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       # taz.de -- Die Kunst der Woche: Das große Zweimalzwei
       
       > Bei Ernie Wang und Joe Highton ist den Pflanzen nicht zu trauen. Ambra
       > Durante und William N. Copley zeichnen, wie es ihnen gefällt.
       
   IMG Bild: Ernie Wangs Keramiken wirken nur auf den ersten Blick lieblich. So wie hier „Boat“ (2020)
       
       Wer im Winter die Ausstellung des [1][Berlin Program for artists] – einem
       Mentoringprogramm für junge Künstler*innen – im KW Institute for
       Contemporary Art gesehen hat, wird sich an ihn erinnern. Ernie Wang hatte
       dort eine herrlich überbordende Keramikinstallation ausgestellt: „Where
       Dreams Come True… But You Got Away“ (2022) ein von zartrosa Würmern
       durchfressenes Zauberschloss, aus dem aus allen Ecken und Enden lustvolle
       Pflanzen sprießen, umrahmt von zwei filigranen Bohnenmobiles.
       
       „My art is like my shopping“, so beschreibt der 1993 in Taiwan geborene
       Künstler seine Arbeit in seinem Künstlerstatement. Er schöpft aus der Fülle
       alltäglicher Objekte der (Konsum-)Welt, nur dass er sie sich eben nicht in
       den Einkaufswagen häuft, sondern von Hand nachtöpfert, oft ein wenig
       pastelliger und niedlicher, als sie in echt ausfallen.
       
       Für seine Ausstellung „Garden Problems“ in der [2][Galerie Åplus] hat er
       sich mit Joe Highton zusammengetan. Auch Highton hat eine Schwäche für
       Objekte, für Dinge, Handwerkszeug und Materialien, wie man sie im Baumarkt,
       dem Elektrohandel oder als Industrieabfall findet. Die Skulpturen für die
       Ausstellung, die er aus Holz, Metall, Mesh, Ästen, Bändern, Elektronik,
       Seilen, Papier, Schrauben, Haken und Farbe zusammengesetzt hat, haben etwas
       von Ranken überwuchernden Satellitenschüsseln in irgendeiner vergessenen
       Gegend. Oder handelt es sich vielmehr um getarnte Spionagegeräte?
       
       Lieblich, aber bei näherer Betrachtung durchaus auch bedrohlich wirken
       daneben die Keramiken von Wang. Aus dem halbgeöffneten Keramikbuch im
       vorderen Raum schieben sich gierige Zungen und Tentakel hervor, im hinteren
       hat er mehrere Objekte an eine Metallvorrichtung gekettet. Eine kleine
       Bombe ist dabei, genau wie mittelalterliche Morgensterne. Und könnte nicht
       der Blumentopf dazwischen auch als Waffe gebraucht werden? Den Pflanzen ist
       bei Highton und Wang besser nicht zu trauen.
       
       Statt eines Galerietextes haben die beiden Künstler einen Song geschrieben,
       der den Titel der Ausstellung trägt. Um Unkrautwildwuchs, Schädlingsbefall,
       morsche Sträucher oder was man sich sonst so spontan unter „Garden
       Problems“ vorstellen könnte, geht es da ebenfalls weniger. Eher um das
       zarte Pflänzchen der Liebe in Zeiten der Unsicherheit und übermäßigen
       Bildschirmnutzung.
       
       ## Bild trifft Schrift trifft Strich
       
       Von letzterer ist auch in der Kunst von Ambra Durante die Rede. Die erst
       2000 geborene Künstlerin zeichnet verschachtelte Bild-Schrift-Geschichten,
       für die man den Kopf hin und her bewegen muss und die vom Dasein im Hier
       und Jetzt, vom Alleinsein und Beisammensein, vom Traurigsein und
       Beisichselbstsein erzählen. Da geht es eben auch um Screentime, um das
       Impostorsyndrom, um Vergangenheit und Zukunft, Erwartungserwartungen und
       deren Enttäuschung, kleine und große Dramen, die Durante dennoch stets mit
       einer gewissen Leichtigkeit und feinem Witz auf ihr Zeichenmaterial bringt.
       Dieses kann bei ihr alles Mögliche sein, akkurat ausgeschnittene
       Papierbögen oder irgendwelche Zettel oder Kartonstücke.
       
       In der Ausstellung „Enfant Terrible“ der [3][Galerie Friese] trifft sie auf
       William N. Copley, was recht gut aufgeht. Durante wirkt in der
       Gegenüberstellung tatsächlich wie eine Schwester im Geiste Copleys: in der
       Einfachheit manch einer Strichzeichnung, der Art und Weise, wie Schrift und
       Bild kombiniert werden – bei Copley etwa im Gemälde „Je m’en fou“ (1962) –,
       in der Benutzung von Symbolen, die es zu entziffern gilt und in der
       Beobachtungsgabe für die Verhältnisse ihrer Zeit, die sich in den Bildern
       manifestiert. Die Ausstellung gibt beiden Positionen ihren Raum, mischt sie
       nicht durch, so dass man sich auf jede von ihnen gebührend einlassen kann.
       
       Was man nicht nur bei Durante, sondern auch in den Räumen, in denen Gemälde
       und Zeichnungen von Copley hängen, unbedingt tun sollte. Fantastische Werke
       sind da dabei, „Towering Inferno“ (1975) etwa, Öl auf Leinwand: eine
       kopulierende Truppe, nonchalant zensiert mit schwarzen Balken, die genauso
       aussehen wie die Steine der Mauer hinter ihnen. Oder „See Yourself as
       Lovers See You“ (1987), ebenfalls Öl auf Leinwand, ein Bild, auf dem
       Copleys Affinität zu Surrealismus und Dadaismus, zur Kunst von unter
       anderem René Magritte, Francis Picabia und Marcel Duchamps und seine eigene
       Interpretation dieser Referenzen besonders deutlich zum Ausdruck kommt.
       
       Am Ende bleibt die Frage, ob es sich denn nun bei den beiden um Entfants
       terribles handelt, wie es der Ausstellungstitel nahelegt. Je nach Auslegung
       des Begriffs sicherlich. Copleys Sonderstellung in der Kunst des
       vergangenen Jahrhunderts, als Künstler, Freigeist, Autodidakt und
       Multiplikator ist unbestritten.
       
       Und auch Durante verweigert sich den altbekannten Kategorien, eine
       Kunsthochschule hat auch sie nie besucht, neben der Bildenden Kunst widmet
       sie sich auch dem Schreiben und Musik machen. Die Antwort gibt sie zudem
       gleich selbst „Je suis un enfant terrible“ hat sie mit Textilmarker hinten
       im Nacken auf ein weißes Hemd geschrieben, die erste Arbeit, die einem nach
       dem Betreten der Galerie begegnet.
       
       24 Mar 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Mentoren-zum-Karriereanschub/!5572889
   DIR [2] https://www.xn--plus-poa.de/
   DIR [3] https://www.galeriefriese.de/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Beate Scheder
       
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