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       # taz.de -- Kontinent im Wandel: Reichsbürger schocken Afrika
       
       > Mit Erstaunen blickt Afrika auf die Entwicklungen in Europa. Doch anstatt
       > die Chance zu erkennen, Versorgungslücken zu schließen, schaut man nur
       > zu.
       
   IMG Bild: Demonstriert Unterstützung für Russland, in der Hauptstadt Burkina Fasos Ouagadougou im Oktober
       
       Dunkle Wolken zogen 2022 über Europa. Sie kamen aus Russland und
       verfinsterten zuerst die Ukraine. Afrikaner, die es gewohnt sind, vor
       Unheil zu fliehen, konnten nicht glauben, dass Menschen mit hellen Haaren
       und blauen Augen aus einem europäischen Land in andere Staaten flüchten und
       von Hilfsorganisationen versorgt werden mussten.
       
       Schockiert über [1][steigende Preise] für Speiseöl und Seife machten wir
       Afrikaner genau das Falsche: Anstatt sofort Millionen unserer unbebauten,
       fruchtbaren Quadratkilometer Land zu erschließen, um Sonnenblumen
       anzubauen, die schon nach drei Monaten eine üppige Ernte bringen, schickten
       wir eine Präsidentendelegation nach Moskau, um dort Hilfe zu erbitten.
       
       Als im September die dunklen Wolken England bewölkten, weil [2][Königin
       Elizabeth II. starb], wurden wir überrascht Zeugen, wie im Vereinigten
       Königreich reibungslose Übergänge stattfanden, auch wenn die
       Premierminister in rascher Folge wechselten. Hoffentlich haben wir
       Afrikaner gelernt, wie wichtig es ist, Institutionen und Verfassungen zu
       respektieren und die Regeln einer friedlichen Machtübergabe zu befolgen.
       
       Das Jahr endete mit einem Schock aus Deutschland, als dort [3][Dutzende
       Putschisten festgenommen] wurden. In Afrika hielten wir das zunächst für
       einen Scherz. Deutschland gilt in ganz Afrika als Vorbild für Exzellenz
       nicht nur in technischen Belangen. Wir waren schockiert, dass afrikanische
       Methoden des Regierungswechsels von Europas stärkster Wirtschaftsmacht
       erprobt werden sollten.
       
       ## Den Silberstreif ergreifen
       
       Auf der anderen Seite des Atlantiks hat Afrika zuvor über die
       Präsidentschaft von Donald Trump gewitzelt. Trump gefiel Afrika sehr, weil
       er zeigte, dass auch mächtige, entwickelte Staaten wie ein Zirkus geführt
       werden können. Trumps Weigerung, die Macht abzugeben, und der
       [4][Putschversuch seiner Anhänger] wurden in Afrika als Beweis gesehen,
       dass auch die USA auf unser Niveau sinken können.
       
       Diese Haltung und Reaktion in Afrika ist aufgrund der Ereignisse während
       der Kolonialzeit leichter zu verstehen. Nach der Berliner Konferenz von
       1884–85, bei der Afrika aufgeteilt wurde, entsandten die europäischen
       Mächte in der Regel respektable Fachkräfte zur Arbeit nach Afrika. So kamen
       weite Teile Afrikas damals mit Europa nur durch aufrichtige Missionare,
       Lehrer, Ärzte, Ingenieure und disziplinierte Militärs und Polizisten in
       Kontakt.
       
       Als jedoch der Zweite Weltkrieg ausbrach, rekrutierten die europäischen
       Kolonisatoren viele Afrikaner als Soldaten. Sie erlebten, dass auch der
       „weiße Mann“ von Angst ergriffen und sogar besiegt werden kann. Bei ihrer
       Rückkehr überzeugten sie ihre Landsleute davon, dass die Kolonisatoren auch
       nur Menschen seien und bekämpft und vertrieben werden könnten. Das
       beschleunigte die Dekolonisierung.
       
       Die unabhängigen afrikanischen Staaten wurden jedoch schlecht regiert.
       Viele Führer wurden zu Dieben, Diktatoren und Mördern. Viele gebildete
       afrikanische Fachkräfte begannen, nach Europa und Amerika auszuwandern.
       Später begannen Millionen afrikanischer Jugendlicher, allen Gefahren zu
       trotzen, um ihrem Kontinent zu entkommen. Deshalb erkennt Afrika heute
       nicht den Silberstreif in der Verunsicherung, die Europa und Amerika
       ergreift.
       
       Will Afrika, wenn der [5][Krieg in der Ukraine] andauert, weiter nur
       Zuschauer sein? Afrika sollte feiern, dass der Kontinent die Möglichkeit
       hat, sich zu industrialisieren und sollte mithilfe des verfügbaren Wissens
       und neuer Technologien die Versorgungslücken schließen. Aber das ist nur
       ein Wunsch. Wie schnell es passieren kann, hängt davon ab, wann Afrika den
       Silberstreif in den dunklen Wolken über Europa sehen wird.
       
       25 Dec 2022
       
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