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       # taz.de -- Konzert von Rosalía in Berlin: Flamenco mit Motorrad
       
       > Der spanische Popstar Rosalía überzeugt bei seinem Konzert im
       > ausverkauften Berliner Velodrom am Sonntagabend mit einer Performance
       > ohne Mätzchen.
       
   IMG Bild: Kann was: Rosalía bei einem Konzert in Braga/Portugal am 26. November 2022
       
       In der spanischsprachigen Welt ist Rosalía Vila Tobella, genannt Rosalía,
       schon längst ein Star, ach was, ein Superstar. Sieben Latin-Grammys hat die
       Katalanin eingeheimst, längst ist die 30-Jährige auch im
       angloamerikanischen Popmainstream gefragt.
       
       Für das Lied „TKN“ hat Rosalía US-Rapper Travis Scott als Duettpartner
       gewonnen. Den Song „Lo vas a olvidar“ nahm sie 2021 gemeinsam mit Billie
       Eilish auf, beide fügten ihn auch als ihren gemeinsamen Beitrag zum
       Soundtrack der HBO-Teenager-TV-Serie „Euphoria“ hinzu.
       
       In den meisten nicht spanischsprachigen Ländern zündet Rosalías Karriere
       allerdings noch nicht so richtig, zumindest nicht in puncto Albumverkäufe.
       Weder mit dem Debütalbum „Los Ángeles“ 2017 noch mit dem Zweitling „El ma
       querer“, veröffentlicht im Jahr danach, konnte die Künstlerin in die
       Topränge der britischen und deutschen Charts vordringen.
       
       Ihr [1][drittes Album „Motomami“] dümpelte vor ein paar Monaten in
       Deutschland auf Platz 28, nicht mehr als ein Achtungserfolg. Was etwas
       verwundert, denn Rosalía hat hierzulande viele Fans. Schon zu daran zu
       sehen, dass ihr Konzert in Berlin am Sonntagabend ausverkauft ist. 5.000
       Zuschauer, überwiegend Twentysomethings, pilgern ins Ufo im Velodrom –
       angezogen von einer Künstlerin, die etwas sehr Besonderes hat: eine
       eigenwillige musikalische Handschrift.
       
       ## Wilder Ritt durch Reggaeton, Bolero und Bacchata
       
       Nun hat Rosalía also die Chance, ihre Vielseitigkeit auf der Bühne zu
       beweisen. Lautes Motorradknattern kündigt ihr Erscheinen auf der Bühne an,
       die Sängerin, eingerahmt von ihren Tänzer:innen, stolziert in einem
       blinkenden Motorradhelm nach vorne. Jedenfalls bis sie ihren ersten Song
       „Saoko“ singt. Ohne Begleitband, auf die sie erstaunlicherweise verzichtet.
       
       Bei Bedarf greift Rosalía einfach selbst zum Instrument. Für „Dolerme“
       spielt sie Gitarre, bei „Hentai“, einem Manifest der weiblichen Lust, setzt
       sie sich ans Klavier. Später, in der Zugabe, stimmt sie im „Sakura“-Intro
       noch mal einige Takte auf dem Piano an, bevor ein Pianist übernimmt.
       
       Über weite Strecken des Konzerts hält Rosalía die Balance zwischen
       aufgedrehten Uptempo-Clubtracks und melancholischen Balladen. „De plata“
       von ihrem Debüt kommt in einem futuristischen Flamenco-Pop-Gewand daher.
       Ihre neuen Lieder bieten dagegen eine wilde Mischung aus Reggaeton, R&B,
       Trap, Bolero, Jazz und Bachata, wie charakteristische Rhythmen aus der
       Dominikanische Republik genannt werden. An Björk lehnt sich Rosalía ebenso
       an wie an Beyoncé.
       
       Egal, welches Register des globalen Pop sie gerade zieht: Stets bahnt sich
       ihre prägnante Sopranstimme einen Weg durch die musikalische Kulisse. Das
       filigrane „G3 N15“ ist zum Dahinschmelzen. Als Rosalía diesen Titel
       anspielt, dreht sie sich auf einer Scheibe. Obwohl die Musik bei ihr
       tonangebend ist, verzichtet sie nicht auf Showeinlagen. Doch diese sind
       verhältnismäßig unprätentiös – wenige Lichteffekte, etliche Choreografien.
       
       Bei „Motomami“ bilden ihre Tänzer:innen ein Motorrad, auf dem die
       Sängerin nonchalant am Meer vorbei braust. Die ersten Takte von „La Combi
       Versace“ stimmt sie im Liegen an, das Twerken beherrscht sie genauso gut
       wie Rihanna. Bloß ist sie keine unberührbare Diva, sondern sucht sehr
       bewusst den Kontakt zum Publikum.
       
       ## Zum Anfassen
       
       Einzelne Zeilen aus „La noche de anoche“ lässt sie von textsicheren Fans
       singen, mehr noch: Die Menschen dürfen sie anfassen und herzen, rasch
       schreibt sie Autogramme. Danach scheint sich Rosalía jedoch ein bisschen
       derangiert zu fühlen. Sie nimmt auf einem Friseurstuhl Platz, um sich Haare
       und Make-up wieder richten zu lassen. Nebenher intoniert sie „Diabolo“ ohne
       einen winzigen Patzer.
       
       Andere Musikerinnen wären für solch ein Touch-up hinter der Bühne
       verschwunden, Rosalía gönnt sich keine (Umzieh-)Pausen. Über volle zwei
       Stunden Bühnenprogramm kommt sie mit einem Outfit aus. Zum hautengen blauen
       Pullover trägt sie einen ultrakurzen schwarzen Lederminirock und
       Overknee-Stiefel.
       
       Was auffällt: Von ihrem einstigen Markenzeichen, den überlangen künstlichen
       Fingernägeln, hat sich Rosalía inzwischen verabschiedet. Vielleicht, weil
       ihre Inszenierung mehr Natürlichkeit ausstrahlen soll.
       
       Auf jeden Fall wirkt ihr Lachen glaubwürdig, als sie für die Zugabe auf
       einem Roller zurück auf die Bühne fährt. Mit „Chicken Teriyaki“ zelebriert
       sie Reggaeton, mit „CUUUUuuuuuute“ klingt der Abend schließlich scheppernd
       aus. Solche augenöffnenden Momente lassen nicht den geringsten Zweifel
       daran, dass Rosalía eine Alleskönnerin ist. Ob energetische Banger oder
       nachdenkliche Momente: Die spanische Künstlerin weiß zu faszinieren –
       immer! [2][Auf diese Weise gibt sie all jenen Kontra], die ihr vorwerfen,
       sie habe sich als Katalanin unrechtmäßig den andalusischen Flamenco
       angeeignet.
       
       5 Dec 2022
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Dagmar Leischow
       
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