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       # taz.de -- Ludwigshafen-“Tatort“: Ein Mord wegen Massenmord
       
       > Der neue „Tatort“ aus Ludwigshafen setzt sich mit der Verantwortung für
       > die Massenmorde der NS-Zeit auseinander.
       
   IMG Bild: Können sich die Kommissarinnen Lena Odenthal und Johanna Stern wirklich vertrauen?
       
       Juni 2022: Ein KZ-Wachmann wird zu fünf Jahren Haft verurteilt. Dezember
       2022: [1][Eine KZ-Sekretärin] wird zu zwei Jahren Haft auf Bewährung
       verurteilt. Er arbeitete im [2][Konzentrationslager Sachsenhausen], sie im
       Konzentrationslager Stutthof. Der eine ist 101, die andere 97.
       
       Es geht darum, Unrecht ans Licht zu bringen, über die Verantwortlichkeit
       von Täterinnen und Tätern zu urteilen, sich an so was wie „Gerechtigkeit“
       zu versuchen, an „Wiedergutmachung“. Auch Jahrzehnte später, auch bei
       Menschen, die so alt sind. So alt, dass klar ist: Zahllose andere sind
       gestorben, bevor sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten.
       
       Und so alt, dass auch klar ist: Bei denen, die noch leben, müssen wir uns
       als Gesellschaft beeilen, muss sich die Justiz beeilen mit ihren Prozessen.
       Um dieses Dilemma dreht sich [3][der neue Ludwigshafen-„Tatort“ des SWR]:
       um die Verantwortung für Massenmord. Und einen NS-Mann aus dem
       Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass, 50 Kilometer südlich von
       Straßburg.
       
       Die Hauptfiguren in „Lenas Tante“ sind also: alt. Sie leben längst im
       Pflegeheim. Oder sie sind pensioniert, wie etwa „Dr. Odenthal“, die Tante
       von Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), frühere
       Staatsanwältin und überraschend für ein paar Tage zu Besuch (wie großartig
       übrigens, dass Ursula Werner diese Figur spielt; Andreas Dresen besetzte
       sie in „Halt auf freier Strecke“ und „Wolke 9“, für Letzteren gewann sie
       den Deutschen Filmpreis als beste weibliche Hauptrolle).
       
       ## Die Kommissarinnen bekommen mehr Profil
       
       Diese Geschichte von Stefan Dähnert, der schon viele Odenthal-Folgen
       geschrieben hat, inszeniert von Tom Lass, ein Debüt, funktioniert auch
       deswegen so gut, weil die Kommissarinnen Stern (Lisa Bitter) und Odenthal
       wie nebenbei mehr Profil bekommen, etwa weil plötzlich unklar ist, ob sie
       sich noch vertrauen können. Vor allem aber, weil manche Szenen erst im
       Rückblick mit voller Wucht wirken.
       
       So wie der Tote, mit dem alles anfängt. Lebendig verbrannt, im Krematorium:
       Damit fängt der Film an, noch bevor klar ist, wie sich die Geschichte
       inhaltlich auffächert. Noch bevor klar ist, dass das keine makabre Idee
       ist. Sondern ein Verweis auf deutsche Geschichte. Die in dieser Folge wie
       selbstverständlich präsent ist, mit „Meine Ehre heißt Treue“, mit „Volk und
       Vaterland“, mit „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“,
       mit einem Starkstromkabel als Peitsche, samt SS-Runen.
       
       In südwestdeutschen Dörfern und Städten stehen seit ein paar Jahren hier
       und da Schilder an der Hauptstraße, mit Pfeil: „Gurs 1444 km“, „Gurs 1319
       km“, „Gurs 1027 km“. Gurs, das ist ein Dorf in Südfrankreich, in den
       Pyrenäen, heute wohnen dort nur ein paar hundert Menschen. Gurs, wo das
       deutsche Konzentrationslager stand, in das die NSDAP-Gauleiter im Oktober
       1940 die Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland
       deportieren ließen. Gurs, ein Wort, das zumindest in 13 Jahren Unterricht
       bis Ende der 1990er in einem humanistischen Gymnasium in Baden nicht
       auftauchte, vermutlich in vielen anderen Schulen auch nicht. Von
       Natzweiler-Struthof, knapp hinter der badischen Grenze im Elsass, ganz zu
       schweigen.
       
       Wirklich: Gut, dass es heute solche Sonntagabendkrimis gibt.
       
       22 Jan 2023
       
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