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       # taz.de -- Alternativen für WM-Muffel: Big Apple Bike
       
       > Es muss nicht immer Fußball sein. Aber Radfahren durch den
       > Großstadtdschungel ist auch nicht unbedingt zu empfehlen – schon gar
       > nicht in Manhattan.
       
   IMG Bild: Hunderte von Menschen auf Fahrrädern erobern die Straßen in Chelsea in New York im September
       
       Bei mir ist es lange her, dass ich mir eingebildet habe, dass mein Sport,
       das Radeln, unpolitisch ist. So ziemlich genau 20 Jahre. Damals bin ich von
       München nach New York gezogen. Im oberbayerischen Postkartenidyll war das
       Fahrradfahren am Wochenende unschuldiges Freizeitvergnügen. Doch in New
       York merkte ich schnell, dass jede Ausfahrt, gleich ob es über die
       George-Washington-Bridge den Hudson hinauf ging oder den Broadway hinunter
       zum Kino ins Village, ein politischer Akt ist.
       
       Manhattan ist einer der am dichtesten besiedelten Flecken der Welt. Kaum
       sonstwo ist Platz ein so kostbares Gut. Und so mussten die Radfahrer, als
       sie in den siebziger Jahren anfingen, sich in der automobilisierten
       Metropole etwas Raum zu erobern, von Anfang an um jeden Zentimeter kämpfen.
       [1][Mittlerweile sind große Fortschritte gemacht worden].
       
       Der ansonsten umstrittene Bürgermeister Bloomberg hat Tausende von
       Kilometern an Radwegen angelegt und das beste Bike-Share-Programm
       etabliert, das ich je in einer Großstadt erlebt habe. Doch die Kämpfe gehen
       weiter. Die Anzahl der Radler steigt unproportional, die Infrastruktur
       bleibt ungenügend.
       
       ## Proteste für sicheres Radeln
       
       Die Zahl der Verkehrsopfer bleibt ebenso inakzeptabel wie die
       Gleichgültigkeit von Polizei und Justiz. Das hat zu Protesten geführt. Es
       gibt seit Jahrzehnten die Critical Mass Rides, [2][die sogar bis nach
       Berlin geschwappt sind]. Es gibt eine Lobby namens „Transportation
       Alternatives“. Und in den vergangenen Jahren wurden bei jedem tödlichen
       Zusammenstoß Die-ins vor dem Rathaus veranstaltet.
       
       Während der Pandemie ist nun eine ganz neue Gruppe auf den Straßen New
       Yorks aufgetaucht. Wie man heute weiß, waren sie schon lange da, sie sind
       nur zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit aufgefallen: die wilden Pulks
       schwarzer Jugendlicher, die auf gepimpten Mountainbikes mitten auf dem
       Broadway oder sogar auf der Stadtautobahn an der Westseite wilde Tricks
       vorführen. Die Fahrten nennen sich Rideouts, die Subkultur hat das Hashtag
       #Bikelife, ihr Motto lautet „We Outside“.
       
       Warum das politisch ist? Die Kids, meist aus Gettobezirken wie Bronx oder
       Harlem, reklamieren Raum im reichen kommerziellen Herzen von New York. Sie
       brechen aus den Bezirken aus, in welche jahrzehntelange rassistische
       Wohnungspolitik sie verbannt hat, und zeigen mit martialischen Gesten
       Präsenz. Und den Einschüchterungsversuchen der Polizei trotzen sie
       selbstbewusst. Nach einer Nacht im Gefängnis sitzen sie am nächsten Tag
       wieder im Sattel.
       
       14 Dec 2022
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Sebastian Moll
       
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