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       # taz.de -- Erdbeben in der Türkei und in Syrien: Eine Katastrophe auch hierzulande
       
       > Zehntausende Hamburger*innen haben familiäre Wurzeln in der Türkei
       > und in Syrien. Deshalb ist das Erdbeben auch ein Hamburger Thema.
       
   IMG Bild: Die Katastrophe betrifft viele Hamburger*innen direkt: Gedenkveranstaltung in Hamburg am 13.2.2023
       
       Nach den gewaltigen Erdbeben in der Türkei und in Syrien habe ich sehr viel
       dazu gelesen und gehört. Zum Beispiel einen Tweet einer Frau in
       Deutschland, deren Familie in der Türkei vom Erdbeben betroffen ist. Sie
       schrieb, sie fühle sich verletzt, weil keine ihrer Kolleg*innen sich
       nach ihrer Familie erkundigt hat.
       
       Das Ausmaß der [1][Katastrophe] ist unfassbar groß und schmerzvoll. Die
       Schätzungen, wie viele Menschen gestorben sind, steigen immer noch. Auch
       für mich persönlich waren die Wochen seit dem 6. Februar von diesem Thema
       bestimmt. Aber warum ist das auch ein Hamburger Thema?
       
       Weil ungefähr 44.000 Menschen in Hamburg familiäre Wurzeln in der Türkei
       haben. Fast 18.000 Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit leben in
       unserer Stadt, einer davon ich. Die allermeisten von ihnen, ihre
       Partner*innen, Verwandten und Freund*innen, werden von den Beben
       betroffen sein.
       
       Wie in anderen Notfällen hat die Hamburger [2][Zivilgesellschaft] schnell
       und hilfsbereit reagiert. Es gab große [3][Spendenaktionen], es sind
       Lastwagen mit Hilfsgütern in die Türkei gefahren und auch Einzelne haben
       Hilfe geschickt. Es gab eine Gedenkveranstaltung auf dem Rathausplatz, an
       der doppelt so viele Menschen teilgenommen haben wie erwartet.
       
       Gleichzeitig fällt mir jetzt im Nachhinein auf, dass mich nur drei
       Freund*innen, die selbst nicht betroffen sind, nach der Situation meiner
       Familie gefragt haben.
       
       Vielleicht, weil viele in meinem sozialen Umfeld wissen, dass meine Familie
       nicht im Erdbebengebiet lebt. Vielleicht, weil ich noch in derselben Woche
       einen Artikel für [4][kohero] geschrieben habe. Da habe ich unter anderem
       erwähnt, dass meine Familie nicht direkt betroffen ist. Vielleicht haben
       auch nur wenige in meinem Umfeld diese Verbindung zwischen dem Erdbeben und
       mir persönlich gesehen.
       
       Doch ich frage mich: Wie viele nicht-betroffene Hamburger*innen haben
       sich um das Wohl ihrer Freund*innen, Nachbar*innen, Kolleg*innen, oder
       Bekannten gesorgt? Wie viele haben nachgefragt: „Geht es dir gut? Wie geht
       es deiner Familie? Wenn du etwas brauchst, ich bin für euch da.“
       
       Es geht mir hier nicht darum, die Reaktion von Einzelnen schlecht zu
       machen. Ich suche nur nach Aufmerksamkeit für die persönliche Ebene, nach
       Anteilnahme von Hamburger*innen für Hamburger*innen.
       
       Viele Syrer*innen haben hier ihr Exil gefunden und leben doch in
       Einsamkeit. Viele sind in den vergangenen Jahren zu deutschen
       Staatsbürger*innen geworden, haben hier neue Leben aufgebaut. Und nun
       sehen sie, wie ihre ehemaligen Schulen, ihre früheren Lieblingsorte, oder
       die Heimaten ihrer Familien ausgelöscht sind. Facebook ist der Ort, an dem
       sie Kontakt mit anderen finden und sich austauschen. Auch im Kontext des
       Erdbebens war Facebook ein wichtiger Kanal, um sich einerseits umeinander
       zu kümmern und Hilfe zu suchen oder anzubieten. Es war auch ein Ort, um
       ihren Schmerz und ihre Enttäuschung zu teilen.
       
       Für das [5][Forschungsprojekt „becoming a minority“] wurden Menschen ohne
       Migrationshintergrund in sechs europäischen Großstädten befragt. In einem
       Interview erzählte einer der Projektleiter, dass Hamburger*innen zwar
       sehr positiv auf kulturelle Vielfalt und Migration in ihren Nachbarschaften
       reagierten, aber gleichzeitig kaum Freund*innen mit Migrationsgeschichte
       hatten. Es gab deutlich weniger sogenannte „interethnische“ Freundschaften
       und Partnerschaften als in den anderen Städten.
       
       Neben den vielen anderen Herausforderungen, die dieses Erdbeben gebracht
       hat, zeigt es für mich, dass wir untereinander mehr Kontakt, mehr
       Freundschaften, mehr Nachbarschaft brauchen.
       
       2 Mar 2023
       
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