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       # taz.de -- Popstars und politische Stellungnahme: Zwei Worte mit fatalen Folgen
       
       > Der Popmusiker Waleri Meladse soll sich proukrainisch geäußert haben.
       > Regierungstreue Politiker laufen dagegen Sturm.
       
   IMG Bild: Waleri Meladse bei der Verleihung des Goldenen Grammofons in Moskau im Dezember 2021
       
       Auf einer Silvesterfeier in Dubai kam ein junger Mann auf den Sänger Waleri
       Meladse mit den Worten „Slawa Ukrajini!“ (Der Slogan „Ruhm der Ukraine“ –
       „Den Helden Ruhm“ ist seit 2018 der offizielle militärische Gruß in der
       ukrainischen Armee; d. Red.) zu. Der Künstler legte das Mikrofon zur Seite
       und antwortete vermutlich: „Herojam Slawa!“ Dann bat er den jungen Mann,
       sich zu beruhigen, weil „wir hier nicht in der Politik sind“, und sang
       weiter. Zwei Worte, nicht mal ins Mikrofon gesprochen, reichten aus, dass
       sich schon am 3. Januar regierungstreue Politiker und Aktivisten gegen
       Meladse wandten.
       
       [1][Der Vorsitzende der Parlamentsfraktion „Gerechtes Russland – für die
       Wahrheit“, Sergej Mironow], nannte die Äußerungen des Sängers „verwerflich“
       und schlug vor, ihm alle Titel und Ehrungen abzuerkennen.
       
       Eine Parteifreundin Mironows meint, dass man Meladse die Einreise ins Land
       verbieten müsse. Der Vorsitzende des Fonds für historische Forschung,
       Alexander Karabanow, schlug vor, den Künstler ab sofort als „ausländischen
       Agenten“ zu labeln. Und die Organisation Armee der Verteidiger des
       Vaterlands beantragte zu überprüfen, ob die Verleihung der
       Staatsbürgerschaft der Russischen Föderation (RF) an Meladse, der in der
       georgischen Stadt Batumi geboren wurde und lange in der Ukraine gelebt
       hatte, seinerzeit überhaupt legal gewesen sei.
       
       Derselbe Mironow wunderte sich darüber, dass der Sänger außerhalb des
       Landes „Party macht“, fand aber überhaupt nichts dabei, dass ein anderer
       russischer Superstar, Oleg Gasmanow, auf derselben Veranstaltung auftrat.
       
       Meladse reagierte prompt auf die Angriffe auf seine Person. Er erinnerte
       daran, dass die von ihm „heiß geliebten“ Nationen sich in einem Konflikt
       miteinander befänden, und fügte hinzu: „Ich kann und will niemanden hassen
       und versuche nicht, jemandem zu gefallen!“
       
       Die Geschichte von Waleri Meladse ist ziemlich symptomatisch und zeigt die
       wenig beneidenswerte Lage, in der sich der russischsprachige Popmainstream
       seit dem Februar 2022 befindet.
       
       ## Sowjetische Karriere, russischsprachige Stars
       
       Für Meladse war die Ukraine nie ein fremdes Land. Der Sänger hatte seine
       musikalische Karriere in der ukrainischen Stadt Mykolajiw am Schwarzen Meer
       als Mitglied der Band Dialog begonnen. Und er hatte auch mit anderen
       ukrainischen Künstlern gearbeitet. Deshalb war es auch wenig erstaunlich,
       dass Meladse am 24. Februar einer der ersten russischsprachigen Musiker
       war, der sich eindeutig gegen den Krieg aussprach.
       
       Dann sagte er seine Konzerte in der Russischen Föderation ab und steht als
       Musiker mittlerweile auf der schwarzen Liste. Was ihn jedoch nicht davon
       abhielt, auf Unternehmensfeiern in Russland aufzutreten. Im Mai 2022 gab
       Meladse bekannt, dass er seine wissenschaftliche Arbeit wieder aufnehmen
       wolle (er hat zu Wasseraufbereitung promoviert).
       
       Das ist eigentlich schon alles. In den vergangenen zehn Monaten war Waleri
       Meladse kaum noch in der Öffentlichkeit präsent und hatte sich auch nicht
       zum Thema Krieg geäußert. Gerade deshalb wurde sein halb geflüstertes „Den
       Helden Ruhm!“ so ernst genommen.
       
       Einer der bekanntesten Popstars der letzten dreißig Jahre, bei mehreren
       Generationen russischer und ukrainischer Zuhörer gleichermaßen beliebt, der
       sich mehrmals dezidiert für Frieden ausgesprochen hatte, trat weiterhin bei
       privaten Veranstaltungen und außerhalb der RF auf. Eine engagierte
       Öffentlichkeit erwartete von ihm eine möglichst klare Erklärung – pro oder
       contra, aber er schwieg.
       
       ## Popstars im Zwiespalt – reden oder schweigen?
       
       Mit ähnlichen Problemen kämpfen praktisch alle russischsprachigen Popstars,
       die seit Jahrzehnten im Geschäft sind. Die Mehrheit von ihnen hat sich
       nicht klar positioniert und schweigt lieber. Oder tritt auf, als sei nichts
       geschehen. Diese uneindeutige Haltung irritiert diejenigen, die die
       russische Invasion unmissverständlich verurteilen und meinen, dass Künstler
       mit einem großen Publikum sich, wenn sie für den Frieden sind, auch
       eindeutig äußern sollten.
       
       Das alles ist nichts Neues. Die Popszene war lange Zeit einfach apolitisch,
       selbst wenn einzelne Künstler sich in die eine oder andere Richtung
       positioniert hatten. Es wäre seltsam, wenn das jetzt plötzlich anders wäre.
       
       Um eine Ausnahme davon zu machen, muss man mindestens [2][eine Popdiva wie
       Alla Pugatschowa] sein (vielleicht die erfolgreichste sowjetisch-russische
       Popsängerin überhaupt seit den 1970er Jahren bis heute; d. Red.).
       
       ## Künstler müssen keine Erwartungen erfüllen
       
       Die unangenehme Wahrheit ist, dass ein Künstler, wie populär er auch sein
       mag, niemandem etwas schuldet. [3][Er hat das Recht, sich zu äußern] – oder
       zu schweigen. Er kann sich von seiner russländischen Vergangenheit lossagen
       und die Sprache wechseln – oder eben alles beim Alten belassen. Wir setzen
       hohe Erwartungen in einen Musiker, nur weil er erfolgreich ist. Aber das
       heißt nicht, dass er sich immer klug verhält.
       
       Außerdem drücken Popmusiker mit ihren Liedern häufig viel mehr aus als mit
       ein paar Instagram-Posts. Man kann von Waleri Meladse und anderen Stars der
       Vergangenheit keine großen Änderungen erwarten. Sie werden weiter die
       Helden der weiblichen Fans über vierzig sein. Die „Z-Publizisten“ werden
       sich weiterhin darüber aufregen, dass er noch nicht in Donezk aufgetreten
       ist.
       
       Wir werden uns auch weiter darüber beschweren, dass er „für die Harmonie“
       zwischen den Nationen ist, zwischen denen es schon lange keine Harmonie
       mehr geben kann.
       
       Aber anstatt weiterhin etwas von Meladse zu erwarten, sollten wir lieber
       anfangen, uns nach neuen Helden umzusehen, die uns musikalisch wie auch
       zivilgesellschaftlich eher entsprechen. Vor allem, weil es genügend
       geeignete Kandidaten gibt.
       
       Aus dem Russischen [4][Gaby Coldewey]
       
       22 Jan 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Russisches-Staatsfernsehen-ueber-Krieg/!5886694
   DIR [2] /Krieg-in-der-Ukraine/!5882174
   DIR [3] /Pussy-Riot-im-Konzert-in-Berlin/!5851928
   DIR [4] /Gaby-Coldewey/!a23976/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Nikolai Owtschinikow
       
       ## TAGS
       
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