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       # taz.de -- Buch über die Weimarer Republik: Frauen ohne Begleitung
       
       > Harald Jähner zeichnet im Sachbuch „Höhenrausch“ ein faszinierendes Bild
       > über die Weimarer Republik. Mit dabei: komische und schreckliche
       > Geschichten.
       
   IMG Bild: Zum Wimmelbild der rasanten Zeit gehört die Liebe zu Automobilen: Rennen in Berlin 1921
       
       Harald Jähner ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Das hat er schon mit
       seinem letzten Buch „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955“
       unter Beweis gestellt, das verdientermaßen mit dem Preis der Leipziger
       Buchmesse ausgezeichnet wurde. Als Kulturjournalist hat er einen anderen
       Zugang zur- und einen anderen Blick auf die Vergangenheit.
       
       Geschichte besteht für ihn aus tragischen, komischen und schrecklichen
       Geschichten, aus Episoden, die er zum Sprechen bringt und deren Geheimnisse
       er zu lüften versucht, indem er sie in das große Ganze einfügt und dadurch
       ein lebendiges Wimmelbild der Gesellschaft entstehen lässt.
       
       Sein Material besteht nicht nur aus Büchern, sondern auch aus
       Zeitungsarchiven, weil die Nachrichten aus der vergangenen Gegenwart häufig
       ein anderes, unerwartetes Licht auf ein historisches Ereignis werfen, eben
       weil sich die tagesaktuellen Meldungen zumeist nicht immer als objektiv
       erweisen, aber genau deshalb die Atmosphäre der Zeit, um die es geht, sich
       schillernder und vielschichtiger darstellt. Und Jähner schafft es mit
       großer Eloquenz und stilistisch elegant, die Ereignisse beziehungsweise
       eben auch Nichtereignisse zu deuten.
       
       Das schafft er auch mit seinem neuen Buch „Höhenrausch. Das kurze Leben
       zwischen den Kriegen“, in dem er die Weimarer Republik noch einmal neu
       erzählt, von der man dachte, dass sie zu den am meisten untersuchten
       Abschnitten deutscher Geschichte gehört.
       
       ## Geld heiraten, Geld drucken
       
       Bei Jähner macht es großes Vergnügen, sich diesen Zeitabschnitt noch mal
       vor Augen zu führen. Er lässt dabei nicht nur die zumeist ideologisch
       bornierten Leitartikel sprechen, sondern führt uns auf die hinteren Seiten
       der Tagespresse, wo die Kleinanzeigen stehen. Denn auch dort bildet sich
       gesellschaftliche Wirklichkeit ab, etwa wenn sich an die Front beorderte
       Soldaten wieder ins zivile Leben zurückmelden. „Heimgekehrt. Alois
       Feilchenfeld. Übernehme wieder Maureraufträge alle Art.“ Viele suchten
       nicht nur eine Arbeit, sondern gleich ein einträgliches Einkommen.
       „Zwillingsbrüder wünschen in gut geführten Getreidehandel einzuheiraten.“
       
       Und merkwürdigerweise schienen die angebotenen Dienstleistungen und
       Angebote gar nicht so schlecht zu laufen, denn mit Deutschland ging es
       aufwärts, es herrschte Vollbeschäftigung, während die wirtschaftliche
       Situation der Siegermächte gar nicht gut aussah, trotz der Reparationen,
       die dem Verlierer auferlegt wurden. Wie das möglich war?
       
       Indem die Reichsbank einfach Geld druckte. Und man wundert sich. Niemand
       schien aufzufallen, dass das nicht funktionieren konnte. Um das zu
       veranschaulichen: Zwei Milliarden Mark waren 1913 im Umlauf, 1919 waren es
       45 Milliarden. Nur wenige Jahre später hatte der Staat 98 Milliarden
       Schulden bei seinen Bürgern, und die waren „nicht mal so viel wert wie ein
       Sack Kartoffeln“.
       
       Aber das war noch lange nicht das Ende, denn mehr als fünfzig Druckereien
       arbeiteten für die Reichsbank und stellten im Herbst 1923 schließlich sogar
       den Hundertbillionenmarkschein her, der am Ende nicht das Papier wert war,
       auf dem er gedruckt wurde. Die Deutschen entwickelten sich zu Virtuosen im
       Rechnen mit Nullen. Nur wenige wussten den rasanten Verfall der Reichsmark
       für sich auszunutzen und im Devisengeschäft ungeheure Reichtümer
       anzuhäufen. Es herrschte das Gesetz, „rasch weg mit den Scheinen, bevor sie
       noch wertloser wurden“.
       
       Es gedieh, wie Sebastian Haffner schrieb, „eine fieberhafte, heißblütige
       Jugendhaftigkeit, Lüsternheit und allgemeiner Karnevalsgeist“. Das Bild von
       der Weimarer Republik als „Großbordell“, wie es Otto Dix in seinen Gemälden
       einzufangen suchte, war prägend.
       
       Die Katastrophe als Auflösung sämtlicher sozialer Beziehungen ging einher
       mit überfüllten Tanzflächen, um für einen Augenblick alle Sorgen zu
       verdrängen, aber Jähner beobachtet auch ein anderes Phänomen, nämlich
       „Frauen ohne Begleitung“, die damals sofort als Prostituierte identifiziert
       wurden, dabei aber nur lebenshungrige Büroangestellte waren.
       
       ## Der neue Markt der Sekretärinnen
       
       Das lag daran, dass viele Männer aus dem Krieg nicht zurückgekehrt waren
       und im Verwaltungssektor ein ungeheurer Bedarf an Sekretärinnen entstanden
       war – die Zahl der Angestellten verdoppelte sich in nur neun Jahren auf
       vier Millionen –, und dieser neue Arbeitsmarkt bescherte nicht nur
       [1][Siegfried Kracauer] das Material für seine berühmte Angestelltenstudie,
       sondern Frauen eine finanzielle Unabhängigkeit, die sie vorher nicht
       hatten. Der Krieg hatte also nicht nur Leid und Elend hervorgebracht,
       sondern verlieh auch der Emanzipation der Frau einen ungeheuren Schub.
       
       Nach der Währungsreform im November 1923 setzte ein halbes Jahr später
       wieder ein Wirtschaftsboom ein, der bis 1929 andauerte, und das möglich
       machte, was heute als „Roaring Twenties“ bezeichnet wird. In der
       Architektur forderte Bruno Taut den „Tod alles Muffigen“, und mit dem
       Bauhaus hielt der Funktionalismus Einzug in die Architektur. [2][146.000
       neue Wohnungen entstanden zwischen 1925 und 1931], so viel wie nie zuvor,
       auch wenn schon früher eine gewaltige Nachfrage nach Wohnungen existierte.
       
       Ebenso rasant entwickelte sich die Mobilität. 1932 gab es eine halbe
       Million Autos, viermal so viel wie acht Jahre zuvor. Ähnlich verhielt es
       sich mit Lkws und Motorrädern und mit ihnen und der auf 4,3 Millionen
       anschwellenden Bevölkerung Berlins wuchs der Lärm, das Elend, die
       Kriminalität, die Stadt wurde zum Sinnbild von „wucherndem Dickicht und
       gefräßigem Dschungel“. Schon damals wurde die Technik als feindlich
       wahrgenommen, „als Moloch, der den Menschen zu verschlingen drohe“, wie das
       Döblin in seinem Bestseller „Berlin Alexanderplatz“ beschrieb.
       
       ## 35 Vereine in einem kleinen Dorf
       
       Diesem Moloch glaubte man sich am besten widersetzen zu können, indem man
       einem Verein beitrat, also sich mit Gleichgesinnten zusammentat. Zehn
       Prozent der Deutschen suchten in einem Verein Geselligkeit. Das Dorf
       Korschenbroich mit ca. 5.000 Einwohnern, wenn man die Bewohner in der
       näheren Umgebung mit dazuzählte, hatte 35 Vereine, ein Phänomen, das in
       Deutschland eine besonders hartnäckige Tradition hat und selbst durch das
       Fernsehen nicht vollständig auszurotten war.
       
       Auch der „Reichsbund jüdische Frontsoldaten“ suchte mit mehr als 50.000
       Mitgliedern nach Anerkennung in der Gesellschaft und sah in der
       Vereinssatzung „die Grundlage seiner Arbeit in einem restlosen Bekenntnis
       zur deutschen Heimat“. Aber dieses Bekenntnis führte nicht zu weniger
       Antisemitismus, sondern wurde von den Antisemiten vielmehr als Provokation
       empfunden.
       
       Jähner streut viele Einzelschicksale und Biografien ein, die diese Dekade
       mitgeprägt haben, um zu verdeutlichen, dass sich diese Zeit nicht nur aus
       einem bestimmten Blickwinkel erzählen lässt. Er stellt Betrachtungen über
       den so genannten „Bubikopf“ an, der sehr in Mode war, über neue Tendenzen
       in der Fotografie, über die wachsende Bedeutung der Magazine, über
       Autorinnen, Künstlerinnen, Politiker, Philosophen, bis schließlich der
       Schwarze Freitag der rasanten Entwicklung ein Ende bereitet und der
       Nationalsozialismus auf propagandistisch geschickte Weise die tradierten
       Vorurteilsmuster zur gesellschaftlichen Norm erhebt, von der abzuweichen
       das Leben kosten konnte.
       
       Dabei weist Jähner noch einmal darauf hin, dass Hitler nicht etwa an die
       Macht kam, weil die Arbeitslosen ihn gewählt hätten, wie viele noch heute
       annehmen, entscheidend für den Erfolg der Nazis war vielmehr „die Angst vor
       der Arbeitslosigkeit bei denen, die noch Arbeit hatten“. Es war diese
       Angst, die die Mittelschicht radikalisierte und damals in den Nazis so wie
       heute in der „Reichsbürgerschaft“ ihre Erlösung sehen ließ.
       
       Auf diese facettenreiche und ineinander verwobene Weise entschlüsselt
       Jähner peu à peu die psychologische Struktur der Weimarer Republik. Eine
       faszinierende Lektüre, die nur eine Enttäuschung hinterlässt, nämlich die
       Enttäuschung darüber, am Ende des Buches angekommen zu sein. Und der
       Höhenrausch ist zu Ende.
       
       28 Dec 2022
       
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