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       # taz.de -- Bayern will Lehrkräfte abwerben: Söder fischt bei den Preißn
       
       > Bayerns Ministerpräsident will Lehrerinnen und Lehrer aus anderen
       > Bundesländern abwerben. Damit bringt er nicht nur bayerische Eltern gegen
       > sich auf.
       
   IMG Bild: Markus Söder (l) und Familienministerin Ulrike Scharf (r) gut gelaunt in der Kita „Kleine Heimat“
       
       München taz | Es muss ein Termin ganz nach Markus Söders Geschmack gewesen
       sein: Gemeinsam mit seiner Familienministerin Ulrike Scharf kam er am
       Mittwoch zur Eröffnungsfeier der inklusiven Kita „Kleine Heimat“ im
       oberbayerischen Münchsmünster. Eine tolle Einrichtung, hier werde, wie die
       Ministerin sprach, echte Teilhabe gelebt. Und zu allem Überfluss gibt es
       sogar noch Alpakas, Seidenhühner und zur besonderen Freude des
       Ministerpräsidenten den Therapiehund Fränky.
       
       Dass er ein Herz für Kinder hat, daran will [1][Bayerns Ministerpräsident]
       keinen Zweifel aufkommen lassen. Vornehmlich bayerische Kinder, versteht
       sich. Erst vor zwei Wochen hat er bei der Klausurtagung seiner CSU-Fraktion
       angekündigt, was seine Regierung [2][vor der Landtagswahl im Oktober noch
       alles reißen will]. Für Kinder und Schüler versprach er mehr
       Ganztagsbetreuung, Laptops, Tablets, Sprachkitas und Schulpsychologinnen.
       Vor allem aber: Lehrer.
       
       In den nächsten fünf Jahren werde es 6.000 neue Stellen geben, sagte Söder.
       Da der Lehrermangel bekanntlich aber nicht nur auf fehlende Stellen
       zurückzuführen ist, sondern vor allem darauf, dass [3][es weit und breit
       kaum Lehrer gibt], die man einstellen könnte, hatte Söder auch hierfür eine
       Lösung mitgebracht.
       
       Künftig werde Bayern aktiv Kräfte aus anderen Bundesländern anwerben.
       Schließlich würden Lehrer in Bayern besser bezahlt, auch ein Paket für
       Start- und Umzugshilfe soll es als Entscheidungshilfe geben. Söder war
       offensichtlich sehr zufrieden mit sich selbst.
       
       ## Großes Vorbild Irland?
       
       Verwundert wird sich der Wohltäter daher die Augen gerieben haben, welcher
       Sturm der Entrüstung sich da plötzlich gegen ihn entlud. Vor allem war es
       der Bayerische Elternverband (BEV), der ihn hart anging. Just während Söder
       arglos Alpakas und Kleinkinder streichelte, veröffentlichte die
       Elternvertretung einen Offenen Brief: „Für die Bildung anderer Bundesländer
       hatten Sie bisher kaum mehr als Geringschätzung übrig“, schreibt BEV-Chef
       Martin Löwe an den „sehr geehrten Herrn Ministerpräsidenten“:
       
       Angesichts dessen solle der „sich schämen, nun, in der Not, im einst
       naseberümpften bayerischen 'Ausland’ nach Lehrkräften zu angeln“ – zumal
       auch dort Lehrermangel herrsche. Söder glaube, wegen der hohen Beiträge
       Bayerns zum Länderfinanzausgleich trotzdem ein Recht darauf zu haben, die
       noch übrigen abzuwerben, moniert Löwe. „Dafür schämen wir bayerischen
       Eltern uns an Ihrer Stelle.“ Der Bildungserfolg von Kindern sei schon jetzt
       vom Geldbeutel der Eltern abhängig. „Soll er nun auch noch von dem des
       Bundeslandes abhängen?“
       
       Auch Bildungsforscher Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung meldete sich
       zu Wort und rügte Söder: „Ich halte es für unverantwortlich, was Bayern da
       macht“, sagte er im Interview mit der Augsburger Allgemeinen und sprach von
       einem „Dammbruch“. Dadurch erodiere „alles Vertrauen darauf, dass wir uns
       als Land dieser Aufgabe gemeinsam stellen“.
       
       Bayern solle lieber andere Möglichkeiten ausschöpfen. Hier würden noch
       vergleichsweise wenige Quereinsteiger unterrichten: „In Bayern sind noch
       Kapazitäten da, um eine gute Begleitung dieser Personen zu gewährleisten.“
       
       Über eine aktuelle Meldung dürfte sich Söder, der den Freistaat ohnehin
       eher in einer Liga mit anderen EU-Staaten und den USA sieht denn als
       einfaches Bundesland, dann doch gefreut haben. Auch Irland kündigte eine
       Maßnahme an, um dem akuten Lehrermangel entgegenzuwirken. Künftig, so war
       in der Irish Times zu lesen, dürften nun in größerem Maße auch im Ausland
       ausgebildete Lehrer in Irland unterrichten. Anders als bisher müssten sie
       dafür noch nicht einmal einen Abschluss in Gälisch vorweisen.
       
       Inwieweit Söder seinerseits bei seiner Abwerbeaktion auf Bairischkenntnisse
       Wert legen wird, darüber hat er sich noch nicht ausgelassen.
       
       2 Feb 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Dominik Baur
       
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