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       # taz.de -- Antifeminismus aus der Kolonialzeit: Haft nach Fehlgeburt
       
       > El Salvador hat eines der striktesten Abtreibungsverbote weltweit. Doch
       > die Wurzeln dieses Gesetzes liegen in Europa.
       
   IMG Bild: Feministinnen demonstrieren für das Recht auf sichere Schwangerschaftsabbrüche in El Salvador im September 2022
       
       Leipzig taz | Kaum ein Land bestraft Abtreibung so hart wie El Salvador.
       Das zentralamerikanische Land ist eine von weltweit sieben Nationen, in
       denen sie ausnahmslos illegal sind. [1][Bis zu 30 Jahre Gefängnis drohen
       Frauen, die eine Schwangerschaft beenden – egal ob freiwillig oder durch
       eine Fehlgeburt]. Sie werden oft für Mord oder Totschlag verurteilt und
       sitzen ihre Haftstrafen unter häufig unmenschlichen Bedingungen ab.
       
       Doch das Gesetz hat seine Wurzeln nicht in El Salvador. Vielmehr ist es ein
       Beispiel dafür, wie stark [2][die Kolonialisierung und die damit
       einhergehende Christianisierung] reproduktive Rechte und Frauenbilder in
       Lateinamerika verändert haben.
       
       Tatsächlich war Schwangerschaftsabbruch dort eine jahrhundertealte Praxis.
       Untersuchungen belegen ihre Durchführung seit dem 6. Jahrhundert. In Mexiko
       etwa führten die Tlamatquiticitl, also die Medizinerinnen der Azteken,
       Schwangerschaftsabbrüche mithilfe von Tees oder Kräutern durch – wirksam,
       mitunter aber eine Gefahr für die Gesundheit. Abbrüche waren für die
       Tlamatquiticitl ein Weg, den normalen Menstruationszyklus
       wiederherzustellen. Im Fokus stand die Frage, ob die Schwangere gerade
       Mutter werden will – oder eben nicht. [3][Die Historikerin Frieda
       Bequeaith] schreibt, sie sei auch im Fall El Salvador „fest davon
       überzeugt, dass es diese Form des Widerstands in der Vergangenheit gab und
       dass sie bis heute anhält“.
       
       Erst mit der Kolonialisierung Lateinamerikas durch Spanien im 15.
       Jahrhundert sowie dem Import spanischer Strafgesetze wurde der
       Schwangerschaftsabbruch in El Salvador illegalisiert. Die Missionare
       importierten das Christentum und mit ihm patriarchale Vorstellungen von
       Sexualität und Reproduktion. Indigene Gemeinden wurden unterworfen, ein
       Großteil ihres medizinischen Wissens wurde durch westliche Medizin ersetzt.
       
       ## Koloniale Ideen blieben
       
       Im Jahr 1821 wurde El Salvador unabhängig. Doch viele koloniale Gesetze und
       auch Ideen lebten weiter. Im Kalten Krieg hatten die USA ein Interesse
       daran, die mehrheitlich linksdemokratischen Regierungen in der Region zu
       sabotieren. Mit militärischen Interventionen und der Unterstützung von
       Militärputschs griffen sie in die Politik lateinamerikanischer Länder ein.
       In El Salvador führte das zu einem blutigen Bürgerkrieg.
       
       70.000 Menschen starben. Tausende Indigene wurden ermordet – und mit ihnen
       ihr Wissen. Emanzipatorische Bestrebungen rückten immer weiter in den
       Hintergrund. Zwar gab es in den 1960er und 1970er Jahren durchaus
       feministische Bewegungen in Lateinamerika– in El Salvador lag der Fokus
       jedoch auf dem Widerstand gegen die Diktatur.
       
       Erst in den 1990er Jahren rückte das Thema reproduktive Rechte stärker in
       den Blick der dortigen Frauenbewegung. Die Legalisierung von
       Schwangerschaftsabbrüchen wurde als Forderung in die Friedensverhandlung
       nach dem 12-jährigen Bürgerkrieg eingebracht. Tatsächlich wurde in diesem
       Rahmen 1998 ein Gesetz zu Abtreibungen verabschiedet. Statt einer
       Liberalisierung brachte dieses aber eine weitere Verschärfung: Waren ein
       Schwangerschaftsabbruch zuvor beispielsweise legal, um das Leben der
       Schwangeren zu retten, wurde er nun allumfassend illegalisiert. Zu
       verdanken ist das dem starken Einfluss der (ebenfalls durch die
       Kolonisierung ins Land gekommenen) katholischen Kirche, die in den
       Verhandlungen als Vermittlerin aufgetreten war.
       
       ## Staat schuldig gesprochen wegen Menschenrechtsverletzung
       
       Konservative katholische Kräfte sind in Lateinamerika und El Salvador bis
       heute dominant. Evangelikale Fundamentalist*innen gewinnen an
       Einfluss. Der amtierende Präsident Nayyib Bukele etwa ist eng mit
       sogenannten Lebensschützern aus fundamentalistisch-evangelikalen Netzwerken
       verbandelt.
       
       Erst im vergangenen Jahr sprach der Interamerikanische Gerichtshof für
       Menschenrechte den Staat wegen der Verletzung von Menschenrechten schuldig.
       Es ging um den „Fall Manuela“: Die krebskranke Frau war nach einer
       Fehlgeburt zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Sie starb im Gefängnis.
       
       Die Regierung erkannte dieses Urteil im Januar 2023 unter Druck an.
       Politische Willenskraft, etwas zu verändern, gibt es jedoch nicht.
       Schwangerschaftsabbruch bleibt verboten. Dabei zeigt der Blick auf die
       Geschichte des Landes: Nicht etwa die Kriminalisierung ist in El Salvador
       verwurzelt, sondern im Gegenteil: Es ist offenbar der Zugang zu einem
       Schwangerschaftsabbruch, der Tradition hat.
       
       9 Mar 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Rigides-Abtreibungsverbot-in-El-Salvador/!5830474
   DIR [2] /Kolonialismus/!t5014183
   DIR [3] https://sites.evergreen.edu/ccc/carebodies/criminalization-of-abortion-in-el-salvador/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sarah Ulrich
       
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