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       # taz.de -- Erinnerungskultur in der Ukraine: Folgen für die Geschichtspolitik
       
       > Angriff auf die Kultur: Wie der Krieg in der Ukraine das Gedenken an den
       > Nationalsozialismus beeinflusst, stand im Fokus einer Podiumsdiskussion.
       
   IMG Bild: Im Theater von Mariupol, das bei einem russischen Bombenangriff im März 2022 zerstört wurde
       
       Dass Russlands Angriffskrieg nicht nur militärische Ziele in den Blick
       nimmt, wurde schnell nach Beginn der Offensive vor fast einem Jahr
       offenbar. Wohn- und Krankenhäuser, [1][aber auch Museen, Theater und
       Denkmäler gerieten unter Beschuss.] Ende letzten Jahres bestätigte die
       Unesco die Beschädigung von Kulturstätten an über 200 Standorten.
       
       Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die vergangenen Sommer in die Ukraine
       reiste, spricht von einem systematischen Angriff auf die ukrainische
       Kultur. In Cherson seien 13.000 Gemälde verschwunden, sagt die
       Grünen-Politikerin am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion im
       Jüdischen Museum Berlin, das die Folgen des Kriegs für die
       Geschichtspolitik in den Mittelpunkt stellt.
       
       Doch wie Anatolii Podolskyi, Direktor des Ukrainian Center for Holocaust
       Studies in Kyjiw, live zugeschaltet berichtet, seien nicht nur Kulturgüter
       betroffen. Gezielt hätten russische Truppen Schulbücher zerstört, die über
       die NS-Verbrechen in der Ukraine aufklärten.
       
       Podolskyi beklagt, dass insbesondere junge Russ:innen jahrelang
       Propaganda ausgesetzt seien, die die historische Rolle der Ukraine
       verdrehe: „In Russland ist eine ganze Generation erwachsen geworden, die
       denkt, die Ukraine habe kein Recht darauf, als eigener Staat zu
       existieren.“
       
       ## Holocaustgedenken seit 30 Jahren
       
       Doch auch die Erinnerungskultur in der Sowjetunion habe Gebiete außerhalb
       Russlands größtenteils ausgespart. Das Gedenken an den Holocaust sei in der
       Ukraine erst seit 30 Jahren wirklich präsent, sagt Podolskyi. Denkmäler und
       Museen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion überall in der Ukraine
       entstanden und die Verbrechen im Land dokumentieren, das im Zweiten
       Weltkrieg ein Viertel seiner Bevölkerung verlor, seien heute Ziel
       russischer Kriegsaktionen.
       
       Das passe zum Narrativ der russischen Geschichtsschreibung, die etwa die
       Rote Armee, als ausschließlich russisch darstelle. Dass das nicht der
       Wahrheit entspricht, lässt sich in Berlin heute noch anschaulich
       nachprüfen. Besucher des Reichstagsgebäudes seien immer wieder überrascht,
       unter den Inschriften, die Soldaten der Roten Armee 1945 im Gebäude
       hinterließen, auch ukrainische und belarussische Schriftzüge zu finden,
       berichtet Claudia Roth.
       
       In dem Kontext betont sie die Wichtigkeit gesamteuropäischen Erinnerns und
       verweist auf das [2][Dokumentationszentrum „Zweiter Weltkrieg und deutsche
       Besatzungsherrschaft in Europa“.] Das befindet sich zwar noch in der
       Konzeptionsphase, soll aber einmal auch die weniger präsenten Einsatzorte
       des Naziregimes berücksichtigen, wie Griechenland, Belarus oder eben die
       Ukraine, die vor dem Krieg ein „blinder Fleck auf unserer Landkarte“
       gewesen sei, wie Andrea Despot, Vorstandsvorsitzende der Stiftung
       Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), sagt, die die
       Podiumsdiskussion moderiert.
       
       Gefährliches Halbwissen beklagt auch Floriane Azoulay. Die Direktorin der
       Arolsen Archives zieht eine Studie heran, [3][die gestiegene
       Zustimmungswerte zu russischer Propaganda belegt.] Demnach glauben etwa 27
       Prozent der Menschen im Osten Deutschlands, 16 Prozent im Westen, Putin
       gehe „gegen eine globale Elite vor, die im Hintergrund die Fäden zieht“.
       
       ## Desinformation auf Social Media
       
       Sorgen macht Azoulay jedoch vor allem, dass immer mehr Jugendliche und
       junge Erwachsene den auf Social Media-Plattformen wie TikTok kursierenden
       russischen Desinformationskampagnen Glauben schenken. Die
       Politikwissenschaftlerin und Soziologin plädiert dafür, auf diesen
       Plattformen schnell gegenzusteuern, mit treffsicheren Inhalten, die auch
       mal vereinfachend sein müssten, Jugendliche aufzuklären. Gute Kampagnen
       erforderten allerdings viel Geld, gibt sie sogleich zu bedenken.
       
       In Azoulays Wirkungsstätte, den Arolsen Archives, lagern unter anderem auch
       1,4 Millionen Akten von Soldaten und Zwangsarbeiter:innen aus der
       Ukraine, sagt sie. Viele weitere Millionen befinden sich jedoch in der
       Ukraine und seien aktuell davon bedroht, im Krieg zerstört zu werden.
       
       Dass die Sicherstellung dieser auch für die ukrainische
       erinnerungspolitische Bildung wichtig sei, betont Anatolii Podolskyi. Nicht
       nur die russische Seite sei anfällig für sprachpolitische Vereinfachungen.
       Auch in ukrainischen Medien höre man immer häufiger Vergleiche zwischen
       diesem Krieg und den von Nazideutschland begangenen Verbrechen. Wörter wie
       „Gauleiter“ fielen inzwischen regelmäßig.
       
       15 Feb 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Krieg-und-Kulturgueter-in-der-Ukraine/!5898335
   DIR [2] /Besatzungsmuseum-in-Berlin/!5869232
   DIR [3] https://cemas.io/publikationen/belastungsprobe-fuer-die-demokratie/2022-11-02_ResearchPaperUkraineKrieg.pdf
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Julia Hubernagel
       
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