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       # taz.de -- Korruptionsskandal in der EU: Wie in „Oceans’ Eleven“
       
       > 50.000 Euro in prall gefüllten Geldbriefen: Auch der Generalsekretär des
       > Internationalen Gewerkschaftsbundes steht unter Korruptionsverdacht.
       
   IMG Bild: Luca Visentini in Brüssel
       
       Rom taz | Wenn am Mittwoch in Brüssel der General Council des
       Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) zusammentritt, wird es auch um
       den Weihnachtsmann gehen. Dessen Konterfei nämlich prangte auf den zwei mit
       50.000 Euro prall gefüllten Geldbriefen, die der bisherige Generalsekretär
       des IGB Luca Visentini im Oktober erhielt, von [1][Antonio Panzeri], dem
       Hauptverdächtigen im EU-Korruptionsskandal „Katargate“.
       
       Panzeri, in den Jahren 2004 bis 2019 Abgeordneter des Europäischen
       Parlaments (EP) und danach Chef der von ihm gegründeten Menschenrechts-NGO
       Fight Impunity, hatte Visentini zur vorgezogenen Bescherung in seine
       Brüsseler Wohnung gebeten, ohne zu wissen, dass die mittlerweile von den
       Fahndern verwanzt war.
       
       Und wie schon bei der Wahl des Namens seiner NGO („Bekämpfe die
       Straflosigkeit“) oder des Weihnachtsmann-Motivs auf den Geldbriefen bewies
       Panzeri seinen Sinn für Humor. Wie in „Oceans’ Eleven“ komme er sich vor,
       scherzte er, den Titel eines Films zitierend, in dem ausgefuchste Gauner
       ein Millionending drehen. Visentini lachte herzlich.
       
       Doch das Lachen ist dem italienischen Spitzengewerkschafter mittlerweile
       vergangen. Am 9. Dezember wurde er genauso wie Panzeri, die [2][griechische
       Ex-Vizepräsidentin Eva Kaili] und der im EP tätige Berater Francesco Giorgi
       – er war früher für Panzeri tätig und ist Kailis Lebensgefährte –
       verhaftet. Zwar kam Visentini zwei Tage später wieder frei, doch jetzt geht
       es im IGB um seinen Kopf als Generalsekretär.
       
       ## 50.000 Euro für den Wahlkampf
       
       „Visentini wird bei der Generalratssitzung am Mittwoch auf eine
       tränenreiche Nummer setzen“, sagte ein führender Funktionär eines großen
       Gewerkschaftsbundes aus Europa, der anonym bleiben will, gegenüber der taz.
       „Er wird erzählen, dass er nur lautere Absichten verfolgt hat.“
       
       Der Gewerkschafter verweist auf Visentinis Erklärung von letzter Woche, in
       der er mitgeteilt hatte, er werde sein Amt als Generalsekretär bis zur
       Sitzung des Generalrats ruhen lassen. In der Erklärung steht auch
       Visentinis Version zu den 50.000 Euro, die er von Panzeri erhalten hat. Das
       Geld habe dazu gedient, seine Kosten im gewerkschaftsinternen Wahlkampf um
       den Posten des IGB-Generalssekretärs und seine dabei anfallenden
       Reisekosten abzudecken.
       
       Denn Visentini war erst am 22. November auf dem IGB-Weltkongress zum neuen
       Generalsekretär gewählt worden. 163 Länder sind im IGB vertreten, die ihm
       angehörenden nationalen Organisationen kommen auf 200 Millionen Mitglieder.
       
       „Normalerweise zahlen die Kandidaten ihre Reisekosten aus eigener Tasche
       beziehungsweise aus der Tasche des nationalen Gewerkschaftsbundes, dem sie
       angehören“, hält der Gewerkschafter fest. „Schon dass Visentini sich diese
       Kosten von Dritten hat spendieren lassen, (…) ist ein völlig unkorrektes
       Verhalten.“ Und auch die Einzahlung eines großen Betrags in die Reisekasse
       des IGB, die auch armen Bünden die Teilnahme am Weltkongress ermöglichen
       sollte, sei alles andere als selbstlos: „Da ging es darum, Delegierte
       anzukarren, auf deren Stimmen Visentini zählte.“
       
       ## Imageschaden für Europas Gewerkschaften
       
       Schon vorher, in den Jahren 2015 bis 2022, war Visentini in Brüssel aktiv,
       als Generalsekretär des EGB. Jetzt, so meint der anonyme Gewerkschafter,
       müsse er weg. „Er hat einen katastrophalen Imageschaden für den IGB, für
       den EGB (Europäischer Gewerkschaftsbund, Anm. d. Red.) angerichtet.“
       Visentini behaupte zwar, er habe Katar immer kritisch kommentiert – doch
       die Kritik ist, zum Beispiel mit der Forderung, das Emirat müsse „weitere
       Fortschritte“ bei den Menschen- und Arbeitnehmerrechten machen,
       windelweich.
       
       Und da steht Visentini in einer unrühmlichen Tradition, die den IGB schon
       unter seiner Vorgängerin Sharan Burrow auszeichnete. Seit 2019
       veröffentliche die Dachorganisation immer wieder äußerst freundliche
       Erklärungen gegenüber Katar, mit Titeln wie „Eine neue Morgenröte für
       migrantische Arbeiter“.
       
       Von Morgenröte kann dagegen beim IGB keine Rede sein. Sollte sich Visentini
       halten können, so der anonyme Gewerkschafter, „dann schließe ich auch
       reihenweise Austritte von Mitgliedsorganisationen aus dem IGB nicht aus“.
       
       20 Dec 2022
       
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