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       # taz.de -- Lukaschenko gegen Belarus: Der Diktator droht mit Hinrichtung
       
       > „Terrorakte“ und Hochverrat sollen in Belarus künftig härter bestraft
       > werden. Beobachter sehen darin Anzeichen für einen Kriegseintritt des
       > Landes.
       
   IMG Bild: Bruderdruck: Der russische Verteidigungsminister Schoigu und Lukaschenko in Minsk, 3.12.2022
       
       In Belarus könnten Vollstreckungsbeamte mit dem Spezialgebiet Hinrichtungen
       bald mehr zu tun bekommen. Am Mittwoch nahm das Repräsentantenhaus in
       erster Lesung einen Gesetzentwurf an, der für Staatsbeamte und Soldaten im
       Falle von Staatsverrat die Todesstrafe vorsieht. Das teilte der
       Pressedienst der Abgeordneten mit.
       
       Dem Bericht zufolge sei der Gesetzentwurf zum „Zwecke einer abschreckenden
       Wirkung auf destruktive Elemente“ und der „Demonstration eines
       entschlossenen Kampfes gegen Staatsverrat“ erforderlich. Überdies schlugen
       die Abgeordneten vor, dass künftig die Diskreditierung der „Streitkräfte,
       anderer Truppen Militärverbände sowie paramilitärischer Organisationen der
       Republik Belarus“ unter Strafe stehen soll.
       
       Im vergangenen Mai hatte Präsident Alexander Lukaschenko bereits ein Gesetz
       unterschrieben, das die Todesstrafe für versuchte Terrorakte einführt.
       Beobachter*innen brachten diesen Schritt in einen direkten
       Zusammenhang mit Aktionen der sogenannten [1][Eisenbahnpartisanen].
       
       Dabei handelt es sich um Aktivist*innen, die aus Protest gegen den
       Ukrainekrieg mit Sabotageaktionen Eisenbahnstrecken blockieren, um die
       Bewegungen russischer Truppen zu erschweren beziehungsweise diese von
       Nachschubwegen abzuschneiden.
       
       ## Stille Kriegspartei Belarus
       
       Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist
       Belarus Aufmarschgebiet russischer Truppen, von dem Gebiet werden
       regelmäßig Luftangriffe auf die Ukraine geflogen. Offiziell ist Minsk
       bislang noch nicht in den Krieg eingetreten.
       
       Manche Beobachter*innen aber halten genau das nur noch für eine Frage
       der Zeit. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass ein [2][möglicher
       Kriegseintritt weder in der belarussischen Bevölkerung] noch in den Reihen
       der Soldaten sonderlich populär ist.
       
       Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) verweist in dem
       Zusammenhang auch auf den Besuch des russischen Verteidigungsministers
       Sergei Schoigu in Minsk am vergangenen Wochenende. Dieser habe wohl auch
       dazu gedient, weiter [3][Druck auf Belarus] auszuüben, um Russlands
       Offensivkampagne in der Ukraine zu unterstützen.
       
       Für Pawl Sljunkin, ehemaliger belarussischer Botschafter in Litauen und
       jetzt beim Europäischen Rat für Internationale Beziehungen tätig, kommt die
       jüngste Gesetzesänderung in Sachen Todesstrafe einer Art Vorbereitung
       gleich, sollte Belarus doch aktiv in den Ukrainekrieg eingreifen. Denn als
       Staatsverrat würden das Überlaufen auf die andere Seite, eine Kapitulation
       oder eine Weigerung überhaupt zu kämpfen definiert. Diese Änderung betreffe
       Militärs und Zivilisten.
       
       ## Staatsgeheimnis: Hinrichtungen
       
       Der Gesetzentwurf sei ein Zeichen dafür, dass das staatliche System
       vorbereitet werde. Bei Beamten gelte es zu verhindern, dass sie die Seiten
       wechselten und innerhalb des staatlichen Systems eine Spaltung
       provozierten. „Von den Soldaten will niemand für russische militärische
       imperiale Ambitionen und für Lukaschenko sterben. Lukaschenko versteht das
       sehr gut“, zitiert das russischsprachige Onlineportal insider.ru Sljunkin.
       
       Belarus ist in Europa der einzige Staat, in dem die [4][Todesstrafe immer
       noch vollstreckt] wird – in der Regel durch einen Schuss in den Hinterkopf.
       Informationen über die Anwendung der Höchststrafe werden wie ein
       Staatsgeheimnis behandelt.
       
       Daher gibt es auch keinen belastbaren Daten über die Anzahl der verhängten
       Todesurteile und Hinrichtungen. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty
       International sollen seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991 etwa
       400 Personen zum Tod verurteilt und exekutiert worden sein.
       
       Alexander Lukaschenko hatte in der Vergangenheit wiederholt erklärt, die
       Todesstrafe könne nicht abgeschafft werden, da das der „Wille des Volkes“
       sei. Dabei bemüht Lukaschenko ein sogenanntes Referendum aus dem Jahr 1996,
       bei dem sich über 80 Prozent der Bevölkerung für die Todesstrafe
       ausgesprochen hatten.
       
       9 Dec 2022
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Barbara Oertel
       
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