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       # taz.de -- Insekten als Delikatesse: Leckere Schrecke
       
       > Die EU erlaubt gemahlene Insekten als Lebensmittel. Hubsi Aiwanger regt
       > sich deshalb auf – das ist Populismus gegen den guten Geschmack.
       
   IMG Bild: Bei Schulmädchen in Bangkok heiß begehrt: frittierte Insekten aus der Tüte
       
       Was ist knusprig, trocken und macht satt? Denken Sie jetzt an eine Tüte
       Chips? Oder an Knäckebrot? Ich denke an getrocknete Insekten. An
       Heuschrecken, Grillen, Schmetterlingslarven. Während Sie sich jetzt
       vielleicht – wie die meisten Menschen in der westlichen Welt – vor Ekel
       schütteln, regt sich bei mir der pawlowsche Reflex: Mir läuft das Wasser im
       Mund zusammen.
       
       Insekten zu essen, ist ein Hochgenuss. Sie schmecken nussig, knuspern im
       Mund und sind mit jeder Menge Proteinen, Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren,
       die sonst fast nur in Fischen vorkommen, total gesund. In Asien gibt es das
       Fingerfood an fast jeder Ecke. Auch in manchen Ländern Afrikas und
       Südamerikas. Dort ist der Konsum von gegrillten Insekten mitunter so normal
       wie bei uns das Grillen von Nackensteaks.
       
       Vielleicht bald auch bei uns. Ab Dienstag erlaubt die EU [1][per Gesetz]
       der vietnamesischen Firma Cricket One, teilweise entfettetes Pulver aus
       Hausgrillen als Lebensmittel zu verkaufen. In ein paar Tagen dürfen laut
       der neuen EU-Vorschrift zudem Getreideschimmelkäferlarven verwendet
       werden. Das ist ganz wunderbar, endlich hält das Superfood in Europa
       Einzug. Aber leider werden Supermärkte die Maden, Würmer und Käfer nicht
       als Snack für Einfach-so-zum-Wegschnurpsen auf der Straße anbieten. Oder
       als Rindfleischersatz bei der Grillparty in der Gartensparte, sondern vor
       allem als Mehl, das manchen Lebensmitteln beigemischt wird.
       
       Auch wenn Sie sich jetzt vor Abscheu schütteln – all das gibt es bereits.
       Schon länger enthalten manche Nudelsorten, Kekse und Proteinprodukte
       Mehlwürmerpulver. Steht in der Regel nicht groß vorn auf der Verpackung,
       sondern hinten beim Kleingedruckten.
       
       ## Klimafreundliche Proteinaufnahme
       
       Falls Sie jetzt überlegen, ob Sie von ihrem Lieblingsnudelhersteller
       insektenmäßig schon mal reingelegt worden sind – freuen Sie sich lieber
       darüber, dass Sie auf dem Pfad der Tugend wandeln: [2][Insektenessen fürs
       Weltklima.] Schlauer als Hubert Aiwanger, Wirtschaftsminister und
       Vizeministerpräsident Bayerns, sind Sie sicher allemal. Der glaubt nämlich,
       dass Bauarbeiter vom Gerüst fallen, wenn sie drei Tage lang kein Fleisch
       gegessen haben. [3][So jedenfalls begründete der Bauernsohn und Jäger
       einmal sein Karnivorenplädoyer]. Im Hause Aiwanger gibt es sonntags meist
       Braten und abends Wurst.
       
       Für Insekten dürfte sich Hubsi, wie ihn Freund:innen liebevoll nennen,
       nicht in jedem Fall erwärmen. In seiner ganz eigenen Unterkomplexität
       [4][twitterte Aiwanger am Wochenende] zur Großdemo für Klimaschutz und
       gutes Essen: „#WirHabenEsSatt dass Fleischverzehr von Rind/Schwein/Geflügel
       kritisiert wird, aber Insekten ins Essen sollen. Früher wurde ein
       Lebensmittelbetrieb bei Mehlwürmern und Schaben geschlossen, heute soll es
       ‚in‘ sein, damit Veganer ihr tierisches Eiweiß bekommen. #GenussStattEkel.“
       
       Würde sich Aiwanger ein wenig mit Veganismus beschäftigen, könnte er die
       aufgeregten Veganer:innen, die wild zurücktwittern, sie äßen gar nichts
       Tierisches, eben auch keine Insekten, besänftigen: Leute, kommt mal wieder
       runter, ich wollte doch nur einen populistischen Tweet raushauen. Ist halt
       Wahlkampf in Bayern, und [5][die Grünen liegen gerade weit vor meinen
       Freien Wählern], das kann ich doch nicht zulassen.
       
       Würde sich Hubsi Aiwanger auch noch mit Entomophagie – so heißt die
       Ernährung mit Insekten – befassen, wüsste er, dass es rund 2.000 essbare
       Insektenarten gibt. Dazu zählen neben all den Larven, Käfern und Maden auch
       Wespen und Ameisen. Und dann wären da auch noch Skorpione.
       
       Skorpione sind – das ist meine absolute Genussempfehlung – sogar noch
       besser als Insektenmahlzeiten. Der Kopf knackt beim Reinbeißen, den langen
       Schwanz kann man verlustlos ausspucken. Aber dieser krosse Chitinpanzer,
       der hat es in sich: Er teilt sich im Mund wie von selbst und lässt das
       Fleisch darunter frei. Und das schmeckt nach Hummer. Mal ehrlich: Was will
       man mehr?
       
       23 Jan 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Insekten-als-Lebensmittel/!5765632
   DIR [2] /Neue-Insektenfarm-in-Bremen/!5664518
   DIR [3] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/agrar-muenchen-zitat-aiwanger-ueber-fleisch-am-bau-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200702-99-643375
   DIR [4] https://twitter.com/hubertaiwanger/status/1616749878230814720
   DIR [5] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/bayern.htm
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Simone Schmollack
       
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