geschlechter aus: Es gibt Mann und Frau
       und nichts daneben. Alles andere, sei es nichtbinär oder trans, wird als
       „Gender“ bezeichnet und gilt als unnormal. Die Bezeichnung hat sich in
       britischen Onlineforen etabliert hat, weil sie nicht den feministischen
       Ballast hat, den bürgerliche Transfeind*innen gar nicht wollten.
       
       Was sind die politischen Ziele? 
       
       Letztendlich, dass es keine trans Person mehr gibt. Es gibt ein paar Leute,
       die davon ausgehen, dass es noch wenige wahre trans Personen gibt, die man
       so sein lassen kann, wie sie sind. Aber es gibt auch eine sehr große Menge,
       die sagt, allein die Behauptung, es gäbe trans Personen, sei schon
       frauenfeindlich. Alle Personen, die als trans gelten, sind ihrer Meinung
       nach psychisch gestört, brauchen Behandlung, und man sollte die
       Gesellschaft vor ihnen schützen.
       
       Gibt es Überschneidungen zwischen transfeindlichen Aktivist*innen und
       rechter Szene?
       
       Das ist ein komplexes Thema. Es gibt eine große Offenheit nach rechts. Da
       hat sich in den vergangenen fünf Jahren etwas verändert. Es gibt einen
       Bezug auf internationale Quellen, auf das extrem rechte Spektrum in den USA
       zum Beispiel, also Republikaner*innen. TERFs interagieren auch mit
       verschwörungsideologischen Kontexten.
       
       Welche Rolle spielt Antisemitismus? 
       
       Die Autorin Jennifer Bilek hat 2018 im US-amerikanischen Federalist, also
       einer sehr rechten Zeitung, darüber geschrieben, wer die transgender
       Bewegung finanziere. Sie hat [2][den jüdischen Milliardär und Philanthropen
       George Soros] und andere genannt. Das ist keine subtile antisemitische
       Verschwörungsideologie, sondern es wird behauptet, dass die „Geld-Männer da
       oben“ Kinder klauen wollen. Das ist der simpelste Antisemitismus, den man
       sich vorstellen kann, und schon sehr lange angelegt in transfeindlichen
       Feminismen.
       
       Wie weit sind diese Verschwörungsideologien in Deutschland verbreitet?
       
       In TERF-Kontexten sind diese Verschwörungsideologien seit rund drei Jahren
       sehr verbreitet. Das gab es vorher nicht. Die Zeitschrift Emma schreibt
       erst seit recht kurzer Zeit über trans Personen. Inzwischen wird dort von
       der Verbindung zwischen Pharmaindustrie und der transgender Bewegung
       geschrieben. Die großen Medien und die Akteurinnen sind klar dabei, sich zu
       radikalisieren.
       
       Hat das Einfluss auf die Debatte zum Selbstbestimmungsgesetz? 
       
       Wir haben in Großbritannien und Schottland zwei Fälle, wo ein
       Selbstbestimmungsgesetz eingebracht, diskutiert und abgewiesen wurde. Das
       hat international TERF-Bewegungen motiviert, dasselbe in ihren Ländern zu
       schaffen. Gerade in Deutschland und auch in Spanien wird viel Lobbyarbeit
       betrieben. In Großbritannien war die Taktik, eine Stigmatisierung in der
       Gesamtgesellschaft voranzutreiben, bis letztendlich alle großen Zeitungen
       des Landes immer wieder transfeindliche Artikel veröffentlicht haben.
       
       Gibt es in Ländern wie der Schweiz, in denen es ein Selbstbestimmungsgesetz
       gibt, Anhaltspunkte dafür, dass Ängste davor, dass Männer sich Zugänge zu
       Frauensaunen und -wahllisten verschaffen, begründet sind?
       
       Nein. Eine Statistik über den US-Sender Fox News hat gezeigt, dass
       innerhalb von zwei Monaten ein Viertel aller Berichte dort über trans
       Personen waren. [3][All diese Aussagen, die Sie gerade benannt haben],
       dienen dazu, trans Personen zu stigmatisieren und ihnen Probleme in der
       Gesellschaft zu machen. Die Probleme treffen dann aber nicht nur trans
       Personen, sondern auch cis Personen, die nicht gendernormativ aussehen. Das
       heißt unweibliche cis Frauen, und unmännliche cis Männer werden die
       gleichen Probleme haben wie trans Personen, weil sie für trans Personen
       gehalten werden.
       
       Was sind die konkreten Auswirkungen auf die Lebensrealitäten von trans
       Personen?
       
       Für trans Personen bedeutet das, dass wir mehr Angst haben müssen,
       überhaupt in der Gesellschaft zu partizipieren. Die Nutzung von
       öffentlichen Toiletten ist etwas, was für trans Personen eh schon eine
       schwierige Sache war – jetzt werden wir noch mehr beäugt.
       Ärzt*innenbesuche werden schwieriger. Überhaupt Jobs und Wohnungen zu
       finden. Jeder Aspekt des Lebens wird komplexer dadurch, dass mehr Hass da
       ist. Sich draußen sicher bewegen, ist auch nicht mehr möglich. Wir haben
       mehr und mehr Meldungen darüber, dass trans Personen tätliche Übergriffe
       erfahren. Es macht gerade wenig Spaß, eine trans Person zu sein.
       
       Das heißt es wird schlimmer?
       
       Ja. Wir haben in den letzten acht Jahren extrem viel Repräsentation
       erfahren. Auf einmal gab es [4][Netflix-Serien mit trans Personen]. Und
       Leute haben irgendwie langsam ein Bild davon bekommen, was trans Personen
       eigentlich sind. Gleichzeitig ging damit ein extremer Backlash einher, der
       jetzt dazu führt, dass Transfeindlichkeit die Einstiegsdroge für
       Queerfeindlichkeit ist. Also von „die wollen unsere Kinder transen“ geht es
       hin zu „die wollen unsere Kinder groomen“, und das sind dann halt alle
       LGBTIQs, und nicht nur trans Personen. Und schwuppdiwupp hat man Leute in
       extrem queerfeindlichen Spektren.
       
       Sie sind auf Twitter eine kleine Legende. Woher kommt ihr ganzes Wissen?
       
       Ich habe viel getwittert. [5][Andere Leute machen coolen
       Empowerment-Feminismus], und ich wühle im Müll rum. Ich lese furchtbare
       Lektüren, und ich kann das auf jeden Fall nicht empfehlen. Ich betreibe
       seit 2014 ungefähr Aktivismus, und dabei liest und lernt man extrem viel.
       Ich habe Kulturwissenschaften studiert, das hat irgendwie gepasst.
       
       7 Mar 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.belltower.news/gender-critical-bewegung-transfeindliches-framing-in-den-medien-124631/
   DIR [2] https://www.belltower.news/antisemitischer-hass-auf-soros-als-gemeinsamer-nenner-der-internationalen-rechten-47790/
   DIR [3] /Debatten-ueber-Selbstbestimmungsgesetz/!5905243
   DIR [4] /TV-Serie-Transparent/!5012029
   DIR [5] /Saengerin-Lizzo-ist-fuer-alle-da/!5919860
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Franziska Betz
       
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