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       # taz.de -- Wiederaufbau in der Ukraine: Beton allein reicht nicht
       
       > Der Krieg zerstört Familienplanung, Erinnerungskultur und Gesellschaft.
       > Das Nachdenken über den Wiederaufbau ist letztlich Verteidigungspolitik.
       
   IMG Bild: Von einer russischen Rakete zerstörtes Gebäude in der Stadt Dnipro im Januar
       
       Kann es vermessen sein, über Wiederaufbau nachzudenken? Wenn der Krieg,
       dessen Ende allzu oft allzu bald vorhergesagt wurde, nun ein Jahr dauert.
       Wenn kein Ende in Sicht ist, weil da jemand beschlossen hat, [1][dass es
       kein Ende geben darf]. Wenn die Hoffnung allzu oft zu vorvorletzt gestorben
       ist. Oder sich, so sie noch lebt, anfühlt wie naives Rumgewünsche?
       Andererseits muss man über alles, was die Zukunft mehrerer Generationen
       betrifft, immer genau jetzt anfangen nachzudenken. Und wenn es um den
       Wiederaufbau der Ukraine geht, geht es nicht nur um Beton. Es geht um so
       vieles, was eine funktionierende Gesellschaft ausmacht.
       
       Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Krieg führt zu einem Zukunftsproblem,
       weil er die Bevölkerung aus der Balance bringt. Menschen sterben, Menschen
       fliehen, Menschen hören auf, Familien zu gründen. Die Ukraine hatte bereits
       eine bedrohlich niedrige Geburtenrate, ehe der Krieg begann. Studien
       [2][finden dafür mehrere systemische Gründe]: Eine lange Wirtschaftskrise
       und große politische Unsicherheit nach dem Systemwechsel 1990,
       Doppelbelastung von Frauen, der Krieg im Donbass seit 2014.
       
       Der landesweite Krieg seit einem Jahr verschärft die Lage massiv. Selbst in
       einem Universum, in dem er morgen vorbei wäre und alle dreizehneinhalb
       Millionen ins Ausland und innerhalb des Landes Geflüchteten sofort dahin
       zurückkehrten, wo sie Anfang 2020 waren, würde in der jungen und mittleren
       Generation eine riesige Lücke bleiben.
       
       ## Erinnerungen gelöscht
       
       Das zerstört Versorgungsnetzwerke in Familien und Gemeinden, es zerstört
       das Geben und Nehmen zwischen den Generationen, das so viele wichtige
       alltägliche Kleinigkeiten am Laufen hält. Es lässt den Fluss von
       Geschichten versiegen, [3][löscht Erinnerungen, die mündlich überliefert
       wurden], hinterlässt weiße Flecken im kollektiven Bewusstsein. Kurzum, es
       macht dieses atmende, flirrende, pulsierende Ding kaputt, das wir
       Gesellschaft nennen.
       
       Damit das Ding wieder lebt, muss natürlich der Krieg enden und natürlich
       auch Beton her. Aber damit ist es nicht getan. „Für den Krieg mit Russland
       gibt es eine einfache Lösung“, hat der ukrainischer Analyst Yevhen
       Hlibovytsky diese Woche provokant dem Sender NPR gesagt, „man muss die
       feindliche Armee besiegen. Das demografische Problem ist viel
       komplizierter.“
       
       Darauf zu setzen, dass es nach Kriegen ja häufig einen Familienboom gibt,
       ist übrigens tatsächlich naives Rumgespiele. Das funktioniert nämlich
       erstens nur dann, wenn es noch genug potenzielle Eltern gibt. Und zweitens,
       wenn es eine Perspektive gibt, auf Sicherheit, auf relativen Wohlstand, auf
       ein Land, in dem man Kinder aufziehen will. Eine solche Perspektive baumelt
       den Ukrainer*innen in Form der EU seit Jahrzehnten unerreichbar vor der
       Nase herum. Wenn es stimmt, dass der russische Krieg das Ziel hat, die
       Ukraine verschwinden zu lassen – dann ist das Nachdenken über einen
       Wiederaufbau letztlich Verteidigungspolitik.
       
       24 Feb 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Putins-Rede-zur-Lage-der-Nation/!5914130
   DIR [2] https://www.npr.org/2023/02/22/1155943055/ukraine-low-birth-rate-russia-war
   DIR [3] /Geschichten-von-Grossmuettern/!5902922
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Peter Weissenburger
       
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