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       # taz.de -- Neujahr in China: Absurde Statistiken
       
       > Chinas Fake-News-Strategie kommt im Volk nicht gut an. Das traditionelle
       > Frühjahrsfest wird überschattet von der hohen Zahl der Toten und
       > Misstrauen.
       
   IMG Bild: Reiseverkehr vor dem chinesischen Frühjahrsfest an einem Bahnhof in Peking
       
       An diesem Samstag ist in China das Frühlingsfest oder das chinesische
       Neujahr. Ein Fest, das Anlass für Freude und Hoffnung geben sollte. In
       diesem Jahr wird es massiv von einer Statistik gestört – die der
       Sterblichkeit aufgrund der grassierenden Pandemie. Spektakulärerweise ist
       dabei weniger die Sterblichkeit zentraler Störfaktor, sondern die
       Statistik als solche. Anfang Januar gab das chinesische Desease Control
       Centrum (CDC) an einem bestimmten Tag 4 Todesfälle bekannt.
       
       Kaum zwei Wochen später korrigierte CDC diese Statistik: In den fünf Wochen
       bis dato seien in China [1][rund 60.000 Menschen] an der Corona-Infektion
       gestorben, auf den Tag gerechnet waren es 1.714, das 428-Fache jener
       Tagesstatistik, die schon bei Bekanntgabe Wellen der Entrüstung auslöste,
       schließlich wurden bereits zwei Wochen zuvor [2][überfüllte Krematorien]
       gemeldet.
       
       In Großstädten wie Peking und Schanghai wurden, so verlautete aus halbwegs
       geduldeten Berichten in den sozialen Netzwerken, sogar stillgelegte
       Stahlöfen wieder befeuert, um die Toten einzuäschern. Mit der drastischen
       Zunahme schwerer Krankheitsverläufe – offiziell haben 90 Prozent der
       Infizierten deutliche Symptome und davon wiederum die Hälfte schwere –
       dürfte die Situation heute noch bedrückender sein.
       
       Laut Uniklinik in der Hauptstadt Peking könnte die erste Infektionswelle
       bereits 900 Millionen Chinesen „durchseucht“ haben. Legt man eine in den
       USA entwickelte Sterblichkeitsrate nach einer Durchimpfung von über 70
       Prozent der Bevölkerung, also 1 von 10.000 zugrunde, würde dies eine Zahl
       von 90.000 Toten ergeben: das 1,5-Fache jener Fünfwochenstatistik in China,
       da, wo die Durchimpfung der über 75-Jährigen gerade einmal die Marke von 50
       Prozent kratzt.
       
       ## Sich wie Schnittlauch fühlen
       
       Die Abwehrkraft der Bevölkerung dürfte dort um ein Vielfaches schwächer
       sein als in den USA und die Sterblichkeitsrate entsprechend höher. Längst
       vertraut in China kaum noch jemand den offiziellen Zahlen. Sei es, wenn
       amtliche Ökonomen für das angebrochene 2023 ein [3][Wirtschaftswachstum]
       von über 5, mancherorts sogar bis 10 Prozent prognostizieren, sei es, dass
       die Arbeitsämter die Arbeitslosigkeit immer noch nahe der Marke von 5
       Prozent angeben – sie alle entlocken Chinesen bestenfalls ein müdes
       Lächeln.
       
       Stattdessen kommt es vermehrt zu offenen Protesten und verbitterten
       Anprangerungen: Als „Schnittlauch“ bezeichnen sich Normalchinesen selbst
       schon eine Weile, jenes Kraut, das zeit seines kurzen Lebens mehrfach
       abgeschnitten wird, also von denen da oben wiederholt abgeerntet wird, bis
       es sich erholt und erneut wächst. Nun kommt die Sterblichkeitsstatistik
       ausgerechnet zum Fest der Fröhlichkeit und Hoffnung an die Öffentlichkeit.
       Im Land macht sich zunehmend Sarkasmus breit.
       
       Selbst wenn die meisten Blogger es noch immer nicht wagen, die Herrscher zu
       beschimpfen, so bleibt doch für die „Experten“, die die lügnerischen
       Statistiken immer schamloser fabrizieren, selten ein gutes Wort übrig.
       „Blutsauger“ heißt es stattdessen, „die, die auf unseren Toten tanzen“. Am
       schlimmsten ist eine alte Metapher, kreiert von dem kritischsten Autor der
       chinesischen Literatur im 20. Jahrhundert, [4][Lu Xun]: „Die, die mit
       unserem Blut getränkte Dampfnudeln essen.“
       
       Zynisch meint ein Eintrag: „Wir lachen die USA aus, die in drei Jahren
       [5][100 Millionen Infizierte] produzierten. Wir tun es in drei Wochen,
       großartig!“ Dabei weiß jeder, wer zu verurteilen ist. „Guan chu shuzi,
       shuzi chuguan“, lautet ein geflügeltes Wort in China seit 30 Jahren. Das
       heißt: Die Macht verschönt die Zahlen, umgekehrt kommt raus umso mehr. Und
       das trifft so ziemlich den Kern des politischen Zynismus.
       
       20 Jan 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/china-corona-tote-101.html
   DIR [2] /Covid-19-in-China/!5903092
   DIR [3] /Coronapandemie-in-China/!5906064
   DIR [4] https://www.ardmediathek.de/video/klassiker-der-weltliteratur/lu-xun/ard-alpha/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvLzg5OGI4N2RiLWJhMzktNGY2Yy04MTVlLTA4MmJjMDhhZTk3ZQ
   DIR [5] https://www.worldometers.info/coronavirus/country/us/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Shi Ming
       
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