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       # taz.de -- Sport und Freizeit in Berlin: Der Jugend einen Korb gegeben
       
       > Das Sportangebot der Turngemeinde Berlin im Görlitzer Park war ein
       > Leuchtturmprojekt. Jetzt hat der Verein hingeschmissen. Was ist passiert?
       
   IMG Bild: Ein Anwohner: Die Baskettball-Körbe sind die besten im ganzen Bezirk
       
       Berlin taz | Außer Betrieb. Das rot-weiß umrandete Schild am Sportkäfig im
       Görlitzer Park mutet wie ein Schlag ins Gesicht an. Hinter den
       Gitterstäben: ein Basketballplatz, ein Fußballplatz, ein Tischtenniszelt,
       eine Sandfläche für Volleyball – alles zu. Und das in einem dicht
       besiedelten Kiez in Friedrichshain-Kreuzberg, in dem es kaum öffentliche
       Sportstätten gibt.
       
       Anwohner Lorenz Rollhäuser ist fassungslos. Mit großer Begeisterung sei das
       Angebot angenommen worden, sagt der 70-Jährige, der lange auch im
       [1][Parkrat des Görli] engagiert war. Nicht nur für Kinder und Jugendlichen
       sei der Sportkäfig ein Treffpunkt gewesen. Was ist passiert?
       
       Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und [2][die Turngemeinde in Berlin
       (TiB), die das Projekt „SpOrt365 im Görlitzer Park“ betrieben] hat,
       schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Klar ist aber das: Es gab
       Streit über ein Zelt in Leichtbauweise, das die TIB auf dem Gelände
       temporär errichten wollte. Die Ausmaße: 32 mal 19 Meter. Kommt nicht
       infrage, sagte das bezirkliche Amt für Umwelt und Naturschutz.
       
       Seit Ende Februar ist das Gelände geschlossen. Es war „ein
       Leuchtturmprojekt“, sagte der TiB Vorsitzende Johannes Russ am Montag zur
       taz. In dem Käfig, wo sich die Sportanlage befindet, [3][verrichteten
       früher Hunde ihre Notdurft, am Gitter hängten Wohnungslose ihre Schlafsäcke
       zum Trocknen].
       
       ## Kostenloser Sport für alle
       
       Im November 2021 kam der Pachtvertrag zwischen Bezirk und TiB zur Nutzung
       des Geländes zustande. In der Kooperationsvereinbarung versprach der TiB
       eine niedrigschwellige Nutzung des Geländes für die Öffentlichkeit. 50
       Prozent öffentliche Nutzung, 50 Prozent für Sportvereine. „Kostenlosen
       Sport unter Bedingung einer temporären gedeckten Sportanlage“, fasst Russ
       die Sichtweise des TiB zusammen.
       
       Das Zelt sei für den Vereinssport angesichts der Hallenknappheit
       unabdingbar. Angesichts der Tatsache, dass der Bezirk das Zelt verweigere,
       sei der TiB gezwungen gewesen, den Vertrag außerordentlich und fristlos zu
       kündigen.
       
       Auch das Bezirksamt war von der taz am Montag um eine Stellungnahme gebeten
       worden. Die schriftliche Antwort deckte sich dann weitestgehend mit der
       Erklärung zu der Schließung, die der Bezirk bereits auf seiner Homepage
       veröffentlicht hatte. Leider habe der TiB „sehr kurzfristig und ohne
       Vorankündigung“ die Zusammenarbeit und Verträge zu dem Sportangebot im
       Görlitzer Park gekündigt, heißt es da.
       
       ## Zelt nicht genehmigungsfähig
       
       Unzutreffend sei, wenn der TiB behaupte, der Bezirk habe die Errichtung
       eines Sportzeltes zunächst zugesagt und dann verweigert. „Diese Behauptung
       stimmt nicht“, so das Bezirksamt wörtlich. Ein solches Zelt sei nicht
       genehmigungsfähig, das „wurde zuvor stets durch den Bezirk kommuniziert“.
       
       Aussage gegen Aussage? TiB Vorsitzender Russ weist das mit Entschiedenheit
       zurück. „Wir haben mit dem Bezirksamt Ende 2021 einen Pachtvertrag für die
       Errichtung eines Zeltes geschlossen“. Schwarz auf weiß habe er das. Aber
       dann hätten die zuständigen Ämter den TiB „auflaufen lassen“, als man die
       förmliche Genehmigung habe einholen wollen. Erst Ende Januar 2023 habe den
       TIB Vorstand „über Umwege“ eine E-Mail des Leiters des Umwelt- und
       Naturschutzamtes erreicht. In der Mail, die an Dritte gerichtet gewesen
       sei, habe es geheißen: Es könne und dürfe kein Zelt auf diesem Gelände
       geben.
       
       Diese Nachricht sei für den TiB vollkommen unvorbereitet gekommen, sagt
       Russ. Noch im September 2022 habe er sich um ein Gespräch mit dem Leiter
       des Umweltamtes bemüht. In dem Schreiben habe er auch darauf hingewiesen,
       dass sich TiB ohne gedeckte Sportstätte zur Kündigung des Vertrages
       gezwungen sehe.
       
       Das Umwelt- und Naturschutzamt habe ihm nicht einmal geantwortet. Russ
       betont das mit Blick auf die Behauptung des Bezirksamts, die Kündigung des
       TiB sei nicht vorhersehbar gewesen. Angesicht der Erfolgsgeschichte sei es
       auch für ihn sehr bitter. Ganz habe er die Hoffnung noch nicht aufgegeben,
       dass sich doch noch eine Lösung finde.
       
       ## Bereicherung für den Kiez
       
       Das Sportangebot habe den Kiez extrem bereichert, sagt Anwohner Rollhäuser.
       Die Basketballkörbe seien die besten im ganzen Bezirk. Nun müssten die Kids
       wieder über den Zaun der OSZ Handel klettern, und auf dem Sportplatz der
       Schule zu spielen. Menschen, die sonst kein Wort miteinander gewechselt
       hätten, hätten an der Tischtennisplatte gestanden, sagt Rollhäuser. „Extrem
       gute Platten, keine Betonplatten“. Er selbst habe da auch gern gestanden,
       und auch gegen Zehn- Elf- Zwölfjährige den Ball über das Netz gedroschen.
       Die seien ganz allein dahingekommen, weil sie gewusst hätten, „da findet
       man immer jemanden“. Der Platz sei zudem immer von Leuten des TiB
       beaufsichtigt gewesen.
       
       Wie diese Schließung damit vereinbar sei, dass nach den Silvesterkrawallen
       große Geldmittel aufgewendet werden sollen, um Kinder- und Jugendliche
       einer sinnvollen Beschäftigung zuzuführen – auch das hatte die taz das
       Bezirksamt gefragt. Die Antwort, wortwörtlich aus der Erklärung
       herauskopiert, die auf Homepage steht: Der Bezirk werde sich
       schnellstmöglichst um ein Ersatzangebot bemühen, sobald der TiB die Fläche
       geräumt habe.
       
       Ein genaues Datum könne der Bezirk noch nicht nennen, heißt es. „Auch wir
       wurden von der spontanen Kündigung überrascht.“ Der Weg bis zu einem neuen
       kostenlosen Angebot werde leider einige Zeit in Anspruch nehmen.
       
       21 Mar 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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