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       # taz.de -- Gaga-Wahlkampf in Berlin-Marzahn: Abgehängt mit Gunnar
       
       > Marzahn-Nord hat viele Probleme – und auch noch Gunnar Lindemann (AfD)
       > als Abgeordneten. Linke und SPD wollen ihm nun sein Direktmandat
       > abluchsen.
       
   IMG Bild: Rückt sich gerne ins rechte Licht: Gunnar Lindemann (AfD) im Berliner Abgeordnetenhaus, Januar 2022
       
       Berlin taz | Das Plattenbaugebiet im Marzahner Norden am äußersten
       nordöstlichen Stadtrand ist im wahrsten Sinn des Wortes abgehängt. Die Wege
       in die Innenstadt dauern lange und sind ungemütlich. Am S-Bahnhof
       Ahrensfelde empfängt einen der beißende Gestank nach Urin und im
       Winterhalbjahr Dunkelheit. Die S-Bahnen fahren auf zwei unterschiedlichen
       Bahnsteigen in die Innenstadt ab, und es gibt keine Anzeige, wo die Bahn
       zuerst abfährt.
       
       Für Autofahrer ist es nicht angenehmer, denn man muss sich in den Dauerstau
       zwischen den Brandenburger Berufspendlern einreihen. Aber auch sonst fehlt
       es an Infrastruktur. Ärzte fehlen in Marzahn-Nord ebenso wie preiswerte
       Lebensmitteldiscounter, Bäckereien, Drogerien und Kitaplätze. Die Sanierung
       der Schulen kommt nicht voran. „Die Menschen hier haben den Eindruck,
       vergessen zu werden“, sagt Gordon Lemm, der Bezirksbürgermeister, der sich
       für die SPD um das Direktmandat fürs Abgeordnetenhaus bewirbt.
       
       Vor der Wiederholungswahl stellt sich im Wahlkreis Marzahn-Hellersodrf 1
       die Frage: Kann ein demokratischer Politiker dem AfD-Rechtsaußen und
       jahrelangen Putin-Unterstützer Gunnar Lindemann das Direktmandat abnehmen?
       Der ist seit 2016 direkt gewählter Abgeordneter. Bei der Wahl 2021
       verteidigte er sein Mandat mit nur 70 Stimmen Vorsprung vor Gordon Lemm und
       292 Stimmen vor Björn Tielebein (Linke). 509 Wählern wurde kein Stimmzettel
       für die Erststimme ausgehändigt. Die Wahlbeteiligung lag unter 50 Prozent
       und war damit eine der geringsten berlinweit. „Der Ausgang hängt von der
       Wahlbeteiligung ab“, sagt Lemm.
       
       Wer bei der AfD-Hochburg im Marzahner Norden aber an eine national befreite
       Zone denkt, liegt falsch. Schon in der dritten Generation wohnen hier
       zahlreiche Russlanddeutsche. Unter denen hat Lindemann zwar Anhänger, aber
       nicht alle Russlanddeutschen stehen auf AfD.
       
       ## Eine beliebte Wohnadresse
       
       Auch für vietnamesische Neuberliner ist der Marzahner Norden eine beliebte
       Wohnadresse, es gibt Vereine, die diese Gruppe unterstützen. Und in den
       vergangenen zehn Jahren haben viele Bewohner von Flüchtlingsunterkünften
       gerade hier wegen der niedrigen Mietpreise Wohnungen gefunden. In der Folge
       sind Shishabars und arabische Friseurgeschäfte entstanden. Letztere sind
       oft die einzigen Friseure überhaupt und haben die Infrastruktur ein wenig
       verbessert.
       
       Im Winterwahlkampf dominiert für die Bürger ein Thema, das in der
       Innenstadt unbekannt ist: die fehlende Straßenbeleuchtung. Tielebein ist
       überrascht, wie oft das von Bürgern an Wahlkreisständen angesprochen wird.
       Aber wenn man im Dunkeln über lange S-Bahn-Brücken oder durch Parks läuft,
       dann fehlt das subjektive Sicherheitsgefühl. Steigende Lebensmittel- und
       Energiepreise, Mieten und der Zustand des S-Bahnhofs Ahrensfelde – das
       seien neben der fehlenden Beleuchtung die Themen, die die Bürger an
       Wahlkampfständen ansprechen würden, sagt Tielebein.
       
       Der 37-jährige große, hagere Mann ist im Marzahner Norden aufgewachsen,
       seit Jahren Fraktionschef im Bezirksparlament und ein pragmatischer
       Kommunalpolitiker. Er will die Wahlwiederholung nutzen, um ins
       Abgeordnetenhaus zu kommen. Das geht nur über das Direktmandat. Mit großer
       Präsenz im Wahlkreis und Wahlplakaten auch in Russisch und Vietnamesisch
       soll ihm das gelingen.
       
       „Lindemann hat nichts für diesen Wahlkreis getan. Er hetzt im
       Abgeordnetenhaus gegen Geflüchtete, wirbt für die Autolobby. Aber Themen
       wie Schule, Kita und die Infrastruktur hier kommen bei ihm nicht vor,“ sagt
       er der taz. Da ist er sich mit Lemm einig, der es so formuliert: „Lindemann
       macht einen Gaga-Wahlkampf mit so bescheuerten Inszenierungen, dass das die
       Medien aufgreifen. Bei den sozialen Einrichtungen hier ist er nicht präsent
       und dem Marzahner Norden nützt das überhaupt nichts.“
       
       ## Lindemann feiert sich als Koch für Fertignahrung
       
       Gaga-Wahlkampf? Lemm spielt auf Internetvideos des AfDlers an, in denen er
       im Militärlook in „den nasskalten Wäldern und Steppen der Wildnis Marzahn“
       eine Büchsensuppe wärmt. Lindemann feiert sich als Koch für Fertignahrung:
       Er erläutert beispielsweise, wie man Würstchen erwärmt, Kartoffeln
       zerkleinert oder Sprühsahne auf Eis sprüht. „Lass das mal den Gunnar
       machen!“ oder „Gunnar kann das!“ steht auf seinen Wahlplakaten. Weniger
       gaga waren seine Besuche gemeinsam mit anderen AfDlern und weiteren
       schrägen Vögeln 2018 und 2019 auf der Krim und in der „Volksrepublik
       Donezk“ sowie 2019 in Südossetien, wo sie wie Staatsgäste empfangen wurden.
       
       Lemm hatte vergangenes Jahr für das Abgeordnetenhaus kandidiert, wurde dann
       aber überraschend als Bezirksbürgermeister gewählt. Parteiübergreifend wird
       der 44-Jährige in diesem Job geachtet. Bürgermeister will er auch bleiben,
       sagt er der taz. Sollte er das Direktmandat dennoch erlangen, will er es
       nicht antreten. Warum er dennoch kandidiert? „Die SPD darf niemand anderen
       nominieren. Das sind solche Kuriositäten der Wahlwiederholung.“
       
       Seinen linken Kontrahenten Tielebein macht das wütend: „Wenn Lemm nicht ins
       Abgeordnetenhaus will, soll die SPD doch ihre Anhänger aufrufen, mich zu
       wählen, um den AfD-Kandidaten zu verhindern. Dann hätte unser Wahlkreis mit
       allen seinen Problemen wieder einen demokratischen Vertreter im
       Landesparlament und nicht den AfD-Rechtsausleger.“ Aber die SPD werbe, so
       Tielebein, mit „Alle Stimmen SPD“.
       
       So steht es auf ihren Wahlplakaten. Lemm wiederum macht keinen Hehl daraus,
       dass ihm Tielebein als Wahlkreisabgeordneter lieber wäre als Lindemann.
       „Aber die SPD hat 2021 viele ehemalige AfD-Wähler gewinnen können. Und ob
       die dann auch die Linke wählen?“ Im Falle seiner Wahl würde von der
       SPD-Liste ja jemand anderes nachrücken. „Und der oder die würde sich um den
       Wahlkreis im Marzahner Norden kümmern,“ sagt er der taz.
       
       16 Jan 2023
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Marina Mai
       
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