URI:
       # taz.de -- Nach dem Fischsterben im Sommer: „Dinosaurier“ für die Oder
       
       > Der Naturschutzbund zeichnet den Fluss als „Umweltsaurerei des Jahres“
       > aus. Warschau unternimmt weiter nichts gegen die Salzeinleitungen.
       
   IMG Bild: Nur einer von etlichen Toten Fischen: Szene vom deutsch-polnischen Grenzfluss Oder im August
       
       Warschau taz | Das wochenlange Fischsterben im deutsch-polnischen
       Grenzfluss Oder bekommt als größte Umweltkatastrophe 2022 den diesjährigen
       Negativpreis „Dinosaurier des Jahres“ des Naturschutzbundes Nabu. Polnische
       Industrieunternehmen, aber auch Gemeinden und sogar der Zoologischen Garten
       von Wroclaw (Breslau) hatten ihre oft salzhaltigen Abwässer in die Oder
       geleitet.
       
       Dazu kamen Niedrigwasser und eine extreme Sommerhitze, die die
       Flusstemperatur stellenweise auf rund 27 Grad Celsius steigen ließ – und
       eine für Fische, Muscheln und andere Flusslebwesen tödliche Blüte der
       Goldalge auslöste. Diese Alge kommt normalerweise nur in stehendem
       Brackwasser vor, nicht aber in Fließgewässern. „Wer in diesem Jahr nach der
       größten Umweltsauerei sucht, hat sofort die Umweltkatastrophe an der Oder
       vor Augen“, sagte Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger am Dienstag. Besonders
       ins Gedächtnis gebrannt hätten sich die Bilder der geschätzten 200 bis 400
       Tonnen Fischkadaver, die per Hand, aber auch mit Schaufelbaggern aus dem
       Grenzfluss geholt werden mussten.
       
       Die Oder als „Dinosaurier des Jahres“ stehe stellvertretend für die
       kritische Situation an vielen anderen Flüssen in Deutschland, so Krüger.
       Nach wie vor würden Flüsse begradigt, ihre Ufer befestigt und ihre
       Fahrrinnen vertieft, um eine höhere Fließgeschwindigkeit zu erreichen,
       heißt es in der Begründung des Preises.
       
       Die Folge dieser Maßnahmen: es gehen wichtige Lebensräume für Pflanzen und
       Tiere verloren, die Flüsse selbst verlieren an Widerstandsfähigkeit. Der
       Nabu fordert daher, alle schädlichen Umwelteinflüsse an deutschen Flüssen
       sofort zu stoppen. Für die Oder speziell solle zudem ein Moratorium
       ausgerufen werden, das „sowohl für den Ausbau des Flusses als auch für
       instandsetzende Unterhaltungsmaßnahmen“ gelten solle.
       
       ## Kurze Freude der Umweltschützer
       
       Da Politiker der nationalpopulistischen Regierungspartei Recht und
       Gerechtigkeit (PiS) in Polen sich weigern, eine andere als eine „natürliche
       Ursache“ für das massenhafte Fischsterben anzunehmen, klagten der Nabu, der
       Deutscher Naturschutzring (DNR), der Bund für Umwelt und Naturschutz sowie
       das Brandenburger Umweltministerium vor einem Verwaltungsgericht in
       Warschau.
       
       [1][Ein erster Erfolg war der Stopp der Oder-Ausbauarbeiten] am 9. Dezember
       durch das Gericht, das den Argumenten der Kläger folgte. Doch die Freude
       der Umweltaktivisten währte nur kurz, denn am 21. Dezember, kurz vor Ende
       der Widerspruchsfrist legten sowohl die Generaldirektion für Umweltschutz
       der Republik Polen (GDOŚ) als auch die Behörde für Wasserwirtschaft (Wody
       Polskie) in Warschau Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung ein. Erst
       das Gerichtsurteil nach dem Hauptverfahren im nächsten Jahr wird
       rechtsverbindlich sein. Polens Umweltbehörde hat den Standpunkt, dass der
       Widerspruch gegen eine einstweilige Verfügung diese aufhebt und als
       Ergebnis lediglich bleibt, dass es im konkrten Fall Streit über den
       Oder-Ausbau gibt.
       
       „Wir werden unsere Investitionen mit Sicherheit nicht unterbrechen“,
       kündigt Marek Gróbarczyk, der stellvertretende Infrastrukturminister, an.
       „Denn es geht um die Sicherheit Polens. Zudem haben wir alle erforderlichen
       Genehmigungen eingeholt.“ Die neuen Buhnen, in den Fluss hineingebaute
       kleine Dämme, seien Maßnahmen zum Hochwasserschutz.
       
       „Gerade jetzt können wir die Baumaßnahmen nicht unterbrechen, da dies eine
       Katastrophe nach sich ziehen könnte“, erklärt Gróbarczyk dem PiS-nahen
       Internet-Portal wPolityce. „Es beginnt die Zeit, in der Eisbrecher
       gefährliche Eiszusammenballungen lösen mussen“, so der Vizeminister. „Die
       ersten Eisbrecher sind schließlich schon unterwegs. Wir können von Glück
       sagen, dass wir zur Zeit ein so mildes Wetter haben, aber die Erfahrung der
       letzten Jahre hat uns gelehrt, dass wir wahrscheinlich schon bald gegen
       Eisrückstaus ankämpfen müssen, die Überflutungen auslösen können.“
       
       ## Fischsterben droht Wiederholung
       
       Mit dem Widerspruch werde die rechtliche Bindung der einstweiligen
       Verfügung aufgehoben. „Sicherheit ist wichtiger als irgendein richterliches
       Gutdünken“, so Gróbarczyk. „Dies umso mehr, als wir im Fall des
       Kohletagebaus Turow schon einmal einen solchen Fall hatten.“ Damals sei es
       ein europäisches Gericht gewesen, das die Sicherheit Polens so behandelt
       habe wie jetzt das Verwaltungsgericht in Warschau.
       
       Die Umweltschutzverbände und das Land Brandenburg werfen den polnischen
       Behörden vor, mit dem Abriss der alten Buhnen Sedimentgestein zu lösen, in
       dem sich über die Jahrzehnte auch Schwermetalle und andere für Fische und
       Muscheln gefährliche Stoffe festgesetzt hätten. In gelöstem Zustand
       verhinderten sie die Erholung der Oder und deren Fischbestände nach der
       Katastrophe vom Sommer.
       
       Allerdings warnte inzwischen auch die konservative Tageszeitung
       Rzeczpospolita vor einer Wiederholung des massenhaften Fischsterbens in der
       Oder. Die Zeitung bekam Zugang zu einem internen Experten-Bericht, der im
       Regierungsauftrag erstellt wurde und die bislang vor allem legalen
       Abwasser-Einleitungen in die Oder als Ursache für die hohe Salzlast im
       Fluss und den Tod hunderttausender Fische verantwortlich macht.
       [2][Allerdings haben die zuständigen Behörden bislang keinerlei
       Gegenmaßnahmen ergriffen]. Im Gegenteil: laut Rzeczpospolita gibt es zur
       Zeit 751 Genehmigungen für Abwassereinleitungen in die Oder, 70 Prozent
       davon hätten die Kommunalverwaltungen erteilt, 230 das Amt für
       Wasserwirtschaft.
       
       28 Dec 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Klage-deutscher-Umweltverbaende/!5904079
   DIR [2] /Fischsterben-in-der-Oder/!5877418
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Gabriele Lesser
       
       ## TAGS
       
   DIR Oder (Fluss)
   DIR Fluss
   DIR Polen
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Fischsterben
   DIR Umweltverschmutzung
   DIR GNS
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Frankfurt Oder
   DIR Polen
   DIR Oder (Fluss)
   DIR Fischsterben
   DIR Naturschutz
   DIR Fischsterben
   DIR Polen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Nabu verleiht „Dinosaurier des Jahres“: Die Öko-Frevler 2023
       
       Windräder, Schienen und Wohnungen sollen schneller gebaut werden. Der Nabu
       straft die Reformen mit dem Schmähpreis „Dinosaurier des Jahres“ ab.
       
   DIR Oder-Konferenz in Frankfurt: Ein Fluss, zwei Welten
       
       Polen plant einen großflächigen Ausbau der Oder. Umweltschützer sind
       entsetzt: Das Gewässer gehört zu den letzten naturnahen Flüssen in Europa.
       
   DIR Gericht in Polen: Ausbau der Oder soll stoppen
       
       Großer Erfolg für Naturschutzorganisationen vor Gericht: Der Ausbau der
       Oder ist unzulässig. Werden sich Polens Behörden daran halten?
       
   DIR Verschmutzung der Oder: Alles war völlig legal
       
       Schuld am Fischsterben in der Oder im Sommer 2022 waren Salze aus den
       Kohlegruben Oberschlesiens.
       
   DIR Nach der Oder-Katastrophe 2022: Warten auf den frischen Fisch
       
       Aus der Oder holt Fischer Henry Schneider derzeit keine Fische raus. Nach
       dem großen Fischsterben im Sommer 2022 muss sich der Bestand erst erholen.
       
   DIR Erneute Alarmzeichen in der Oder: Wieder zu viel Salz im Wasser
       
       Nach dem Fischsterben in dem Grenzfluss im August blieb unklar, woher genau
       die tödliche Substanz stammte. Fängt jetzt alles wieder von vorn an?
       
   DIR Untersuchungsberichte zum Fischsterben: Gift in der Oder
       
       Polen und Deutschland legen eigene Berichte zum Fischsterben vor – mit
       unterschiedlichen Ergebnissen. Das liegt auch an den Wahlen im Nachbarland.
       
   DIR Fischsterben in der Oder: Intransparenz und Verharmlosung
       
       Zu spät und zu spärlich klärte die Regierung in Warschau über die
       Verseuchung der Oder auf. Für das deutsch-polnische Verhältnis ist das
       verheerend.