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       # taz.de -- Wahlwiederholung in Berlin: Noch mal von vorn
       
       > Am 12. Februar wird in Berlin erneut gewählt. Eine Grüne will ihr Mandat
       > verteidigen, eine SPD-Frau hat eigentlich andere Pläne. Unterwegs in der
       > Hauptstadt.
       
   IMG Bild: Oda Hassepaß vor ihrem Wahlkreisbüro in Berlin
       
       Das Berliner Abgeordnetenhaus ist ein imposanter Bau aus dem späten 19.
       Jahrhundert, errichtet im Stil der italienischen Hochrenaissance. Wer es
       betritt, gelangt in ein hohes Foyer. Auf den Treppen führt ein langer roter
       Teppich in die oberen Etagen. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort: Sitz des
       preußischen Landtags, Offizierskasino unter den Nazis, dann Sitz der ersten
       DDR-Regierung. Seit 1993 tagen hier die Abgeordneten des Parlaments der
       wiedervereinten Hauptstadt.
       
       In Raum 376, einem langgezogenen Saal, kommen an einem Mittwochmorgen Ende
       Januar die Abgeordneten des Mobilitätsausschusses zusammen.
       Regierungskoalition und Opposition sitzen sich an zwei weißen Tischreihen
       gegenüber. Deckenlampen tauchen den Raum in gelbes Licht, manchmal hört man
       das Klappern von Kaffeetassen.
       
       Rechts, bei der Regierungskoalition, sitzt eine Frau mit langem blonden
       Haar und tippt in ihr Notebook. Sie hat gerade die Eröffnungsfrage an die
       Senatorin gestellt, jetzt macht sie sich Notizen. [1][Oda Hassepaß] von den
       Grünen.
       
       Hassepaß ist vergleichsweise neu hier. Bei der Wahl im September 2021 wurde
       sie direkt gewählt, setzte sich ganz knapp gegen Klaus Lederer,
       Spitzenkandidat der Berliner Linken und Kultursenator, durch. 30 Stimmen
       Vorsprung hatte sie, Lederer ließ nochmal nachzählen. Beim erneuten
       Zählgang waren es immer noch 24. Hassepaß hatte gewonnen.
       
       Sie sei vor der Wahl belächelt worden, erzählt sie. „Man hat mich zur
       Kandidatur beglückwünscht, hat gesagt: ‚Toll, dass Du antrittst‘“. Eine
       echte Chance hätten ihr die wenigsten eingeräumt. Und sie selbst? „Ich bin
       eigentlich fest davon ausgegangen, dass es klappt“, sagt sie. „Ich hatte
       von den Begegnungen mit den Bürgerinnen und Bürgern auf der Straße ein
       gutes Gefühl.“
       
       Die ersten Tage im Amt seien dann krass gewesen. Gleich nach der Wahl
       organisierte sie die Vorverhandlungen zum Koalitionsvertrag mit. „Zu Beginn
       war es, als ob man jeden Tag vom Zehn-Meter-Brett springen muss“, sagt sie.
       „Am Ende geht es nicht darum, ob man dabei besonders galant aussieht. Es
       geht darum, dass man springt.“
       
       Sie musste ein Team aufbauen, ein Büro finden, die Abläufe des
       parlamentarischen Prozesses lernen. „Nach einem Jahr hatte ich das Gefühl,
       richtig drin zu sein“, sagt Hassepaß. „Und dann kam der neue Wahlkampf.“
       
       Sie tritt jetzt wieder gegen Klaus Lederer an, den linken Partei-Promi. Gut
       möglich, dass diese Sitzung im Mobilitätsausschuss Hassepaß' letzte im
       Abgeordnetenhaus ist.
       
       ## Lästern über die Chaos-Stadt
       
       Fehlende Stimmzettel, zu wenig Wahlurnen, lange Schlangen vor den
       Wahllokalen: Am 26. September 2021 [2][gab es viele Pannen]. Damals wurde
       in Berlin nicht nur über die Kräfteverhältnisse im Abgeordnetenhaus und den
       Bezirksversammlungen abgestimmt, gleichzeitig war auch noch Bundestagswahl.
       Am Ende gab es so viele Unstimmigkeiten, dass das Berliner
       Verfassungsgericht im November 2022 entschied, die Wahlen zu wiederholen.
       
       Der Termin für die Teilwiederholung der Bundestagswahl steht noch nicht
       fest, [3][Abgeordnetenhaus und Bezirksversammlungen werden am 12. Februar
       erneut gewählt]. Ob die Wahl dann tatsächlich rechtmäßig ist, ist eine
       andere Frage, aber dazu später mehr.
       
       Etwa 39 Millionen Euro wird die Wiederholung kosten. Seitdem wird wieder
       über die Chaos-Stadt Berlin gelästert. Und es wird über die Auswirkungen
       spekuliert, die diese Pannen auf das Vertrauen in die Demokratie haben
       könnten.
       
       Bei knappen Wahlergebnissen können alle möglichen Faktoren darüber
       entscheiden, wer regiert und wer in der Opposition landet, wer ein Mandat
       erhält und fortan Berufspolitiker ist, wer in seinem bisherigen Beruf
       weitermacht. Ob eine Partei auf Bundesebene im Aufwind oder beim Absteigen
       ist, spielt hinein. Aber auch das Wetter am Wahltag beeinflusst, ob mehr
       oder weniger Bürger den Weg in die Wahlkabinen finden. Die Ergebnisse der
       Wiederholungswahl werden deshalb auch etwas über den Faktor Zufall
       erzählen, der jedes Wahlergebnis mit prägt.
       
       Doch was bedeutet die Wiederholung für die Abgeordneten? Für
       Politiker:innen wie Oda Hassepaß, die sich knapp einen Platz erkämpft
       haben und nun um den Wiedereinzug bangen müssen? Die noch neu sind auf der
       politischen Bühne, ihr bisheriges Berufsleben dafür aufgegeben haben und
       wenig Zeit hatten, sich zu beweisen?
       
       Die Regeln der Berliner Wahlwiederholung bringen einige Kuriositäten
       hervor. Wer sich mit den Kandidierenden befasst, trifft auf Menschen, die
       antreten, obwohl sie längst andere Pläne haben. Auf Politiker:innen, die
       für Parteien auf der Liste stehen, in denen sie längst nicht mehr Mitglied
       sind. Und die dennoch für sie kandidieren – weil sie nicht als
       fraktionslose Kandidatinnen oder für eine andere Partei antreten dürften.
       
       Das Wahlkreis-Büro von Oda Hassepaß liegt an einer großen Straße unweit vom
       S-Bahnhof Pankow. Ein schöner, heller Raum, sie teilt ihn sich mit einem
       Parteikollegen aus dem Bundestag und dem Grünen Kreisverband Pankow. Es ist
       Freitag, zwei Tage nach der Sitzung im Mobilitätsausschuss.
       
       Ihr neuer Job als Abgeordnete sei eine Umstellung gewesen, sagt Hassepaß.
       Drei Tage die Woche sitze sie jetzt im Abgeordnetenhaus, die anderen zwei
       im Büro oder Homeoffice. Im Wahlkampf sei sie auch viel draußen unterwegs,
       treffe Bürger:innen. Die Arbeitstage seien lang, die Wochenenden mit
       Veranstaltungen gefüllt.
       
       Hassepaß wurde 1974 in Hamburg geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften
       in Oldenburg, 2000 kam sie nach Berlin, arbeitete für verschiedene
       Unternehmen in der Medienbranche, darunter ein Verlag für Comics und
       Kinderzeitschriften.
       
       Bevor sie ins Abgeordnetenhaus gewählt wurde, leitete sie die
       Kundenkommunikation der Wochenzeitung Der Freitag. Es sei gut und schön,
       über Politik zu lesen, habe sie irgendwann gedacht. Aber besser sei es,
       selbst aktiv zu werden.
       
       Politisch involviert war sie schon länger. Hassepaß war stellvertretende
       Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität der Grünen. Seit 2020
       organisiert sie die Online-Konferenz „Frauen machen Mobilität“ mit. Es sind
       die Themen, auf die sie immer wieder zu sprechen kommt: Verkehrswende,
       Mobilität, der Schutz der Schwachen im Straßenverkehr.
       
       Hassepaß war auch Sprecherin der Initiative „Stadt für Menschen“. 2018 ließ
       das Bündnis einen Bereich der Berliner Friedrichstraße für den Autoverkehr
       sperren. Wo man mehr bewirken könne, auf der Straße oder im Parlament?
       „Alle Ebenen müssen zusammenspielen“, sagt sie. „Aktivist:innen auf der
       Straße müssen Druck machen, damit in der Politik noch mehr passiert.
       Andererseits braucht es Aktivist:innen auch im Abgeordnetenhaus.
       Menschen, die für das brennen, was sie tun.“
       
       Es habe sie überrascht, wie schnell man Ideen auch im Abgeordnetenhaus
       einbringen könne. Dann erzählt sie aber auch von großen und kleinen
       Irritationen. Von mangelnden Absprachen zwischen den Koalitionspartnern.
       Oder davon, dass man angehalten sei, eigentlich vernünftigen Anträgen der
       Opposition nicht zuzustimmen – eben weil sie von der Opposition kommen. In
       diesen Momenten scheint es, zwickt es hier und da noch ein wenig, ihr neues
       Leben als Parlamentarierin.
       
       „Manchmal habe ich das Gefühl, es wird erwartet, dass man in der Politik
       generell skeptischer unterwegs sein und sein Menschenbild überarbeiten
       muss“, sagt Hassepaß. „Und ich bin mir nicht sicher, wie weit ich das
       will.“
       
       Hat die Unsicherheit, ob es nach anderthalb Jahren weitergehe, ihren
       Politikstil beeinflusst? „Nein“, sagt Hassepaß. „Wenn ich mir die Frage der
       Dauer gestellt hätte, hätte das verhindert, dass ich Sachen richtig angehen
       und umsetzen kann. Ich hätte mich ausgebremst.“
       
       Wütend war sie nicht, als klar wurde, dass die Wahl wiederholt werden muss.
       „Nein, ich dachte: Okay, mach ich’s noch mal.“
       
       Erst nach und nach sei Hassepaß klar geworden, was an der Wiederholung
       alles dran hängt: Die Menschen aus dem Wahlkreis, die Geld gespendet
       hatten, die Freunde, die Flyer und das Plakat entworfen hatten. „Da fragt
       man sich schon: ‚Warum sollte jemand, der damals quasi umsonst gespendet
       hat, jetzt nochmal spenden?‘“ Die Spendenbereitschaft sei jetzt in der Tat
       etwas geringer. Die Einsatzbereitschaft ihres Teams hingegen sei
       „ungebremst hoch“.
       
       „Meine Mitarbeiter:innen im Abgeordnetenhaus sind guter Dinge, dass
       wir auch nach der Wahl zusammen weitermachen können“, sagt Hassepaß. Aber
       sie seien natürlich schon mit der Erwartung eingestiegen, diesen Job fünf
       Jahre machen zu können. Hassepaß sagt, sie spüre eine „enorme soziale
       Verantwortung“.
       
       Auch die Unsicherheit, schon nach anderthalb Jahren nicht zu wissen, wie es
       weitergeht, gehört zu den Besonderheiten der Wahlwiederholung. [4][Thorsten
       Faas] ist Professor und Leiter der Arbeitsstelle „Politische Soziologie der
       Bundesrepublik Deutschland“ an der Freien Universität Berlin, er forscht
       seit Jahren zum Thema Wahlen. „Die Wiederholung der Berlin-Wahl ist ein
       absoluter Präzedenzfall“, sagt er. Zwar habe es in Hamburg 1993 bei der
       Wahl zur Bürgerschaft ebenfalls Unstimmigkeiten gegeben. Dort hatte sich
       die Bürgerschaft dann allerdings aufgelöst. Es war deshalb eher eine
       vorgezogene Neuwahl als eine Wahlwiederholung.
       
       De facto müsse man auch in Berlin von einer Neuwahl sprechen, sagt Faas.
       Schließlich werde ja nicht nur punktuell wiederholt gewählt. Jedoch: „Die
       Wählerinnen und Wähler können zwar neu abstimmen“, sagt Faas. „Das Angebot
       aber bleibt gleich.“
       
       Heißt: Die Parteien dürfen keine neuen Kandidierenden aufstellen, treten
       also mit den selben Personen an. Auch wenn die mitunter inzwischen andere
       Pläne haben – so wie Maja Lasić.
       
       Ein grimmiggrauer Samstag Ende Januar, zehn Uhr morgens. [5][Maja Lasić]
       baut ihren Wahlstand vor der Karstadt-Filiale im Ortsteil Wedding auf. Sie
       faltet den grauen Aluminiumtisch auseinander, nimmt einen Stapel Flyer und
       ein paar Kugelschreiber aus dem roten Bollerwagen, verteilt alles auf dem
       Tisch. Dann ballt sie eine Hand zur Faust, pustet darauf. „Das wird sooo
       kalt heute“, sagt sie.
       
       Die nächsten zwei Stunden wird Lasić, SPD-Direktkandidatin für Wahlkreis
       Mitte 7, die paar Meter an der Kreuzung vor dem Kaufhaus auf und ab gehen.
       Sie wird Passant:innen begrüßen, wird sie fragen, ob sie ihnen ein paar
       Informationen zur Wahl mitgeben kann. Die meisten werden ablehnen, mal
       freundlich, mal mürrisch. Lasić wird es mit einem Lächeln tragen. „Trotzdem
       einen schönen Tag“, wird sie sagen. „Und vergessen Sie nicht, am 12.
       Februar wählen zu gehen.“
       
       Unter den wenigen Menschen, die stehenbleiben, ist eine Rentnerin, knapp
       über 80. „Wissen Sie“, sagt die Frau, „da drüben auf dem Rathausplatz, da
       gibt es nicht genügend Papierkörbe. Und die, die es gibt, werden nicht oft
       genug geleert.“
       
       „Ich weiß, das höre ich oft“, sagt Lasić.
       
       „Und dann hängen da immer so viele Menschen rum. Ob Flüchtlinge oder nicht,
       aber es muss doch sauber sein.“
       
       „Was wir schaffen müssen, ist, dass die Menschen wieder miteinander ins
       Gespräch kommen“, antwortet Lasić
       
       Die Frau nickt, dann verabschiedet sie sich. Sie werde Lasić wählen, sagt
       sie noch, bevor sie im Karstadt verschwindet. Sie wähle schließlich immer
       SPD.
       
       Was sie nicht weiß: Maja Lasić tritt zwar als Direktkandidatin an. Sollte
       sie gewählt werden, wird sie das Mandat allerdings nicht annehmen. Lasić
       ist seit vergangenem Oktober im Bezirk Mitte Bezirksstadträtin für Schule
       und Sport. Und sie will das auch bleiben.
       
       Auch wenn das Wahlrecht vorschreibt, mit exakt den selben
       Kandidat:innen anzutreten, einige Veränderungen gibt es doch: Menschen,
       die aus Berlin weggezogen, verstorben oder von ihrer Kandidatur
       zurückgetreten sind, stehen nicht mehr auf der Kandidat:innenen-Liste. 25
       dieser Fälle gibt es auf Landesebene, ein paar weitere auf Ebene der
       Bezirke. Maja Lasić gehört nicht dazu. Sie möchte einfach nicht zurück ins
       Abgeordnetenhaus. Darauf nimmt das Wahlrecht aber keine Rücksicht.
       
       12 Uhr, der Wahlstand ist inzwischen abgebaut, Lasić trinkt einen Kaffee im
       Karstadt-Restaurant. Die 43-Jährige spricht schnell und energisch, hängt
       oft ein kurzes Lachen an das Ende ihrer Sätze.
       
       Wie fühlt es sich an, Wahlkampf zu machen, obwohl man weiß, dass man das
       Mandat nicht antreten wird? „Ich mache Zweitstimmen-Wahlkampf“, sagt Lasić.
       „Ich rücke die Politik der SPD in den Vordergrund, nehme mich selbst dabei
       zurück.“
       
       Lasićs Biografie ist voller Wendepunkte. Mit 14 flieht sie vor dem Krieg
       aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina nach Deutschland. Sie studiert
       Biologie und Chemie, promoviert, arbeitet später für ein
       Pharma-Unternehmen. Dann wechselt sie die Richtung. Mit der Initiative
       „Teach First“ geht sie an eine sogenannte Brennpunktschule im Wedding,
       unterstützt benachteiligte Schüler:innen, später übernimmt sie unter
       anderem die Akquise für diese Initiative. In dieser Zeit beginnt sie auch,
       als Mitarbeiterin des SPD-Bundestagsabgeordneten Josip Juratovic zu
       arbeiten. „Es waren meine ersten Erfahrungen mit dem Apparat“, sagt sie.
       
       2016 kandidiert Lasić für das Abgeordnetenhaus, zieht mit einem
       Direktmandat ein. Sie wird bildungspolitische Sprecherin, macht sich mit
       ihrem Engagement für Schulen in schwierigen Gegenden einen Namen. Sie ist
       gut vernetzt, in den Zeitungen erscheinen Portraits von ihr.
       
       Dennoch schafft sie den Wiedereinzug 2021 nicht. „Hart“ sei das gewesen.
       „Es fühlt sich nicht gut an, mitten in der Aufgabe abbrechen zu müssen.“
       
       Lasić entschließt sich zu einem ungewöhnlichen Schritt. Sie geht zurück an
       die Schule, wird Lehrerin im Wedding, unterrichtet Kinder in Biologie und
       Chemie.
       
       Doch dann kehrt die Politik in ihr Leben zurück. Der Bezirksbürgermeister
       von Mitte wird im September 2022 abgewählt. Auf ihn folgt die damalige
       Schulstadträtin des Bezirks. Deren Stelle ist damit frei. Lasić wird ihre
       Nachfolgerin.
       
       „Als Bezirksstadträtin bin ich Teil der Exekutive, kann Dinge direkt
       gestalten“, sagt sie. „Und dieses direkte Gestalten hat nach wie vor einen
       besonderen Reiz.“
       
       Lasićs neuer Arbeitsplatz ist das Rathaus Mitte, ein karger, graublauer
       Neunzigerjahre-Bau, der unweit der Karl-Marx-Allee im Osten der Hauptstadt
       in den Himmel ragt.
       
       Ein Donnerstag Ende Januar. In einem quadratischen Saal trifft sich die
       Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Mitte. Es ist 17:30 Uhr. Stühle
       stehen überall im Raum, sie sind bis auf den letzten Platz besetzt. Die
       meisten Menschen sind leger gekleidet, in Pullover und Jeans. Ein Murmeln
       ist zu hören, hier und da auch ein Lachen. Die Stimmung ist entspannter als
       im Abgeordnetenhaus, es geht weniger förmlich zu.
       
       Fünf Blätter umfasst die Liste mit den Tagungsordnungspunkten. Zu den
       Themen gehören „Café Leo vollständig erhalten“, „Schlossplatz begrünen“
       oder „Kein Parken mehr auf der Swinemünder Brücke“.
       
       Lasić, ganz in Schwarz, sitzt am Kopf eines Tisches, in einer Reihe mit den
       anderen vier Bezirksstadträt:innen und der Bezirksbürgermeisterin.
       Nach drei Stunden tritt sie das erste Mal ans Mikro, um sich auf eine
       Anfrage zu äußern. Es geht um ein Eisstadion im Bezirk, es musste aufgrund
       eines Schadens für das Publikum geschlossen werden. Lasić sagt, sie werde
       sich darum kümmern. Keine zwei Minuten dauert ihr Redebeitrag, dann nimmt
       sie wieder Platz. Um 23 Uhr ist die Sitzung zu Ende. Ein ganz normaler
       Arbeitstag.
       
       Wie unterscheidet sich der Alltag einer Bezirksstadträtin von dem einer
       Parlamentarierin im Abgeordnetenhaus? Sie müsse jetzt eine ganze Behörde
       steuern, sagt Lasić, und das im unterbesetzten Schulbereich. „Das nimmt
       viel Zeit in Anspruch und ist meine zentrale Anforderung.“ Der Rest sei
       annähernd gleich: der regelmäßige Austausch in den Ausschüssen, der Kontakt
       zu den Bürger:innen.
       
       ## Pragmatischer Umgang mit der Wiederholung
       
       Lasić glaubt nicht, dass es für die Menschen verwirrend sein könnte, wenn
       sie für das Abgeordnetenhaus kandidiert, aber im Bezirk bleiben will. „Ich
       bin da sehr transparent und sage, dass ich Stadträtin bleiben will. Für die
       meisten Leute spielt es keine Rolle, ob ich im Abgeordnetenhaus oder im
       Bezirksamt sitze. Denen geht es nur darum, dass ich für sie da bin.“ Wenn
       sie gewählt werden sollte, sagt Lasić, will sie ihren Platz an den Nächsten
       in der SPD-Bezirksliste abgeben.
       
       Und ja, sie würde ihren Umgang mit der Wahlwiederholung als pragmatisch
       beschreiben.
       
       Dabei gibt es bei der Wiederholung noch außergewöhnlichere Fälle als ihren:
       Da sind etwa die zwei Kandidatinnen, die im September 2021 für die Grünen
       antraten, inzwischen aber aus der Partei ausgetreten sind. Auf den neuen
       Wahlzetteln tauchen sie dennoch als Grünen-Kandidatinnen auf. Die Partei
       kann sie nicht von der Liste streichen lassen. Und für sie selbst ist eine
       Kandidatur als Grüne die einzige Chance auf einen Platz im Parlament.
       
       Bleibt die Frage, ob das Vertrauen in die Demokratie da nicht doch leidet.
       
       Oda Hassepaß glaubt das nicht. „Man kann ja auch sagen: ‚Schaut, das Thema
       Wahlen wird so ernst genommen, dass man es noch einmal prüfen lässt.‘“
       
       Auch Maja Lasić glaubt nicht, dass die Demokratie insgesamt dadurch Schaden
       nimmt. „Ich glaube eher, dass es sich in das Bild einer dysfunktionalen
       Haupstadt einfügt“, sagt sie. „Eben jenes Bild, dem wir kontinuierlich
       gegensteuern wollen. Die Wahlwiederholung tut uns da keinen Gefallen.“
       
       Wahlforscher Thorsten Faas sagt: „Dass die Wahl wiederholt werden muss, ist
       Wasser auf die Mühlen derjenigen, die sagen, dass man dem System nicht
       trauen kann.“ Eine Wahl zu wiederholen heiße ja auch, dass am Ende andere
       Ergebnisse und Machtverhältnisse stehen könnten. „Wenn jemand 2021 für eine
       Partei oder Person gestimmt hat, die 2021 gewonnen hat, [6][dieses Jahr
       aber nicht wieder ins Amt gewählt wird], fühlt derjenige sich eventuell
       unfair behandelt“, sagt Faas. „Vor allem, wenn er damals in einem
       Wahllokal, in dem es wenige Fehler gab, oder per Briefwahl abgestimmt hat.“
       
       Es ist auch immer noch nicht hundertprozentig klar, ob die Wahl dieses Mal
       gilt. 43 Berliner:innen haben vor dem Bundesverfassungsgericht in
       Karlsruhe Beschwerde eingereicht. Entsprechende Eil-Anträge, die
       Wiederholung noch vor dem 12. Februar zu stoppen, lehnten die Richter am
       31. Januar ab. Die Grundsatzentscheidung, ob die Wahl verfassungsgemäß ist,
       steht aber noch aus.
       
       „Man kann daran sehr deutlich das Dilemma dieser Wahl sehen“, sagt Faas.
       „Lässt man sie stattfinden und kommt später zu dem Ergebnis, dass sie nicht
       hätte stattfinden dürfen, wäre das ein Problem.“ Man könne nur hoffen, dass
       das alles eine Ausnahme bleibe.
       
       Oda Hassepaß will auf jeden Fall in der Politik bleiben, auch wenn es mit
       ihrer Wiederwahl nicht klappt. „In der Verkehrspolitik gibt es genug zu
       tun“, sagt sie. „Da wird es auch an anderen Stellen Möglichkeiten geben,
       sich einzubringen.“
       
       Maja Lasić sagt, wenn sie einmal nicht mehr als Stadträtin tätig sein
       würde, dann würde sie wieder als Lehrerin arbeiten. Das stehe für sie fest.
       „Wenn ich einem Schüler, der Schwierigkeiten hat, helfen kann, bekomme ich
       das strahlende Feedback direkt“, sagt sie. „In der Politik muss man sich
       selbst ins Bewusstsein rufen, dass man etwas Gutes getan hat.“
       
       6 Feb 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.oda-hassepass.de/
   DIR [2] /Berliner-Leiden/!5804034
   DIR [3] /Karlsruhe-zu-Berlin-Wahl/!5912020
   DIR [4] https://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/forschung/systeme/empsoz/team/Faas.html
   DIR [5] https://maja-lasic.de/responsive-design/
   DIR [6] /Kai-Wegner-CDU-zur-Wahlwiederholung/!5911539
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sascha Lübbe
       
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