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       # taz.de -- Denkmalschutz mit Doppelstandards: Die Großen lässt man umbauen
       
       > Es ist fachlich gut vertretbar, die Siedlung „Hamburg Bau“ in
       > Poppenbüttel unter Schutz zu stellen. Trotzdem erbost das Vorgehen des
       > Denkmalamts.
       
   IMG Bild: Auch die Kunst am Siedlungsbau ist in Poppenbüttel typisch 70er: Stele von Georg Engst
       
       Die Denkmalbehörde hat die Wohnsiedlung „Hamburg Bau“ in Poppenbüttel-Nord
       unter Schutz gestellt. Fachlich liegt das nahe, auch wenn es einige
       wundert, die dort leben, und es da so [1][schön nun auch wieder nicht
       finden].
       
       Die Siedlung stammt von 1978. Damals dachte selbst der zuständige
       FDP-Bausenator dialektisch: Die Anlage sollte zwischen Individualität
       (Grundrisse, Kubatur, Fassaden) und rot geklinkerter Einheitlichkeit
       vermitteln – These, Antithese, Synthese.
       
       Sie zeugt zudem von [2][einer wichtigen Etappe] in der Geschichte
       [3][staatlicher Wohnungsbau-Subvention], in der durchs Zusammenspiel von
       Bundes- und Landesförderprogrammen die Errichtung auch von
       Zweifamilienhäusern für die Mittelklasse erschwinglich wurde.
       
       Davon haben alle Eigentümer hier profitiert, durch niedrige Kaufpreise auch
       die Zweitbesitzer. Und bestimmt ist ihnen bloß entfallen, dass die
       Öffentlichkeit hier massiv mitfinanziert hat. Sonst könnten sie ja nicht,
       von der auf Unzufriedenheitsdividende schielenden CDU bestärkt, guten
       Gewissens in Mopo und Abendblatt [4][barmen], es wäre „Enteignung“, wenn
       dieselbe Öffentlichkeit nun auch ein Interesse am Erhalt dieser Bauten
       geltend macht. Sprich, sie in den Denkmalrang erhebt.
       
       ## Ein transparentes Verfahren wäre möglich
       
       Wertverlust tritt dadurch nicht zwangsläufig ein, das mal vorweg. Und
       schlechte Nachricht: Um-, An- oder Einbauten sind in Denkmalen zwar
       genehmigungspflichtig, aber, gute Nachricht, dafür auch [5][rasant
       steuerbegünstigt]. Die Behörde hätte also Ängsten begegnen und Chancen der
       Unterschutzstellung benennen können.
       
       Damit hätte sie doch das Wagnis eines transparenten Verfahrens mit
       Unterrichtung und Beteiligung eingehen können. Doch stattdessen hat sie ab
       2021 die Prüfung der Siedlung hinterm Rücken der Eigentümer*innen
       betrieben, und ihnen nun die Entscheidung vor den Latz geknallt.
       
       Das wirkt, als ob sich dieses Amt selbst in feudalen Denkweisen am wohlsten
       fühlt. Oder doch zumindest so handelt. Heißt: Wo Zivilpersonen an ihrem
       denkmalgeschützten Wohnraum etwas ändern wollen, auch im öffentlichen
       Interesse, wie beispielsweise durch Einbau von Balkonkraftwerken, wird das
       Amt gern puristisch-pingelig.
       
       Da behandelt es dann die Frage der Genehmigungsfähigkeit [6][radikal
       restriktiv]. Das ist ein Drama, denn in der Anpassung des Bestands liegt
       der Schlüssel zur Verringerung des CO2-Fußabdrucks von Wohnraum. Das darf
       die Denkmalpflege nicht bremsen.
       
       Und muss sie ja auch nicht. Das Fehlen der City-Hof-Hochhäuser, des
       HEW-Zentrums, der Cremonbrücke, des Postamt 60, der Gewerbeschule, um nur
       ein paar der gewichtigen Abgänge der letzten drei Jahre zu nennen, weist
       darauf hin, dass die Behörde sehr flexibel sein kann: Wo Zentralgewalt und
       Macht im Interesse einzelner Investoren einen Abriss fordern, ist Hamburgs
       Denkmalpflege noch [7][stets zuverlässig untätig oder unwirksam geblieben].
       Zwei Standards schlagen ach!, in ihrer Brust.
       
       ## Verständliche Sorgen
       
       Dabei war ja die Besonderheit des Hamburger Denkmalschutzgesetzes, dass es
       eben nicht nach preußischem Vorbild aus dem Geist der Reaktion zur
       Bewahrung gotischer Herrschaftsbauten als Schönheitsideale entwickelt
       wurde. Es ist aus dem modernen Bürgertum heraus entstanden.
       
       Es sollte dem Schutz vor den Verheerungen eines entfesselten
       Pfeffersackismus dienen, der Hamburg [8][laut Alfred Lichtwark] in eine
       „Freie und Abrissstadt“ verwandelt hatte. Ein frommer Wunsch, der
       Wunschtraum blieb.
       
       Vor diesem Hintergrund werden die Sorgen der Poppenbütteler verständlich:
       Wenn es darum geht, [9][eine beliebte und belebte Siedlung zu erhalten],
       müssen auch die Änderungsbedürfnisse der Bewohner*innen berücksichtigt
       werden.
       
       Das heißt, den Rahmen sinnvoll der Gegenwart anpassen – das hätte ein
       Beteiligungsverfahren leisten können. Zum Wohle aller. Denn Denkmalpflege
       ist im Prinzip nachhaltig. Aber nur, solange sie nicht musealisiert.
       
       5 Feb 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /100-Jahre-Denkmalschutzgesetz/!5744178
   DIR [2] https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/67924/ssoar-2020-ringwald-Sozialer_Wohnungsbau_im_Kontext_deutscher.pdf
   DIR [3] /Sozialer-Wohnungsbau-in-Hamburg/!5880755
   DIR [4] https://www.mopo.de/hamburg/eigentuemer-auf-zinne-221-haeuser-ploetzlich-unter-denkmalschutz/
   DIR [5] https://www.das-baudenkmal.de/wissenswertes/foerderung/steuern-abschreibung
   DIR [6] /Energiewende-in-Hamburg/!5874911
   DIR [7] https://www.denkmalverein.de/verluste
   DIR [8] https://www.deutsche-biographie.de/sfz51089.html
   DIR [9] https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburg-Bau
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Benno Schirrmeister
       
       ## TAGS
       
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