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       # taz.de -- Berliner Grüne vor Wahlwiederholung: Spitze nimmt Anhänger in die Pflicht
       
       > Der Frust wegen Lützerath sei verständlich. Doch wer dafür die
       > Spitzenkandidatin abstraft, gefährde einen grünen Sieg, heißt es auf dem
       > Landesparteitag.
       
   IMG Bild: Vizebürgermeisterin Jarasch drängte zweifelnde Anhänger trotz Lützerath-Frusts zu Unterstützung
       
       Berlin taz | Drei Wochen vor der Wahlwiederholung in Berlin am 12. Februar
       hat die grüne Landesspitze von ihrer Anhängerschaft Geschlossenheit
       verlangt, um einen möglichen Wahlsieg nicht zu gefährden. Spitzenkandidatin
       Bettina Jarasch, im rot-grün-roten Senat, der Berliner Landesregierung,
       bisher für Verkehr, Klima und Umwelt zuständig, malte für alle
       Lützerath-Frustrierten in den eigenen Reihen aus, zu was es führen könnte,
       erteilten sie der Partei bei der Wahl einen Denkzettel: „Ihr habt es in der
       Hand, ob Berlin in Zukunft von einer konservativen CDU regiert wird oder
       von den Grünen, die ein klimaneutrales Berlin wollen“, sagte Jarasch bei
       einem Parteitag im Berliner Estrel-Hotel.
       
       Der Frust der Klimabewegung über die Räumung des fast 600 Kilometer
       entfernten nordrhein-westfälischen Dorfes und der Umgang der Grünen damit
       wurde auf dem Landesparteitag immer wieder thematisiert. Nicht nur die
       Grüne Jugend als Nachwuchsverband, auch ältere Mitglieder berichteten am
       Rednerpult von Zweifeln an der eigenen Parteimitgliedschaft. Eine
       Delegierte im Rentenalter, nach eigenen Worten gerade zurück aus Lützerath,
       formulierte es so: „Ich dachte, ich gehe raus aus den Grünen.“ Ein
       Parlamentsmitglied vom Realo-Flügel, der hingegen daran erinnerte, dass
       Parlaments- und Regierungsarbeit stets Kompromisse erfordert, erhielt weit
       weniger Beifall.
       
       Die Wahlwiederholung steht an, weil der Berliner Verfassungsgerichtshof
       Mitte November die [1][Parlamentswahl vom 26. September 2021 für ungültig
       erklärte.] Bei der Wahl vor eineinhalb Jahren gewann die SPD vor den
       Grünen, die wiederum knapp vor der CDU lagen. Regierungschefin des knapp 4
       Millionen Einwohner großen Stadtstaates wurde die frühere
       Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), die so eine bereits seit
       2016 regierende Koalition mit Grünen und Linkspartei fortsetzte.
       
       Aktuell liegt die SPD allerdings abgeschlagen mit 18 Prozent nur auf Platz
       drei. Laut der jüngsten, [2][am Dienstag veröffentlichten Umfrage] führt
       die CDU mit 23 Prozent vor den Grünen mit 21 Prozent. Die bisherigen
       links-grünen Koalitionspartner kommen allerdings weiterhin zusammen auf 50
       Prozent der Stimmen. Die CDU ist trotz Führung auch im Verbund mit der FDP
       von einer Mehrheit im Abgeordnetenhaus, dem Berliner Landesparlament, weit
       entfernt. Mit einer umschwenkenden SPD aber könnten die Christdemokraten
       doch in die Lage kommen, die künftige Landesregierung anzuführen.
       
       Diese Situation schlug sich deutlich in mehreren Reden des Parteitags
       nieder, die vor einer CDU-Regierung warnten. Die SPD wird als Konkurrentin
       um die Führung im links-grünen Lager kaum noch wahrgenommen.
       Spitzenkandidatin Jarasch griff etwa die Idee der CDU auf, den von ihrer
       Partei abgelehnten Weiterbau der Stadtautobahn A100 als „Klimaautobahn“
       anzugehen. Das sei eine Mogelpackung der CDU, sagte Jarasch – „auch eine
       grün angemalte Autobahn bleibt eine Autobahn“.
       
       Für das Wahlprogramm, gegenüber dem von 2021 teilweise aktualisiert, baute
       die Partei einen Punkt ein, der in Kontrast zu einer klaren Positionierung
       des rot-grün-roten Senats steht. Die Grünen begrüßen demnach nun die
       Forderung, das Bundesland schon bis 2030 klimaneutral zu machen. Diese ist
       Ziel eines Volksentscheids, der sechs Wochen nach der Parlamentswahl am 26.
       März ansteht. „Wir wünschen ihm viel Erfolg, denn auch wir sagen Ja zu mehr
       Klimaschutz“, heißt es im Wahlprogramm.
       
       Die Landesregierung, die Klimaneutralität bis 2045 anstrebt, hatte die
       Forderung hingegen mehrfach abgelehnt, weil sie in nur sieben Jahren nicht
       umsetzbar und „nicht zielführend“ sei. „Eine Verschärfung der Zielzahl
       allein wird uns nicht klimaneutral machen“, hieß es bislang dazu – und zwar
       aus dem Mund der für Klimaschutz zuständigen Senatorin Bettina Jarasch.
       
       21 Jan 2023
       
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   DIR Stefan Alberti
       
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