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       # taz.de -- Ausstellung feministisches Grafikdesign: Plakate, die im Archiv verstaubten
       
       > Schon lange wird mit Grafikdesign auch feministische Bildpolitik
       > betrieben. Die Guerrilla Girls machen es im MKG Hamburg sichtbar,
       > endlich.
       
   IMG Bild: Plakate von Helen Li (2022) und Olga Poláčková-Vyle’alová (1970), Entwurf von Hannah Höch (1929)
       
       Die Gebärmutter wird zum wütenden Schädel. Auf dem Poster von Helen Li
       haben sich die Eileiter in Arme verwandelt. An deren Ende zeigen die Hände
       den Mittelfinger. Und über dem Organ droht ein roter Blitz. Vor knapp drei
       Jahren gingen in Polen Frauen* auf die Straße, gegen die konservative
       PiS-Regierung, [1][gegen Misogynie und Verschärfung des Rechts auf
       Schwangerschaftsabbrüche]. Symbol der Proteste war jener rote Pfeil.
       
       Ein catchy Logo, das bald unübersehbar auf Shirts, Transparenten und
       Plakaten prangte. Die australische, in Warschau lebende Illustratorin Li
       gibt mit ihrem Poster „Gebärmutter/Frauenstreik“ von 2020 ein Beispiel für
       feministisches Design, das – einmal öffentlich zu sehen – politische
       Sprengkraft entwickeln kann.
       
       Noch ein Plakat: An der repräsentativen Fassade des Hamburger Museums für
       Kunst und Gewerbe (MK & G) – ein Akademiebau des späten 19. Jahrhunderts –
       hängt das große Foto eines hanseatischen Plundergebäcks. „Dieses
       Franzbrötchen repräsentiert die 400.000 grafischen Arbeiten im MK & G –
       Dieser Krümel steht für die Arbeiten von Frauen: 1,5 %“ lautet der Titel
       des wandfüllenden Transparents. Die [2][New Yorker Künstlerinnengruppe
       Guerrilla Girls] hat es jüngst angefertigt. Es ist typisch für die seit den
       1980er Jahren aktive Gruppe mit seiner In-your-Face-Ästhetik, seinem Witz,
       seiner Statistik, seiner Ortsbezogenheit.
       
       ## Kaum Werke von weiblicher Autorschaft gesammelt
       
       Vor einem Jahr hat das MK & G das Gesamtwerk der Guerrilla Girls gekauft.
       „Ich wollte eigentlich die Geschichte des feministischen Designs erzählen“,
       meint Kuratorin und Sammlungsleiterin [3][Julia Meer über die nun eröffnete
       Ausstellung „The F* Word“] („F*“ im Sinne von „Feminismus“). „Ich musste
       feststellen: Mit dieser Sammlung kann ich das nicht.“ Die Sammlung hat
       blinde Flecken bei weiblich gelesenen Designer*innen.
       
       Und um diese blinden Flecken auszumachen, hilft auch die ironische,
       aggressive Ästhetik der Guerrilla Girls. Sie reißt Werke aus dem
       kollektiven Kunstgedächtnis und stellt sie in einen neuen Kontext. Ihre
       bekannteste Arbeit „Do women have to be naked to get into the Met. Museum“
       (1989) zitiert das Ölgemälde „Grande Odalisque“ (1814) von
       [4][Jean-Auguste-Dominique Ingres.] Nur räkelt sich darauf keine
       idealisierte Nackte, sondern ein Gorilla. Er weist in fetter
       Yellow-Press-Schrift darauf hin, dass Frauen im Museum häufiger als
       Aktmodelle denn als Künstlerinnen auftauchen.
       
       Das Hamburger Kunstgewerbemuseum bringt die seriell hergestellten Medien
       und Objekte der Guerrilla Girls, ihren Style, der sich aus Werbung,
       Boulevard-Grafik, Agitprop und Artivism speist, jetzt in Verbindung mit
       seiner umfangreichen Designsammlung. „The F* Word“ zeigt insgesamt 500
       Plakate, Zeitschriften und Buchcover, Flyer und Anzeigen von 1870 bis
       heute.
       
       Gerade ältere Exponate werfen die Frage auf: Warum kennt man die eigentlich
       nicht? [5][Anna von Wahl] etwa fertigte 1897 Ausstellungsplakate im
       Jugendstil an, deren ornamentale Verästelungen absolut dem State of the Art
       der Jahrhundertwende entsprechen. Oder Eva Kalchaus etwa zur selben Zeit
       entstandene Werbelithografie für die dänische Firma Empire Fahrräder. Sie
       übersetzt darauf den wehenden Strich von Henri de Toulouse-Lautrec in eine
       selbstbewusste Weiblichkeit, die Skizzenhaftigkeit greift die Bewegung der
       Radfahrerin im frischen Wind auf. Beides verstaubt im Archiv.
       
       ## Pop oder sanftes Abweichen von der Normschönheit
       
       Welche unterschiedlichen grafischen Strategien es gibt, die Frau zu
       repräsentieren und feministische Anliegen in die Öffentlichkeit tragen,
       verdeutlichen auch die ausgestellten Zeitschriften. Das Missy Magazine
       inszeniert mit der farbintensiven Direktheit des Pop selbstbewusst die
       Diversität weiblich gelesener Images – mit Mut zum Regelbruch. Die in der
       Wendezeit entstandene Ypsilon hingegen verzichtet auf eine Normschönheit.
       Ihre Bilder zeigen Frauen natürlich, mit Alterungsmerkmalen und
       zurückgenommenem Style. Freilich, das funktioniert beides.
       Massentauglichkeit, Hermetik, Avantgarde, Konvention.
       
       Doch die Vielstimmigkeit der zu sehenden Publikationen überdeckt, dass man
       sich hier in Nischen bewegt. [6][Ypsilon gehörte auch in der Post-DDR]
       nicht zum Mainstream im Frauenzeitschrift-Journalismus, und das Missy
       Magazine hat eine Auflage von gerade mal 30.000 Exemplaren. Selbst eine
       bekannte Comiczeichnerin wie Anke Feuchtenberger, deren mieslauniges, im
       dekorativen Schwarz-Weiß-Stil gezeichnetes „Frauenzimmer“ ausgestellt ist,
       wird sicher keine Top-Sellerin sein.
       
       Leider sperren sich in dieser Ausstellung auch manche Codes. Der
       feministische Hintergrund auf den wenigen Plakaten aus dem Arabischen
       Frühling und den aktuellen Protesten im Iran lässt sich ohne Kenntnis des
       Arabischen und Persischen kaum erschließen. Vielleicht können aber auch
       diese Poster, die jetzt gerade Teil eines Freiheitskampfes sind, noch nicht
       musealisiert werden und bleiben daher in Hamburg zunächst nur eine Fußnote.
       
       23 Feb 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Abtreibungsverbot-in-Polen/!5810502
   DIR [2] https://www.guerrillagirls.com/
   DIR [3] /Ausstellung-The-FWord-in-Hamburg/!5912832
   DIR [4] /Comic-Band-zum-Musee-dOrsay/!5367274
   DIR [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_von_Wahl
   DIR [6] /20-Jahre-Mauerfall-4-November-1989/!5153166
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Falk Schreiber
       
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