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       # taz.de -- Angebliche Bevormundung durch Linke: Lob der Umerziehung
       
       > Linke Selbstveränderung und Kritik an überholten Lebensformen und Werten
       > ist nicht überheblich. Im Gegenteil: Sie ist ein nobles Anliegen.
       
   IMG Bild: Auch der Stahlarbeiter will nicht, dass man seine Tochter so behandelt, wie vor 50 Jahren
       
       Linken wird heute gern vorgeworfen, sie wollten die Menschen „umerziehen“.
       Der Vorwurf kommt von hartleibigen Konservativen, im Chor mit
       Rechtsextremen. Es ist ein Vorwurf, der auf subtile Weise ins Mark trifft,
       weil die Linken darauf ja nicht „Genau, das wollen wir“ antworten können.
       Schließlich hat der Begriff der „Umerziehung“ einen autoritären Beiklang,
       es schwingt die totalitäre Konzeption einer „Menschenzüchtung“ mit, oder
       zumindest deren freundlichere Schwester, der Paternalismus: Wir sind gut,
       aufgeklärt und liberal, und ihr seid es nicht, weshalb wir euch ein
       bisschen verbessern müssen, natürlich zu eurem eigenen Vorteil. Der Vorwurf
       sitzt, weil viele Linke insgeheim das Gefühl haben, dass die Rechten
       vielleicht irgendwie recht haben könnten.
       
       Tatsächlich ist das nicht völlig falsch, zumindest auf den ersten Blick.
       Denn die Linken haben sowohl eine große Tradition als auch das Selbstbild,
       auf der Seite der einfachen Leute zu stehen, die es schwer im Leben haben,
       nicht mit goldenen Löffeln im Mund geboren oder in verzärtelten
       Mittelschichtsfamilien aufgewachsen sind, die den Restbeständen einer
       traditionellen, plebejischen Kultur entstammen, und die, sagen wir es mit
       einem Modewort, nicht immer vollständig woke sind. Und jetzt kommen die
       Linken daher und sagen ihnen: Es ist nicht okay, wie ihr seid.
       
       Zumindest haben manche Leute das Gefühl, dass die Linken das von ihnen
       denken. Stimmt ja auch: Wer den Rassismus, die Engstirnigkeit, die Dominanz
       [1][traditioneller Vorstellungen von Männlichkeit] und Weiblichkeit in
       Teilen plebejischer Milieus kennt, der weiß, dass es auch die Quelle von
       viel Leid ist, des Leids jener, die Diskriminierung, Mobbing oder
       Tätlichkeiten ausgesetzt sind. All das führt dazu, dass die Linken
       einerseits auf der Seite der einfachen Leute stehen, andererseits ihnen
       aber zu verstehen geben, dass sie ihr Verhalten missbilligen. Und dann
       kommen die Rechten und sagen diesen Gruppen: „Es ist okay, wie ihr seid.“
       Es ist nicht verwunderlich, dass einige diese Botschaft lieber hören als
       Kritik an Lebensstilen und Werthaltungen.
       
       Aber das ist erst der Beginn der Kompliziertheiten. Oft kommt als Ergänzung
       der Vorwurf, dass die Linken früher noch in der konkreten
       [2][Lebensrealität des einfachen Volkes] verwurzelt waren, ihnen heute aber
       „von oben“ mit dem Zeigefinger kommen. Nun wollten Sozialisten,
       Sozialdemokraten und alle anderen Linken schon früher die arbeitenden
       Klassen einerseits ermächtigen, aber andererseits immer auch verändern.
       Weltverbesserung und Selbstverbesserung waren stets untrennbar miteinander
       verbunden. Der Ursprung der Arbeiterbewegung lag oft in
       Arbeiterbildungsvereinen. Die Idee dahinter war, dass man den ungebildeten,
       analphabetischen Arbeitern Wissen vermittelt, denn, so hieß die Parole,
       „Wissen ist Macht“. Mit dem Wissen, Lesen und Schreiben wurden auch Werte
       vermittelt, die an die Vernunftvorstellungen der Aufklärung angelehnt
       waren. Die Anführer der Sozialisten legten beispielsweise den männlichen
       Arbeitern nahe, ihren Wochenlohn nicht prompt am Samstagabend zu versaufen,
       sie ermahnten sie, ihre Frauen anständig zu behandeln, sie propagierten
       neue Partnerschaftsmodelle, sie hatten sogar die Frechheit, die Männer
       aufzufordern, sich gelegentlich um die Kinder zu kümmern, damit die Frauen
       auch in Parteiversammlungen gehen könnten. Ärger noch: Man erklärte ihnen
       die Vorteile von Sanitärinstallationen, die Sozialisten druckten in ihren
       Zeitungen Anleitungen, wie man sich die Zähne putzt, und dass man die
       Wohnungen nicht nur fegen solle, sondern auch feucht mit dem Mopp wischen.
       Mit einem Wort: Man hat die Menschen verändern wollen, und niemand wäre
       damals auf die Idee gekommen, dass daran etwas schlecht sein könnte.
       
       Es ist auch gar nichts Schlechtes daran, sich umzumontieren, was ja nichts
       anderes heißt, als sich zu verändern. Ich bin ein anderer als vor dreißig
       Jahren – Gott sei Dank. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war ich
       zwar auch als zarter Teenager schon ziemlich woke, aber dass bestimmte
       Verhaltensweisen, auf die ich keine großen Gedanken verschwendete, andere
       verletzen könnten, habe ich wahrscheinlich erst nach und nach dazugelernt.
       Mein Freund, der Falter-Chefredakteur Florian Klenk, hat unlängst in einem
       schönen Text beschrieben, wie ihn Freundinnen und Kolleginnen allmählich
       zum Feministen umwandelten, und dass das nicht ohne innere Konflikte für
       ihn abging, weil er sich gelegentlich auch angegriffen gefühlt habe.
       Selbstredend wird man nicht immerzu völlig nach seinen Werten leben, wir
       Menschen sind nicht fehlerfrei, ich nenne das selbstironisch meine
       „Woke-Life-Balance“.
       
       Auch der oft als Klischee bemühte „typische Stahlarbeiter“ ist heute im
       Allgemeinen feministischer als seine Vorgängergenerationen, allein schon
       deshalb, weil er nicht will, dass man seine Tochter so behandelt, wie man
       sie noch vor fünfzig Jahren behandelte. Da die Welt „im Fluss“ ist, sind es
       natürlich auch die Menschen.
       
       Skurril ist der Vorwurf der Rechten, weil ihnen gar nicht auffällt, dass
       auch sie selbst die Menschen ummontieren wollen. Mit ihrer Propaganda gegen
       Geflüchtete etwa wollen sie den Leuten den Impuls austreiben, Menschen in
       Not zu helfen. Das Erziehungsprogramm der Rechten ist eine Einübung in
       Verrohung. Immer schon. [3][Neoliberale] wollen das „unternehmerische
       Selbst“, Konservative den angepassten Bürger, Nazis den gnadenlosen
       Volksgenossen. Rechte wollen die Menschen zu Egoismus und zum Gegeneinander
       anstacheln, Linke wollen die Geister für Solidarität und Kooperation
       wecken. Das ist nicht kritikwürdig, im Gegenteil, es ist eine noble Sache.
       Kritikwürdig ist nur, wenn das auf arrogante, respektlose oder gar
       aggressive Art geschieht, da Menschen sich schwertun, selbst die
       vernünftigsten Ideen anzunehmen, wenn sie sich angegriffen fühlen.
       
       14 Mar 2023
       
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