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       # taz.de -- Kunstausstellung in Chemnitz: Identität nicht nachgewiesen
       
       > Dank Coronahilfen erwarb der Bund zuletzt viel junge Kunst. Sie erzählt
       > von unserer postmigrantischen Gesellschaft, wie nun in Chemnitz zu sehen
       > ist.
       
   IMG Bild: Semantischer Kunstgriff aus Licht: „Die Deutsche Bevölkerung“ von Silke Wagner, 2018
       
       Ein zartes Schachbrett ist auf dem Antrag für einen Kinderpass der
       Bundesrepublik Deutschland zu erkennen. Von Blatt zu Blatt bewegt sich
       darauf eine Bleistiftfigur. Die Visualisierung des ungleichen Spiels
       zwischen Individuum und Bürokratie. [1][Sung Tieu kam als Kind] eines
       vietnamesischen Vertragsarbeiters in die DDR. Ihre „Theoretical Draw“ wurde
       jüngst für die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik
       Deutschland angekauft und ist derzeit im Museum Gunzenhauser in Chemnitz zu
       sehen.
       
       Aus rund 360 Ankäufen der vergangenen fünf Jahre werden unter dem Titel
       „present perfect“ gut 50 Werke von 44 in Deutschland lebenden
       Künstler:innen präsentiert. Viele von ihnen erzählen von Migration, von
       Rassismus und Stereotypisierung, aber auch von Solidarität. Bussaraporn
       Thongchai arbeitete in einem Frauenhaus mit Migrantinnen, die Opfer von
       Menschenhandel und Zwangsprostitution geworden waren.
       
       Eine ihrer düsteren Zeichnungen in Chemnitz porträtiert eine Frau aus
       Ostafrika, die ein Konto eröffnen wollte. Da sie keinen Reisepass, sondern
       nur eine Aufenthaltsgenehmigung besaß, wurde ihr Antrag mit dem Stempel
       „Identität nicht nachgewiesen“ abgelehnt – Bussaraporn Thongchai legte
       Schlingen um den Hals der Frau.
       
       Willy Brandt setzte 1971 mit dem Kauf eines ersten Kunstwerks den Anfang
       für die Bundeskunstsammlung. Inzwischen umfasst sie rund 2.000 Arbeiten.
       Sie hat kein eigenes Haus, ihr Bestand wird an Ministerien, Botschaften,
       das Bundeskanzleramt und an Museen verliehen. Da zumeist die günstigeren
       Arbeiten von jungen Künstler:innen erworben werden – der jährliche
       Ankaufsetat beträgt 400.000 Euro –, ist die Sammlung zugleich Archiv
       aktueller künstlerischer Produktion in Deutschland. Über die Ankäufe
       entscheidet eine Kommission aus Fachleuten, alle fünf Jahre werden sie von
       der Beauftragten für Kultur und Medien neu berufen.
       
       ## Direkt bei Künstler:innen kaufen, nicht über die Galerie
       
       Noch Monika Grütters initiierte das Programm Neustart Kultur, durch diese
       Coronahilfen standen der Sammlung 2020 und 2021 zusätzlich 4,5 Millionen
       Euro für Neuerwerbungen zur Verfügung. „Bedingung war, dass die
       Künstler:innen nicht institutionell, etwa durch eine Professur,
       abgesichert und nicht nur qualitativ interessant waren, sondern durchaus
       auch förderwürdig“, erklärt Frédéric Bußmann, Generaldirektor der
       Kunstsammlungen Chemnitz und Mitglied der Neustart-Jury. „Auch wurde
       versucht, direkt bei Künstler:innen zu kaufen.“
       
       Neben Bußmann arbeiten Nadine Grünewald vom Kunstverein für Mecklenburg und
       Vorpommern und Hilke Wagner vom Dresdner Albertinum als drei von sieben
       Neustart-Jurymitgliedern in Ostdeutschland. Auf ihrer Ankaufsliste stehen
       merkbar viele Künstler:innen, die in Erfurt, Karl-Marx-Stadt oder Leipzig
       geboren sind oder studiert haben. Einige waren schon in der DDR aktiv,
       Osmar Osten etwa, Christine Schlegel, Angela Hampel und [2][Gabriele
       Stötzer].
       
       Die Ausstellung der Bundeskunstsammlung macht derzeit auch eine
       Kulturpolitik deutlich. Zeitgleich zu Chemnitz zeigt etwa das Neue Museum
       Nürnberg eine Auswahl aus der Sammlung. Chemnitz und Nürnberg hatten sich
       beide um den Titel der Kulturhauptstadt Europa 2025 beworben. [3][Er ging
       nach Sachsen]. Behandeln die neu erworbenen Kunstwerke Themen aus dem
       Osten, so werden sie vornehmlich in Nürnberg gezeigt. Darunter Sebastian
       Jungs Zeichenserie „Besorgte Bürger, Chemnitz, 30.08.2018“ [4][zu den
       rechten Ausschreitungen am Rande eines Stadtfestes].
       
       Im Chemnitzer Museum Gunzenhauser kann man hingegen Benedikt Terwiels
       Fotoserie „Imbiss am Kotti“ sehen. Sie erzählt vom Verschwinden einer
       typischen Berliner Kiezkultur zugunsten einer gesichtslosen Renovierung
       öffentlicher Plätze. Ist auf dem gepflasterten Boden zunächst noch zu
       erkennen, wo der Imbiss stand, sind die Spuren bald nicht mehr auf den
       Fotos sichtbar.
       
       Der Künstler Stephan Janitzky stellt in Chemnitz die Frage nach den
       sozialen Möglichkeiten der Malerei, indem er zwei Leinwände auf den Boden
       legte und dazwischen Reste von Kreidestücken, die zuvor von den
       Besucher:innen zertreten und in die Leinwände eingearbeitet wurden.
       
       ## Die Frage nach dem europäischen Selbstverständnis
       
       Die 1989 in Kabul geborene [5][Tamina Amadyar] steuerte mit ihrem
       abstrakten Gemälde „present perfect“ den Titel der Ausstellung bei. Eine
       Zeitform, die Verwendung findet, wenn etwas in der Vergangenheit begann und
       bis in die Gegenwart andauert. Leuchtende Farbfelder aus Grün und Blau
       erinnern an Wasser und Pflanzen oder auch an Hände, die keinen Halt finden.
       
       Zum Ende des Ausstellungsrundgangs steht eine junge Frau barfuß auf dem
       Rollfeld des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof. Im Video von Pauline
       Boudry und Renate Lorenz spricht sie das Protokoll der 1951 verabschiedeten
       Genfer Konvention, das minderjährigen Geflüchteten weitreichende Rechte
       zusichern sollte. Daneben stellt Tilman Hornigs Europaflagge in der
       Kulturhauptstadt Europa 2025 die Frage nach dem europäischen
       Selbstverständnis. Ein Großteil der goldenen Sterne auf blauem Grund ist
       weiß übertüncht.
       
       12 Jan 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Ausstellung-ueber-kulturelle-Ambivalenz/!5623497
   DIR [2] /Underground-Kunstszene-im-DDR-Erfurt/!5889404
   DIR [3] /Europaeische-Kulturhauptstadt-in-Ostdeutschland/!5724524
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   DIR [5] /Ausstellungsempfehlung-fuer-Berlin/!5374980
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sarah Alberti
       
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